Von der allmählichen Abnahme des Abstands

Werbewoche-Redakteurin Anne-Friederike Wilhelm über die neue Nähe.

Merken Sie etwas? Wir lassen nicht nur die Köpfe hängen, sondern auch unsere Ellenbogen – und rücken wieder näher zusammen. Trotz der Schweinegrippe. In der Flaute, der Krise, der Talsohle zählt der Austausch mit dem Menschen vom Nachbarschreibtisch endlich wieder etwas, Schulterschlüsse und Kollegialität gewinnen an Wert. Zwar steigt der Druck auf uns alle unaufhörlich, gecancelte Aufträge, Kurzarbeit und reduzierte Stundenpensen machen es uns aber auch wieder möglich, ein paar Minuten des Tages an unsere Mitmenschen zu verschenken. Es liegt schwer im Trend, ehemalige Arbeitskollegen in der Beiz wiederzuerkennen, bei Xing alte Kontakte aufzukochen, gute Freunde endlich mal wieder zu besuchen oder den Geschwistern oder Eltern einen Besuch abzustatten.
Auch Paare besinnen sich angesichts der bröseligen Wirtschaftslage eines Guten und ehelichen und gebären, was das Zeug hält. Trennungen waren gestern, heute sind Schwangerschaftsbäuche in Mode. Selbst der Nachbar grüsst wieder täglich – schliesslich sitzt man im gleichen Boot. So gesehen hat die Krise etwas wirklich Gutes: Das Wesentliche ist nicht länger völlig unsichtbar. Nur das rücksichtslose Gerangel im Tram ist nach wie vor das Gleiche, morgens, mittags und abends. Aber vielleicht kann da ja die Schweinegrippe noch etwas ausrichten.

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