Reifeprüfung

Bettina Schaefer hat rechtzeitig einen neuen Trend erkannt und bietet mit der Agentur Scout immer mehr auch ältere Models an für Werbung, Film und Mode.

Die Werbung ist im Wandel. Nicht nur ständig neue Medien buhlen um unsere Aufmerksamkeit. Gefragt ist auch ein neues Vertrauen. Wo die Reizüberflutung täglich grösser wird, können nur noch glaubwürdige Botschaften mit einer echten Chance zum Wahrnehmen rechnen. Dazu kommt die neue soziografische Struktur unserer Gesellschaft. Die Zielgruppe der 40–50-Jährigen bildet die aktivsten Konsumenten mit sehr guter Kaufkraft. Diese Menschen im besten Alter lassen sich aber nicht mehr von einer Werbung überzeugen, die ihnen 15-jährige Identifikationsfiguren vorsetzt. «Ich habe das selber bei mir festgestellt. Mit 40 findest du es nicht mehr lustig, wenn dir ein blutjunger Teenager dein Lieblingslabel präsentiert. Das macht dich nicht mehr an», meint Bettina Schaefer. Zwar hätten das in der Werbung noch nicht alle realisiert. Der Trend ist aber unverkennbar. «Heute verlangen 80 Prozent der Aufträge nach reiferen Models», weiss Bettina Schaefer. Belegen kann sie diese Tendenz mit der Nachfrage in ihrer Agentur. Scout 1 und die kürzliche Erweiterung mit Scout 2 in Zürich sind spezialisiert auf «echte Menschen». Scout 1 präsentiert in ihrem Portfolio professionelle Modelle. Diese werden auch international angeboten und arbeiten regelmässig in Paris, London und New York. Zusammen mit den noch am Beginn ihrer Karriere stehenden «New Faces» finden sich rund 350 Gesichter in der Kartei. Anders als bei den meisten Agenturen sind aber viele dieser Profis bereits «im reiferen Alter». Immer mehr Kampagnen oder Präsentationen werden nämlich mit echten Menschen zwischen 25 und 40 Jahren fotografiert. «Zwar machen die Kreativen am Computer vielleicht ein paar Falten weg. Gefragt ist aber eine reife Ausstrahlung», weiss Bettina Schaefer. Um dieser steigenden Nachfrage nach authentischen Models nachkommen zu können, hat sie im letzten Jahr auch noch Scout 2 gegründet. In dieser People-Agentur sind ebenfalls rund 350 Menschen präsent und das Angebot steigt laufend. Diese verschiedensten Charaktere modeln aber nicht professionell. Hier finden sich vom erfolgreichen Anwalt über den echten Handwerker oder von der attraktiven Lehrerin bis zur kinderliebenden Grossmutter alle, die gerne mal auf der anderen Seite der Kamera stehen möchten. Mit den nun kombinierbaren Angeboten von Scout 1 und 2 ist Bettina Schaefer überzeugt, «dem aktuell grossen Wandel» in der Modelbranche mit dem genau richtigen Konzept begegnen zu können. Der Erfolg hat die Agentur bereits auf zehn feste Mitarbeitende anwachsen lassen. Neben der Chefin wirkt ein zweiter Scout beim Entdecken neuer Talente sowie beim Scannen der rund 40 neuen Bewerbungen pro Tag. Drei Grafiker pflegen die Setkarten sowie die Portfolios im Internet. Dazu kommen die Berater am Bookingtisch sowie zwei Leute für die Administration.
Bettina Schaefer, die selber als Model angefangen hat, ist nach der Schule zu ihrer Mutter in die Schweiz gekommen. In ihrer Heimat hat sie das Abitur in Kunst und Sport gemacht. Deshalb konnte sie in Zürich das geplante Medizinstudium nicht ohne Zusatzprüfungen in Angriff nehmen. Während Bettina für die verlangten Fächer büffelte, wurde die attraktive Blondine auf der Strasse mehrmals angesprochen, ob sie nicht als Model posieren möchte. «Mit 19 war das natürlich lustig.» Und so ist schliesslich die Medizin der Mode gewichen. In den folgendn vier Jahren als Model hat Bettina Schaefer neben lokalen Aufträgen auch für Vogue, Harper’s Bazar und viele internationale Kampagnen wie zum Beispiel Nivea gearbeitet. «Im Schnitt stand ich vier Tage pro Woche vor einer Kamera», erinnert sie sich an diese Zeiten. Sie genoss es, regelmässig in Paris, London, Milano und auch New York unterwegs zu sein. «Man lernt interessante Leute kennen, kann seine Sprachen einsetzen und merkt mit der Zeit auch, welche Kontakte man weiter pflegen muss.» Anders als einige Top-Models, die ungern an ihre Vergangenheit erinnert werden, würde es Bettina Schaefer jederzeit wieder tun. «Das Modeln ist eine sehr wertvolle Lebensschule. Viele Erfahrungen kann man auch in seine nächsten Projekte einbringen, wo man sich wieder weiterentwickelt.» Das Ex-Model kann den Job einem jungen Talent deshalb nur empfehlen. «Es ist ein hochseriöses Business.» Wer es an die Spitze schaffen will, muss aber viel Disziplin aufwenden. «Heute vielleicht noch mehr als früher.»
Trotz vielen Angeboten war das Posieren für Bettina Schaefer dann ausgereizt, nachdem das Erfolgserlebnis vom ersten Titelblatt immer mehr zu einer Wiederholung wurde. Die Welt der Fotografie hat sie allerdings nach wie vor fasziniert. So hat sie 1986 ihre erste eigene Agentur gegründet. Option ist von Zürich aus heute noch international erfolgreich, wird aber von anderen Partnern weitergeführt. Bettina Schaefer ist 1991 ausgestiegen, weil sie inzwischen vermehrt selber fotografieren wollte. Da bereits ihr Vater ein leidenschaftlicher Hobbyfotograf war, hat er seine Tochter mit einer professionellen Nikon zu diesem Schritt motiviert. Bereits bei der Option hat Schaefer immer häufiger die Portfolios für ihre Models selber fotografiert, weil sie eine genaue Vorstellung der gewünschten Qualität hatte. Als freie Fotografin wollte sie sich nun auf Kinder und Celebrities spezialisieren. So kamen bald regelmässige Aufträge von Katalogen,Werbung oder Beautykampagnen. Später folgten private Anfragen von Künstlern wie Maximilian Schell und seiner Familie, Otto Walkes oder Mario Simmel. Ein tief empfundenes Erlebnis wurde es für Bettina Schaefer, wie sie drei Wochen lang als «Privatfotografin» den Dalai Lama auf einer Tour begleiten durfte.
Als sie auf einem anderen Job in Ägypten den Fotografen Daniel Gerber kennen lernte – «Er war auf dieser Produktion für die Stills zuständig, ich für die Printsujets der Männer» – sollte sich die Richtung des Berufs noch einmal ändern. «Zwar fotografier¬te ich bis einen Tag vor der Geburt unserer Tochter und war auch vier Tage danach bereits wieder unterwegs», erinnert sich Bettina Schaefer. Trotzdem wollte die berufstätige Mutter für die Zukunft etwas mehr Ruhe in das Leben bringen. «Wir suchten nach einer Lösung mit mehr Stabilität für unsere junge Familie.» Die Lösung fand sich in Scout. Mit der im Jahre 2004 gegründeten Agentur wollte Bettina Schaefer zuerst vor allem neue Models «scouten» und diese dann «international aufbauen». Bald hat sich aber das Geschäftsmodell viel spannender entwickelt. «Ich hatte den richtigen Riecher, dass immer mehr Alltagsgesichter und vor allem auch ältere Models gefragt sein werden.»
Andreas Panzeri

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