Zu guter Letzt: Psychotherapie per Handy-App

Ob Essstörungen, Depressionen oder Tinnitus: Eine Psychotherapie per Bildschirm, E-Mail oder unterstützender App bietet Vorteile gegenüber der klassischen Couch. Dies berichten deutsche und Schweizer Forschende.

Eine solche Form der Psychotherapie würde jedoch nicht den lebendigen Therapeuten ersetzten. Doch die Onlinetherapie senke die Hemmschwelle, könne lange Wartezeiten für Patienten überbrücken und sei ortsunabhängig. Allerdings seien Internettherapien nicht für jedermann und für alle psychischen Krankheiten geeignet, vor allem nicht bei komplexen Fällen. Die Internetangebote seien «eine Ergänzung» zur klassischen Behandlung, bei der sich Therapeut und Patient gegenüber sitzen, sagt Anette Kersting vom Universitätsklinikum Leipzig.

Das Uniklinikum hat bereits zwei Forschungsprojekte zu Internettherapien abgeschlossen – für Frauen, die ihr Kind während der Schwangerschaft verloren haben, und für Patienten mit Binge-Eating-Störung, die unter immer wiederkehrenden Essanfällen leiden. Die Betroffenen erhielten über einen längeren Zeitraum Schreibaufgaben; die Kommunikation mit dem Psychotherapeuten erfolgte auf einer geschützten Plattform. «Solche Therapien wirken ähnlich gut wie vergleichbare ambulante Behandlungen», meint Kersting. Das bestätigte offenbar auch eine Studie von Forschern aus Leipzig und Zürich. Zudem erleichtern sie vielen Betroffenen die Hilfesuche, weil die Anonymität gewahrt bleibt. «Kein Mensch sieht den Patienten in die Praxis eines Psychotherapeuten gehen», sagt Kersting.

Die Psychosomatikerin verweist aber auch auf die Grenzen der Fernbehandlung: Patienten mit komplexen Krankheitsbildern, schweren Depressionen oder auch Suizidgefährdete könnten damit nicht ausreichend betreut werden.

In der Schweiz bietet die Universität Zürich Online-Therapien bei Depressionen, Traumata oder anhaltender schwerer Trauer an, die Uni Bern bei sozialer Phobie. Eine Art «virtuelle Psychologenpraxis» ist Psy-help-online.ch. Derzeit werden diese Angebote nicht von der Grundversicherung bezahlt. In anderen Ländern wie Schweden und den Niederlanden ist die onlinegestützte Therapie bereits Teil des regulären Versorgungssystems.

psy-help-online

Patienten, die eine solche Internet-Therapie nicht selber bezahlen können oder wollen, finden im Internet auch zahlreiche Selbsthilfeangebote, die ähnlich wie ein Ratgeberbuch aufgebaut sind, aber auch Übungen anbieten und bei Bedarf die Rückmeldung von Experten. Dazu zählen zum Beispiel Deprexis.de und Novego.de, die Hilfe bei leichten bis mittelschweren Depressionen, Burnout oder Phobien versprechen.

Bei allen möglichen Vorteilen, einem generellen Hang zu Social Media und trotz der Haltung, online nicht jede Kleinigkeit regulieren zu wollen; Selbsthilfebücher, Ratgeber, Online-Therapie – klingt ohne Regeln für die einzuhaltenden Standards doch ein wenig suspekt. Gerade ein Hilfesuchender will sich wohl nicht auch noch überlegen müssen, welcher Ratgeber nun den regulären Standards einer guten Therapieform entspricht. Aber Hauptsache es gibt ein App dazu. (uma/SDA)

Bild: Psy-help-online.ch
 

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