«User-Daten interessieren uns nicht»
Seit Juli 2014 gibt es eine Schweizer Alternative zu Google: Die «Antwortmaschine» Swisscows.ch, die auf eine semantische Suche setzt, keine Userdaten speichert – und damit auf beglaubigte Reichweitenzahlen verzichtet.
Zur Person: Andreas Wiebe, geboren 1974, ist Russlanddeutscher. 1989 kam er nach Deutschland und studierte Industrie- Elektronik in Bonn. Er gründete diverse Firmen, deren Produkte mehrfach mit IT-Innovationspreisen ausgezeichnet wurden. 2008 startete er in der Schweiz die Hulbee AG für Hard- und Software-Entwicklung.
Swisscows.ch wird von der Hulbee AG in Egnach TG betrieben. Die Werbewoche sprach mit Andreas Wiebe, CEO und Gründer von Hulbee, über sein Projekt, sein Geschäftsmodell und Expansionspläne. Wiebe wird am 3. März auch am Schweizerischen Marketingtag in Luzern auftreten.

2014 haben die Schweizer am häufigsten nach «WM 2014», «iPhone 6» und «Michael Schumacher » gegoogelt. Ihre Suchmaschine Swisscows startete im Juli, also mitten in der WM – wie sieht die Swisscows-Rangliste aus?
Andreas Wiebe: WM 2014, iPhone 6, Conchita Wurst.
Swisscows.ch sei nicht bloss eine Suchmaschine, sondern die erste intelligente Antwortmaschine, schreiben Sie auf der Website. Können Sie das konkretisieren?
Bei Suchmaschinen wie Google oder Yahoo wird der eingegebene Suchbegriff im Index der Maschine gesucht und zurückgeworfen, egal zu welcher Thematik er passt. So erhält man x-tausend Dokumente. Doch mit wachsendem Informationsvolumen ist dies nicht zukunftstauglich. Deshalb setzen wir bei Swisscows auf eine semantische Suche: Hinter jedem Begriff steht quasi ein dicker Ordner mit vielen Stichwörtern, die zum Suchbegriff passen. Zu «WM» passt WM 2014, Brasilien, Messi, Blatter, aber auch WM 2010, Leichtathletik-WM oder Wachtmeister (Wm). Swisscows analysiert diese, fasst sie zusammen und stellt sie in Form von Kacheln dar.
Ich erhalte also nicht bloss seitenweise Ergebnisse, sondern auch eine bildliche Darstellung möglicher Zusammenhänge, mit der sich die Suche mit einem Klick eingrenzen lässt?
Richtig. Insgesamt kommt der Suchende so schneller zu den gewünschten Informationen. Darum reden wir von einer Antwortmaschine.
Nach dem Start der Websuche haben Sie weitere Assets lanciert.
Als Zweites lancierten wir «Annonce» für die Werbetreibenden. Das ist der Platz, wo Firmen Werbung setzen dürfen. Das funktioniert ähnlich wie Adwords von Google, ist aber selbst entwickelt. Danach brachten wir die Bildsuche, im November die Videosuche und im Dezember die Musiksuche. Neuerdings haben wir auch eine mobile App.
Was ist bei der Bild- und Musiksuche anders als bei Google?
Fährt man mit dem Curser über die Bilder, erscheinen drei Funktionen, die diese Bildsuche effizienter gestalten. Zudem lässt sie sich geografisch eingrenzen. Für die Musiksuche arbeiten wir mit Soundcloud zusammen, der wohl grössten Musikdatenbank. Dank eines Players kann der User zudem seine eigene Playlist zusammenstellen und diese auch unterwegs hören. Wichtig dabei ist die Sicherheit des Nutzers: Dieser Bereich bleibt völlig anonym.
Welchen Mehrwert bietet Swisscows bei der Videosuche?
Im Moment handelt es sich bloss um eine Suche auf YouTube, weil dies unsere User gewünscht haben. Da YouTube aber seine User überwacht und auswertet, schalteten wir einen Proxiserver dazwischen. So sieht YouTube weder, woher der User kommt, noch, wer was sucht. Für YouTube ist einzig erkennbar, dass die Suche von Swisscows aus getätigt wird. Der User kann also diskret suchen. Will er aber ein Video ansehen, warnen wir ihn, weil er dann den geschützten Bereich verlässt. Wir sind allerdings daran, ein eigenes Videoportal aufzubauen, doch das dauert noch.
Planen Sie Weiteres?
In der zweiten Hälfte Februar lancieren wir einen Übersetzungsdienst. Später folgt ein Tool, mit dem man Videos nach Ton und Text durchsuchen kann. Drittens planen wir einen Service, mit dem sich Texte, ja ganze Bücher auf eine beliebige Länge zusammenfassen lassen.
Auf der Website heisst es: Swisscows speichert keine User-Daten. Weder IP-Adressen noch Tracking Cookies, noch Suchbegriffe. Gar nichts. Warum?
Ich warne schon seit 14 Jahren vor der Überwachung. Uns interessieren diese Daten nicht und wir wollen sie auch niemandem weitergeben. Von unserer Marketingabteilung kam zwar der Einwand, dass wir damit auf schnelle Einnahmen verzichten. Doch wir haben uns für die Sicherheit der Nutzer entschieden.
Wer garantiert mir, dass Sie wirklich keine Daten speichern?
Derzeit gebe ich als Swisscows-Gründer einfach mein Ehrenwort. Aber wir sind daran, einen Security-Beirat aus glaubwürdigen und kompetenten Personen ins Leben zu rufen, die unseren Verzicht auf Datenspeicher bestätigen können.
Das ist umso nötiger, als ein europäischer Geheimdienst einmal von Ihnen eine Softwarelizenz für Dokumentenmanagement gekauft hat.
Ja, das war 2002, aber bei einer meiner anderen Firmen. Die Hulbee AG tut dies nicht.
Dennoch bringt Sie dies in die Nähe der Geheimdienste und des Militärs. Zweifel, ob Sie und die Hulbee AG wirklich sauber sind, wären verständlich.
Es ist anders herum: Gerade weil ich damals sah, was seitens der Geheimdienste abgeht, kam ich zum Schluss, dass der User unbedingt geschützt werden muss. Auch Edward Snowden hat im NSA-System gearbeitet und entschied irgendwann auszusteigen. Mir erging es ähnlich, auch wenn ich nie so tief drin war wie er.
Swisscows behauptet, monatlich 3,5 Millionen Page-Impressions (PI) und rund 800 000 Unique User (UU) zu haben. Doch Swisscows lässt sich bei NET-Metrix gar nicht erheben.
Weil dies voraussetzt, dass wir Cookies setzen und somit einen Teil der Userinformationen speichern.
Wie kommen Sie dennoch zu den Zahlen?
Unser Server zeigt uns an, wie viele Suchanfragen getätigt und welche Suchbegriffe eingegeben wurden. Aktuell sind es 3,5 Millionen Suchanfragen pro Monat. Daraus leiten wir ab, dass bei jeder Suchanfrage etwa vier bis fünf Sites angeschaut werden – wie bei Google. Daraus ergibt sich die ungefähre Anzahl UU. Wir kennen aber weder deren IP-Adressen noch woher sie kommen oder wohin sie gehen.
Sie zählen also die Suchanfragen, können sie aber nicht beglaubigen lassen.
Richtig. Und die Zahl der UU ist bloss geschätzt.
800 000 UU entsprechen etwa der Reichweite von Bluewin oder Blick online. 3,5 Millionen PI entsprechen etwa den Seitenaufrufen bei Ticketcorner.
Wir sind sehr glücklich, dass Swisscows nach nur einem halben Jahr bereits auf eine so gute Nachfrage stösst.
Wie sieht Ihr Geschäftsmodell aus?
Wir haben das Angebot «Annonce», das unten auf unserer Website zu finden ist. Eine Anzeige kostet dort mindestens 150 Franken und es funktioniert wie bei Google: Klickt jemand darauf, wird vom Guthaben ein Franken abgebucht.
Wie steht es um Ihren Werbeumsatz?
Er steigt langsam. Auch grosse Unternehmen testen uns derzeit. Diese Testphase dürfte Mitte Jahr zu Ende gehen. Wir werden dann wie Google je nach Suchbegriff unterschiedliche Preise verlangen. Die Platzierung der Anzeige im Umfeld «iPhone» wird dann mehr kosten als bei «Sumpfdotterblume». Preislich werden wir aber günstiger sein als Google.
Wann rechnen Sie mit Break-even?
Swisscows sollte Ende 2015 Break-even sein. Zusätzlich haben wir ja auf der Startseite noch eine Kachel als Banner – das ist für Brandingwerbung und damit teurer als eine Annonce.
Wie viel haben Sie in Swisscows investiert?
Ein paar Millionen. Derzeit sind dafür 54 Mitarbeiter tätig.
Wie kamen Sie auf den Namen Swisscows?
Wir wollten unbedingt Swissness im Namen haben. Aus mehreren Gründen: Wir wollen betonen, dass wir aus Europa heraus agieren und nicht etwa aus den USA. Im derzeitigen Cyberkrieg steht Swiss zudem für Neutralität. Drittens steht Swiss auch für Qualität. Für den zweiten Teil des Namens suchte ich einen Begriff, der bildhaft für die Schweiz steht. Für mich sind das die Kühe, mehr als Rolex oder Käse. Zudem: Die Kuh ist nicht aggressiv und ihre Milch ist ein wunderbares Produkt. Genauso ist es mit Swisscows: Wir wollen niemanden angreifen oder ausspionieren. Unser Produkt soll einzig den Menschen nützen.
Denken Sie an Expansion?
In Deutschland und Österreich sind wir bereits, und die Nachfrage dort ist ebenfalls gross. Weil wir viele Anfragen aus Grossbritannien und den USA erhielten, werden wir etwa ab Mai 2015 auch dort aktiv – unter gleichem Namen. Die Server bleiben aber in der Schweiz. Zudem entwickeln wir unser Angebot weiter. Denn das, was wir mit Swisscows beweisen, werden wir nun auch als Produkte für Unternehmen anbieten – für deren Suche nach internen Daten. Dafür hatten wir schon sehr viele Anfragen.
Swisscows ist also sozusagen das Aushängeschild für Hulbee.
Richtig.
Sie werden am Schweizerischen Marketingtag vom 3. März 15 auftreten, der unter dem Motto «Von Big Data zu Big Inspiration» steht. Was wird Ihre Botschaft sein?
Unter Big Data verstehe ich all die unstrukturierten Daten, die ungenutzt in den Unternehmen gespeichert sind. Big Data ist Wissen, das sich im Chaos befindet. Wer lernt, dieses Wissen zu verstehen und zu nutzen, wird die Zukunft formen. Dennoch appelliere ich an die Unternehmen: Verzichtet darauf, eure Mitarbeiter mit der Strukturierung dieser Daten zu beauftragen. Besorgt euch besser Werkzeuge, die diese Informationen automatisch analysieren. Hulbee entwickelt seit Jahren solche Werkzeuge, etwa die Software «DataCloud» (http://www. hulbee.com/produkte/datacloud/).
Markus Knöpfli
