Eiertänze um die journalistische Qualität
Jedes Mal, wenn Prof. Kurt Imhof sein Jahrbuch über journalistische Qualität veröffentlicht, nimmt ihm dies die Branche übel. Sie verträgt es schlecht, dass einer ähnlich eitel und wirkungsbewusst daherkommt wie sie und erst noch mit penetranter Beständigkeit einen der wundesten Punkte in der aktuellen Medienentwicklung berührt.
Sowohl Imhofs Aussendungen als auch die Reaktionen der empfindlichen Empfänger scheinen von einem Grundmissverständnis auszugehen: Sie verwechseln Qualität mit Niveau. Qualität bezeichnet in meiner Anschauung eine ganze Anzahl von nachprüfbaren Leistungen und Eigenschaften, z. B. redlicher Umgang mit Quellen, Darstellung kontroverser Meinungen unabhängig von derjenigen des Berichterstatters mit ihren besten Argumenten, sprachliche Reinlichkeit, Offenlegung von Lücken, wie sie aktualitätsbedingt unvermeidlich sind. Per saldo ist journalistische Qualität dann geleistet, wenn die angepeilten Zielgruppen bzw. die spezifischen Lesesituationen so bedient werden, dass Verständlichkeit entsteht und im besten Fall Verständnis möglich ist. Mit anderen Worten: Auch die Glückspost kann ein Qualitätsmedium sein, wenn sie nach den oben aufgeführten Kriterien arbeitet. Niveau hingegen kennzeichnet die Darstellungsform: Dass Blick am Abend und NZZ auf verschiedenen kognitiven Flughöhen unterwegs sind, ist eine Binsenwahrheit. Aber ist es denn zulässig, das eine mit dem anderen zu vergleichen, ja: das eine zu verdammen und das andere heilig zu sprechen? Wem würde es denn einfallen, H&M mit Prada oder McDonald’s mit der Kronenhalle zu vergleichen? Was bei Kleidern, Restaurants und hundert anderen Angeboten der Wirtschaft selbstverständlich ist – nämlich die Bedürfnisbefriedigung auf sehr verschiedenen Niveaus –, ist doch auch bei Medien gang und gäbe.
Als früherer Boulevardjournalist (sieben Jahre in der Redaktionsleitung des Blicks) und annähernd zwanzig Jahren an der Spitze lokaler Gratiszeitungen protestiere ich aus Erfahrung gegen Imhofs Unterstellung, populär und gratis sei gleichzusetzen mit Irrelevanz und zwangsläufig fehlender Qualität. Haben wir nicht in Hunderten von konkreten Einzelfällen – und immer unter einem Zeitdruck, der der Medienwissenschaft fremd ist – beim Versuch, eine boulevardeske Schlagzeile zu formulieren, die qualitativen Mängel einer Geschichte herauspräpariert? Haben nicht die abonnierten Qualitätsmedien in ihren besten Zeiten bis zu 80 Prozent ihrer Einkünfte aus dem Anzeigengeschäft geschöpft, so dass man sie getrost als «Vier-Fünftel- Gratismedien» hätte bezeichnen dürfen? Die Vertriebsform als Qualitätsmerkmal – welch eine Absurdität! Ich bestehe darauf: Man kann auch hoch komplexe Zusammenhänge in die Verständlichkeit übersetzen. Wäre dies nicht möglich, wäre unsere direkte Demokratie eine Farce. Hier wird nämlich auch dem nicht akademisch gebildeten Servicemonteur und der Kellnerin zugemutet, mit Ja oder Nein über hoch komplexe Fragen wie Masseneinwanderung, Gentechnologie oder Goldpolitik abzustimmen. Von daher ist die professorale Verachtung populärer Medien eine Anmassung. Ich habe – vor allem bei aufwändigen Auslandrecherchen – in Dutzenden von Fällen übrigens festgestellt, dass die Recherche beim Blick gründlicher, weil direkter gewesen ist, während die Meute der vermeintlich rechtschaffenen Medien eine vergleichsweise minderwertige, aber einheitliche und damit sozusagen «allgemein verbindliche» Agenturversion verbreitet hat.
Dumm und kurzsichtig ist freilich auch die Kritik vieler journalistischer Praktiker an der Medienschelte, die vom professoralen Hochsitz herab ertönt. Warum wehren sich Journalisten und ihre Vorgesetzten eigentlich immer noch gegen Methoden der objektiven Qualitätsmessung, wie sie nicht nur in der Industrie, sondern auch in allen erdenklichen Dienstleistungsbereichen zum Standard gehören. Warum gibt es ISO-zertifizierte Treuhandgesellschaften, Anlageberatungen, Bildungsinstitutionen, Anwaltskanzleien und andere intellektuelle Dienstleister, aber keine Redaktionen? (Mehr darüber auf http://www.sqs.ch/de/Leistungsangebot/ Branchen/Dienstleistungen) Herrscht etwa die überhebliche Meinung, bei uns sei grundsätzlich sowieso alles anderes als bei allen anderen? Oder ist es die schlichte Angst vor einer objektiven Qualitäts- und Leistungsmessung?
Karl Lüönd ist freier Publizist und Buchautor
