«Mein Beruf ist meine Berufung»
Kreativität ist keine Frage des Standorts oder von Awards. Sondern das Ergebnis aus Leidenschaft und Überzeugung für das, was man tut. Diesem Credo folgt Sandro Walder, seit er das Familienunternehmen walder,werber werbeagentur in Uster von seinem Vater übernommen hat.

Eine entspannte Stimmung schlägt dem Besucher beim Eintritt entgegen. Grosse Fenster und Glaswände geben der Agentur in den alten Industrieräumen direkt am Bahnhof einen offenen, modernen Look. Des Geschäftsführers Reich liegt im hintersten Winkel. Nicht klar ist, ob er sich dort am besten seiner Detailliebe mit Passion und Musse hingeben kann oder vielmehr die Mitarbeiter unbeobachtet und aus freiwilliger Motivation arbeiten lassen möchte. Oder beides. Eines ist dabei jedenfalls klar: Sandro Walder ist kein einfacher Chef, für ihn ist «gut genug» nicht gut genug und zufrieden ist er erst dann, wenn alles perfekt passt. Was nicht überzeugt, geht nicht raus. Sandro Walder hat die Agentur vor sieben Jahren als Familienunternehmen übernommen und führt sie in zweiter Generation ohne einen zusätzlichen Partner. Und das wolle er auch so beibehalten. «Selbstverständlich haben auch wir Stress und Druck, doch die Qualität der Ideen und Umsetzungen darf in keinem Fall darunter leiden », lässt Walder einfliessen, während er weiter durch die durchgestylten Räume schlendert. Die Fluktuation in seiner Agentur ist klein. Trotz einiger Wechsel ist ein Teil seiner Mitarbeiter doch schon seit Jahren dabei. «Was für eine Agentur eher untypisch ist, vor allem gerade, wenn man mit eher jungen Leuten arbeitet», sagt Sandro Walder zu seinem «Glück», wie er es nennt. Im Vergleich zu Zürcher Agenturen der gleichen Grösse sei man in diesem Bereich ein wenig ländlicher, ein wenig loyaler. Ob die Mitarbeiter darum eher bereit sind, agenturübliche Überstunden zu leisten? Walder jedenfalls schon – regelmässig und bewusst, aber auch mit Freude.
Modern – im Kern traditionell
«Die Agentur war von den Windeln bis heute immer ein Teil meines Lebens», sagt Walder. Warum also nicht mal am Wochenende eine Kiesgrube besuchen? Oder ein Beton-Unternehmen, ein paar Tapeten- Geschäfte oder Designmessen im In- und Ausland. Selbstverständlich mit Frau und Kind, schliesslich ist ja Wochenende. Auch wenn Sandro Walder und Familie nicht immer ihre Freizeit auf diese Weise gestalten, so ist dies dennoch oft der Fall. «Das ist aber gleichzeitig auch das Spannende», findet Walder. Denn Freizeit und Arbeit sind für ihn eins, sein Beruf ist seine Berufung. «Und wenn nichts läuft, dann werde ich kribblig», wirft er ein. Er könne nicht rumsitzen. Also finden am Wochenende oft Kundenanlässe statt, welche vielmals auch gerade durch walder,werber organisiert und inszeniert werden. Auch abgesehen von seiner Freizeit- Planung setzt Sandro Walder als Zürcher Oberländer Arbeitgeber auf eigene Werte. Eine moderne Auftragsumsetzung sowie eine gehörige Portion radikaler Neuorientierung gehen Hand in Hand mit einer flachen Hierarchie und viel Eigenständigkeit, Slampoesie und positiver Ehrlichkeit. Er habe zwar ein Familienunternehmen übernommen, aber gleichzeitig immer dagegen angekämpft, die «Oberländer Agentur aus Uster» zu sein, bestätigt Walder diesen Eindruck.
Man sei ja nicht weniger kreativ, nur weil das Büro nicht in Zürich liege. «Uster ist die drittgrösste Stadt im Kanton Zürich und man ist in 13 Minuten mit der S-Bahn von der Agenturtür im Stadelhofen.» So war es Walders Ziel, weg vom Image «Land und Wiese» hin zu einer ernstzunehmenden mittelgrossen Kommunikationsagentur. Heute betreut Sandro Walder auch nicht mehr viele Kunden, die sein Vater noch vertrat. Das habe schnell gewechselt, erzählt er. Denn immer mehr seien Kunden aus seinem Umfeld dazugekommen, oder aus seiner Vergangenheit. Der grossgewachsene junge Mann mit dem strahlenden Lächeln ist generell ein guter Verkäufer.
Nicht umsonst preist er die 44-Jahr-Feier von walder,werber mit Begriffen wie «Marktschreierei» an. Das ist auch so gemeint. Doch es braucht nicht nur grosse und laute Worte. Er ist auch tatsächlich der freundliche Typ, der jeden auf der Strasse grüsst und den persönlichen Kontakt einem Austausch per Facebook, Twitter oder WhatsApp vorzieht. Das Menschliche sei extrem wichtig, sagt er. Darauf weist Sandro Walder auch bewusst in der Agentur- Philosophie hin: «walder,werber hat keinen einzigen Kunden.» Denn die Agentur verstehe ihre Kunden als Partner, für die man täglich sein bestes gebe. Und diese Kunden sollen am liebsten auch nicht besonders zahlreich, sondern vor allem äusserst zufrieden sein. Klingt ein bisschen sehr marktschreierisch? Und zu einfach schmeichlerisch, um wahr zu sein? Das ist aber tatsächlich so, sagt Sandro Walder, überzeugend pragmatisch. So hätte seine Agentur auch selten an Preisverleihungen teilgenommen. Denn seine Agentur rühmt sich nicht mit Kreativpreisen und «Sehen-und-gesehen-werden-Apéros». Selbstverständlich sei es wichtig, dass auch Agenturen ihre Wertschätzung erhalten. Aber die liegt eben gerade nicht in den Awards im Regal, wenn es nach Sandro Walder geht. Wertschätzung erlange man in einer engen persönlichen Kundenbeziehung, die weit über die klassischen Kommunikationsaufgaben geht, sagt er. «Wir gehen auf die Bedürfnisse der Kunden individuell ein, weil wir unsere Kunden kennen. In jeder Hinsicht», betont Walder. Und der Kunde kenne so auch die Agentur. «Wir wollen die Geschichte des Unternehmens und der Personen dahinter kennenlernen. Und erzählen.»
Der Geschichtenerzähler
Am liebsten arbeite er überall anders als in seinem Büro im hintersten Eck der Agentur, sagt Sandro Walder. Daher hat er auch ein verhältnismässig grosses und einladendes, modernes Café im zweiten Stock der Agentur gebaut und mit diversen Gegenständen und Ausstellungsstücken geschmückt. Da stehen etwa drei weisse Zwerge im Sitzungsraum auf einer Säule, in Anlehnung an die drei Affen – nichts hören, nichts sehen, nichts sagen. «Das Umfeld spielt gerade in der Ideenfindung eine wichtige Rolle », sagt er. Man müsse sich wohlfühlen können und durch diverse Kleinigkeiten inspiriert werden. Ansonsten sitzt Walder gerne in einem kleinen Restaurant oder irgendwo draussen. Beim Beobachten von vorbeigehenden Leuten oder auch beim Lesen von Büchern mit Themen, die nicht viel mit dem Kunden zu tun hätten, könne er sich die beste Inspiration holen. Ideen könne man nicht erzwingen und schon gar nicht vor einem flimmernden Bildschirm. Auf der anderen Seite lässt sich Sandro Walder von Kundenbesuchen inspirieren. Dabei interessieren ihn vor allem die Hintergründe – und die ganze Geschichte des Unternehmens: «Jede Branche ist interessant, ich habe das Glück, einige davon in ihrer ganzen Bandbreite und geschichtlichen Entwicklung kennenlernen zu dürfen.» Kennt Sandro Walder das Unternehmen erstmal, erzählen er und sein Team deren Geschichte. Aber auf eine Art, die weder historisch verstaubt noch anbiedernd emotional erzählt. Anstatt trockene Begebenheiten darzustellen, oder überdrehte Versprechungen abzugeben, möchte Walder mit seiner Agentur «ein Markenerlebnis bieten». Und das nicht nur in einer Image-Kampagne oder sonst einem Medium. «Verkaufen in der Werbung heisst Begeistern. In allen Dimensionen. Von 2-D bis 3-D, von physisch bis digital», sagt er. Manchmal sind die Themen von Kunden trocken, technisch und etwas nüchtern. Aber dann muss man sie einfach emotionalisieren. Emotionale Geschichten erzählen. Geschichten, die das Leben schreibt.
Ursina Maurer

Ein Familienunternehmen
Reini Walder gründete vor 44 Jahren ein kleines Werbeatelier. Nach dem Einstieg von Sandro Walder geschah nicht nur das Rebranding zu walder,werber werbeagentur ag, sondern auch ein Wachstumsschub zur mittelgrossen Agentur. Aber immer noch mit Boutique-Charakter. «Die Agentur denkt wie eine grosse, handelt aber wie eine kleine», so Geschäftsleiter Sandro Walder. Konkret bedeute das: «Wer seine Botschaft nicht zehntausendmal laut wiederholen kann – und will – greift am besten zu überraschender Werbung». Ausserdem hat walder, werber gemäss Sandro Walder eine ziemlich flache Hierarchie. Es gibt keine Assistenzen, Junior oder Senior, und beim Brainstorming darf jeder mitreden. Das sei ihm sehr wichtig gewesen, so Walder. Denn als Familienagentur wolle man die Mitarbeiter nicht als «Zudiener», sondern als eigenständige Berufstätige behandeln. Von 6 Mitarbeitern im Jahr 2005 hat sich die Agentur zu bereits 18 Mitarbeitern entwickelt. «Ein kontinuierliches, gutes Wachstum», sagt Walder dazu. Heute könnte man die Agentur als «mittelgross» bezeichnen, mit vielen national tätigen Kunden. «Die Kundenvielfalt ist gross – bewusst gross – was die Arbeit umso spannender macht und viele Einblicke in unterschiedliche Branchen er laubt». Das Portfolio reicht beispielsweise von Amplifon (Schweizer Marktführer für Hörgeräteakustik) über national und international tätige Banken wie die Liechtensteinische Landesbank (LLB), Bank Linth und Bank BSU bis hin zu vielen Kunden aus dem Bereich Design und Architektur/ Innenarchitektur wie die Neuco AG (Schweizer Marktführer für architektonische Lichtgestaltung). Gerade Letzteres zeigt sich als weiterer Schwerpunkt der Agentur. Denn Sandro Walder ist begeisterter Design- Liebhaber. In allen Disziplinen. Die Faszination für aussergewöhnliche Architektur, Design und räumliche Gestaltung ist bereits seit seiner Kindheit fester Bestandteil seines Lebens. Was sich auch in vielen kreativen Umsetzungen für «Kommunikation im Raum» eindrucksvoll zeigt. Die Begeisterungsfähigkeit für spannende Projekte ist auch in der Agentur deutlich spürbar. Bei walder, werber habe man nie auf die Grösse des Kunden geachtet, betont Walder, im Zentrum stehe immer das Bedürfnis der Kunden – das sei das Herzstück für die Idee und Walders Aufgabe. Völlig egal, ob es um Showroom- Gestaltung, Imagekampagne oder ein kleines Mailing geht. «Lieber kontinuierlich und dafür vielleicht etwas kleinere Brötchen backen, aber dafür mit Freude.»
Vom Dekogestalter zum Werber
Sandro Walder (33) ist vor zehn Jahren in die Agentur seines Vaters eingestiegen und hat vor sieben Jahren die Agentur übernommen. Gelernt hat er ursprünglich Polydesigner 3-D (ehemaliger Dekogestalter) beim Dübendorfer Designunternehmen Hauser & Partner. Nach der Berufsmatura war er zwei Jahre bei Jung von Matt als Grafiker und absolvierte ganz untypisch für einen Grafiker an der SAWI den Planer Marketingkommunikation-Weiterbildung. Von da ging‘s zurück zu Hauser & Partner – nach einem ganz unerwarteten Jobangebot – wo er zusammen mit dem Inhaber Andi Hauser als Mitglied des Kaders den Event-Bereich aufbaute. «Als Kadermitglied hatte ich einen tollen Job und konnte trotz meiner erst 23 Jahre viel Neues bewegen und an Firmenanlässen für Grosskunden bis zu 60 Personen leiten», so Walder. Doch dann kam eines Tages, im September 2004, eine rasante Änderung. Sein Vater, der bis anhin die eigene Agentur leitete, wurde von heute auf morgen krank und musste rund 6 Monate aussetzen. Daraufhin entschloss sich Sandro Walder, die damals 6-Mann-Agentur zu leiten, bis zur Rückkehr seines Vaters. Er führte die Agentur «nebenbei» und arbeitete weiter bei Hauser & Partner, «ein 24/7-Job», so Walder, «toll, aber gleichzeitig natürlich auch eine extreme Belastung ». Doch er merkte in dieser Zeit, dass die Agentur ihn begeisterte, und traf Anfang 2005 die Entscheidung, bei walder,werber einzusteigen. Nur drei Jahre später – 2008 – hat er die Agentur dann ganz übernommen.
