Zu guter Letzt: Bitte nicht schon wieder
Swisscom TV & Co. schauen bei der Fussball-WM wieder in die Röhre – und Kabelkunden in die Zukunft. Ein Ärgernis ohne Lösung. Aber mit Lösungsansätzen.
Man wünscht sich die gute, alte Zeit zurück. Das Fernsehsignal war qualitativ schlecht, aber fair. Setzte im Bild einmal unverhoffter Schneefall ein, stieg Vater in der Halbzeitpause fluchend aufs Dach, um die Antenne zu richten. Wer das Signal aus der Dose bezog, tat das in harmonischer Abstimmung mit den Nachbarn, dem Quartier, der Stadt – vor der Cablecom waren alle gleich.

Heute sind die Fernseh-Möglichkeiten so vielfältig wie nie. Unzählige Anbieter und Technologien buhlen um die Gunst der Zuschauer. Mit den selben Inhalten – aber nicht zur selben Zeit. Genauer: Das Swisscom-Signal trifft im Vergleich zum Kabelsignal verzögert beim Endkunden ein. Es muss erst auf den IPTV-Standard komprimiert werden, damit es durch die Telefonleitungen passt. Da Kabelleitungen mehr Kapazität haben, ist eine geringere Komprimierung notwendig – ein paar Sekunden Vorsprung das Resultat.
Das interessiert im Normalfall niemanden. Die paar Sekunden, die der Nachbar vorher weiss, ob der Kandidat bei «1 gegen 100» gewonnen hat – man mag sie ihm gönnen. Zumal der Nachbar ohnehin nicht «1 gegen 100» schaut und man selbst meistens auch nicht. Und wenn doch: Es spielt schlichtweg keine Rolle.
Alle zwei Jahre spielt es jedoch eine Rolle – und zwar eine schmerzliche. Bei den Fussball-Endrunden zeigt sich, wer den optimalen Anschluss gewählt hat. Eine Vielzahl Faktoren beeinflussen das Übertragungstempo und sorgen dafür, dass jeder Fan zu einem anderen Zeitpunkt erfährt, ob ein Tor gefallen ist. Beziehungsweise, er erfährt es akustisch gleichzeitig wie der Schnellste im Quartier.
Im Sommer ist es heiss, die Leute schauen draussen oder haben die Fenster geöffnet. Irgendwo wird lautstark gejubelt – auf dem eigenen Bild schieben sich die Akteure in der Nähe der Mittellinie den Ball zu. Die folgenden Sekunden kommen einer Art «Echtzeit-Wiederholung» gleich: Man wird aufgeklärt, wieso die Nachbarn aus der Zukunft jubeln oder fluchen. Diese Aufdatierung nimmt jedem Fussballspiel jeglichen Reiz. Ernsthaft. Das ist besonders für Menschen bitter, die sich viel aus Fussballspielen machen.

Noch ist etwas Zeit bis Brasilien. Zeit für konstruktive Lösungsansätze:
– Die Kabelbetreiber verzögern ihr Signal während der WM künstlich auf IPTV-Niveau. UPC Cablecom und andere Anbieter reiben sich sicherlich schon begeistert die Hände ab dieser flotten Idee.
– Die Nachbarschaft einigt sich auch auf einen gemeinsamen Startpunkt: Alle drücken beim Anpfiff Pause und beim Hupsignal die Play-Taste. Erfordert Toleranz und Nächstenliebe.
– Alle schauen beim «Schnellsten». Dieser stellt seine Wohnung, seinen Garten oder im besten Fall seine Gartenwirtschaft zur Verfügung und sorgt für das leibliche Wohl seiner Gäste. Könnte – je nach Quartier – teuer werden, fördert jedoch den kommunalen Zusammenhalt.
– Man schaut sich die Spiele mit geschlossenen Fenstern an. Viel Spass im Hochsommer.
Es nützt wohl alles nichts, die Verzögerungen werden auch bei dieser WM wieder für Frust sorgen. Aber selbst als Swisscom-Kunde können Sie sich trösten: Schlimmer gehts immer. So weisen laut Kassensturz Internet-TV-Anbieter wie Wilmaa eine Verzögerung von bis zu 51 Sekunden auf. Wobei – das geht schon beinahe wieder in Ordnung: Bei einer derart grossen Verzögerung weiss der Billlag-sparende Internet-Seher schon gar nicht mehr, ob der Nachbar über das 1:0 oder bereits über das sich abzeichnende 2:0 jubelt. Gegen die Franzosen.
Thomas Häusermann
PS: Wie es der Zufall 🙂 wollte, hat auch 20 Minuten Online das Thema aufgegriffen und Swisscom-Sprecher Schulze zu folgendem Statement bewegt:
«Die zwei Sekunden Unterschied zu Kabelnetzkunden können die meisten Fussballfans sicherlich verschmerzen, denn sie profitieren dafür von wichtigen Vorteilen wie Replay-TV oder der Live-Pause.»
Na ja.

PS 2: Hopp Schwiiz!!
