Zu guter Letzt: Heile mit Weile
20 Minuten konnte die Urteilsverkündung im Fall «Heiler von Bern» nicht erwarten und war wieder einmal allen einen Schritt voraus.
Am Freitag hat das Obergericht des Kantons Bern das Urteil gegen einen ehemaligen Musiklehrer nicht nur bestätigt, sondern verschärft. Das Gericht verurteilte ihn zu 15 Jahren Gefängnis, weil er 16 Personen bewusst mit dem HI-Virus angesteckt haben soll. Dass sich der Mann selbst als «Heiler» bezeichnete, imponierte den Medien derart, dass sie ihn seit Bekannwerden des Falles «Heiler von Bern» nennen. Differenzieren sie, setzen das Schlusszeichen bereits nach «Heiler», statt erst nach «Bern». Bei soviel Unheil, das der Angeklagte laut Gerichtsurteil über seine Opfer gebracht hat, wohl das Mindeste.
Für etwas Erheiterung in diesem ansonsten eher verstörenden Fall sorgte 20 Minuten Online. Um viertel ab acht – rund zweieinhalb Stunden zu früh – grüsste bereits ein «Breaking News»-Banner von der Startseite. Als Platzhalter für die zu ergänzende Anzahl Jahre wurden vier Zeichen reserviert – ob die Redaktion von einer dramatisch höheren Strafe ausgegangen ist? Sicher ist sicher.

Die vermutlich im Eifer des Online-Zeitdrucks zu früh veröffentlichte Meldung verschwand wenig später wieder. Und auch auf der Mobile App waren die gröbsten Spuren bald beseitigt (siehe unten). So sind sie, die Onlinemedien: Schnell, dynamisch, flexibel – und manchmal aktueller, als die Polizei erlaubt. (hae)

