Vor 90 Jahren waren die Autos schöner – auch das Plakat
Am Beispiel der Autosalon-Plakate wird die stetige Verschlechterung der Werbegrafik sichtbar. von Theophil Butz
Liest man dann, was über das Siegerplakat geschrieben wurde, welches anlässlich eines Wettbewerbs der Genfer Kunst- und Design-Schule entstanden ist, wird einem schwindlig. Zitat aus der Website: «Die Fantasie des Betrachters mit möglichst wenigen Elementen anzuregen. Aus diesem Grund beschränkte er sich auf das Spiel mit dem Text. Dieser liest sich mehrschichtig: Einerseits suggeriert er die Silhouette einer Limousine und lässt Berge – eine Hommage an die Schweizer Landschaft – erkennen. Andererseits führen die geometrischen Buchstaben vom Bildrand ins Zentrum, was wiederum an die Konstruktion von Fahrbahnen erinnert. Gerade so als 'führten alle Wege an den Automobil-Salon'. Das Plakat ist in fröhlichen Farben gehalten und unterstreicht die Beschwingtheit und die Dynamik der Veranstaltung.»
Es ist immer wieder erstaunlich, was die schreibende Fraktion über diese Schularbeit hinein zu interpretieren vermag. Schaut man sich die letzten 20 Plakate für diese Veranstaltung an, ist man beinahe ausnahmslos enttäuscht. Irgendwie halten der Organisator und Auftraggeber kein herausforderndes Briefing bereit. Im Gegenteil scheint da viel Vorsicht im Spiel zu sein. Beweis dafür ist auch, dass für 2014 ein Schülerwettbewerb veranstaltet wurde und die Wahl mit Sicherheit auf eine der bravsten Lösungen fiel.
Meine Theorie: Eine Grossveranstaltung wie der Autosalon hat eigentlich Werbung nicht wirklich nötig. Also könnte man, da schon viel Geld in Plakate, Inserate und Banner investiert wird, etwas mutiger, witziger und auffälliger werben. Da gibt es manch erfreuliche Beispiele, wie die Werbung für den Zirkus Knie, das Jazzfestival Montreux oder Willisau, das Filmfestival Locarno, die Zooh-Plakate Zürich wie auch das Plakat für den ersten Batman-Film und die Poster fürs Opernhaus Zürich. Plakate, die mir spontan in Erinnerung kommen. In der gleichen Krankheitsklasse wie der Autosalon wären da noch die Art-Basel-Werbung, das Musical Wahri Liebi oder das Olma-Plakat.
Es gibt in dieser Kategorie endlos viel, aber leider auch endlos schlechte, dilettantisch gestaltete Werbung. So wie am Beispiel des Autosalons über die letzten 90 Jahre ein langsamer Gestaltungsqualitätszerfall stattfand, so findet über das gesamte Werbeaufkommen genau dasselbe Phänomen statt. Meiner Meinung nach fehlt auf der Auftraggeber- sowie auch auf der Kreativseite der Mut zur aufmerksamstärksten, neuartigen und verblüffenden Lösung. Schaut nochmals auf das 90-jährige Autosalon- Plakat und last euch positiv beflügeln.
Mein Aufsteller war – wie jeden 1. Montag des Monats – das Funk-, Soul- und Jazzkonzert mit Ernst Who and Robi What in der Kaufleuten Lounge.

Theophil Butz, Grafiker, Werbeagentur-Inhaber, Inspirator und seit drei Jahren auch noch Motzer für die Werbewoche-Leser. Sachdienliche Hinweise bitte an [email protected].
