Ein Filmwunder kommt selten allein

Das grosse Publikum erreichen Schweizer Filmproduktionen nur selten. Im Wettbewerb mit dem internationalen Kino haben sie meist die schlechteren Karten. Letzte Woche feierten gleich zwei Filmschaffende Erfolge: Markus Imhoof gewinnt mit seinem «More than Honey» den Swiss Award für Kultur, und Markus Fischer landet mit der Serie «Der Bestatter» einen Quotenhit. Erleben wir ein Schweizer Filmwunder? Von Josefa Haas, Rektorin EB Zürich/ Präsidentin Swiss Films

Ein Schweizer Dokumentarfilm ist für den Oscar nominiert, eine Schweizer Fernsehserie erreicht beinahe die Hälfte der Zuschauer am Ausstrahlungsabend. Der Zufall der zeitlichen Ereignisse rückt diese beiden Produktionen Anfang Jahr ins Zentrum der Aufmerksamkeit, oder ist doch mehr als Zufall?

In beiden Fällen geht es nicht um eine Kinoproduktion mit Stars. Der Dokumentarfilm ist ein Genre, das seinen Weg zu den Zuschauerinnen und Zuschauern auf unspektakulären Wegen findet. Die Schweizer Filmgeschichte ist reich an Werken, die ihren Blick auf Ereignisse und Gegebenheiten richten, die uns sonst entgehen würden. Für den Programmraster des Fernsehens sind sie lang, die Themen und die Gestaltung ungewohnt, und wer am Wochenende ins Kino geht, will sich mehrheitlich unterhalten. Ein Dokumentarfilm muss also viele Hürden und Vorurteile überwinden, bis er von einem grossen Publikum wahrgenommen wird.

Zwei Kulturen treffen bei den Filmschaffenden und Fernsehverantwortlichen aufeinander. Die ersten beanspruchen künstlerische und inhaltliche Freiheit, die zweiten sind grundsätzlich dem Publikum und der Ausgewogenheit verpflichtet. Es waren und sind immer Persönlichkeiten, die hier eine Brücke geschlagen haben. Die audiovisuelle Kultur braucht die kulturelle Vielfalt, sonst werden Fernsehen und Kino zum Einheitsbrei. Das Filmschaffen kann seinerseits von den Produktionsmitteln, den Zugang in die Wohnstuben und der öffentlichen Auseinandersetzung profitieren. Dabei muss nicht alles automatisch flach und banal werden. Das Risiko zu kantigen Produktionen lohnt sich für alle Beteiligten.

Für das Leben und Sterben der Bienen interessieren sich dank Markus Imhoof weite Kreise der Politik und der Öffentlichkeit. Der Film beginnt mit den Bienen des Grossvaters in Zofingen und zeigt das weltweite Bienensterben auf. Wer den Film gesehen hat, weiss um die Komplexität der Bienen, ihrer zentralen Bedeutung für Natur und Nahrungsmittel sowie deren Gefährdung. Sorgfältige Recherchen, offene Gespräche, spektakuläre Aufnahmen und eine packende Dramaturgie machen «More than Honey» zu einem starken Filmerlebnis. Kein Zufall also, dass er zum erfolgreichsten Schweizer Kinofilm 2012 und zum erfolgreichsten Schweizer Dokumentarfilm wurde und im Gespräch für den Oscar ist. Fernsehserien haben es längst mit den Kinofilmen aufgenommen. Die internationalen Produktionen gehören mittlerweile zum kulturellen Menü quer durch alle Bevölkerungsgruppen. Ihr Erfolgsrezept: keine Scheu vor der Kompliziertheit des Lebens, vor den Schwächen und Stärken der Figuren, vor menschlichen, politischen und wirtschaftlichen Dilemmata, vor einer Handschrift und Überraschungen. Das Rezept lautet, es gibt kein Rezept. Standardisierte und kopierte Formate genügen diesen Ansprüchen nicht. Es gibt nur den Vorsatz zu Mut, Kreativität und Intelligenz.

Eine Schweizer Serie misst sich an diesen Vorgaben. «Der Bestatter» wagt sich in den Aargau, spielt mit dem eher trockenen Deutschschweizer Humor, setzt Klischees bewusst ein, lässt Kamera und Ausstattung grosse Freiheit – Tapeten werden sicher wieder populärer. Es wird fleissig gestorben, oft auf grausame Art. Der Spagat zwischen Tragik und Ironie gelingt den Schauspielerinnen und Schauspielern, die im richtigen Moment die Tränen unterdrücken und eine zynische Bemerkung stehenlassen.

Nächste Woche versammelt sich in Solothurn an den Filmtagen wieder die Branche, zeigt die aktuellen Produktionen und trifft auf ein offenes Publikum. Diese «Werkschau» gibt sich bescheiden. Hier wird weder um Stars gebuhlt noch über den roten Teppich stolziert. Kaum jemand, der seine Filme schweizerisch produziert und sein Publikum findet, kommt an Solothurn vorbei. Die Mischung von Experimenten, Erstlingswerken und Autorenpersönlichkeiten ist der Reichtum des Schweizer Filmschaffens. Über 60 000 Eintritte durfte das Festival letztes Jahr verzeichnen. Es gibt sie also, die Filmwunder, im Kleinen und im Grossen!
 

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