Ablenkung
Immer wieder wird diskutiert, dass sich die Digitalisierung auf die Gesellschaft und vor allem die jüngere Generation negativ auswirkt. Gerade die Sozialen Medien übten schlechten Einfluss auf Kinder aus.
Es heisst, dass die Kinder vereinsamen, dass sie nicht mehr wissen, etwas mit sich anzufangen. Allerdings ist das weniger ihre Schuld als die der Eltern. Sie sind die eigentlichen Übeltäter. Das zeigte auch ein, jüngst auf Facebook viral gegangener Beitrag von einem Anwalt der auf die Social-Media- Sünden der Eltern hinweist. Im Beitrag beschreibt der Mann das Vorgehen zahlreicher Väter und Mütter: Ohne jegliche Bedenken (so scheint es) veröffentlichten sie höchstpersönliche, gar intime Fotos von ihren Kindern. Ich schliesse mich seinem Unverständnis an. So erklärt er, dass nämlich «selbst bei penibel gewählten Privatsphäreneinstellungen der «Verteilerkreis» auf sozialen Netzwerken in den meisten Fällen unüberschaubar gross» sei. Was er sagen will, so wie Leute ihre Kinder, teils deren kompletten Werdegang auf den Sozialen Plattformen präsentieren, ist einfach nur fahrlässig. Und man muss sich nicht wundern, wenn die Fotos Jahre später ganz an einem anderen Ort wieder auftauchen.
Aber das ist noch nicht alles. Was ich genauso wenig nachvollziehen kann, ist, wenn die neuen Geräte als Sündenböcke für die unerfreulichen Entwicklungen der Kinder dargestellt werden. Dabei, an wem liegt das? Es liegt nicht an den Geräten und noch weniger an den sich langweilenden Kindern selber. Nicht die Maschine ist der Sündenbock, der Umgang damit. So oft sehe ich, wenn sich die Kinder beschweren, sie wüssten nicht, was tun, dass die Eltern sie mit den Geräten «ruhigstellen». Sie drücken ihnen einfach ein iPad zur Unterhaltung in die Hand. Wenn ich daran denke, wie Eltern ihre Autos aufrüsten, Screens installieren, damit den Youngsters auf der Fahrt in den Süden ja nicht langweilig wird, kann ich mich wirklich aufregen. Was haben wir damals getan? Wir mussten aus dem Fenster schauen und zwar so lange, bis uns die Langeweile ein Spiel erfinden liess. Was das mit dem Beitrag vom Anwalt zu tun hat? Das Getue um die Gefahr der «neuen Medien » widerspiegelt vor allem eines: eine Doppelmoral. Wie sollen Kinder den richtigen Umgang mit den neuen «Ablenkungsmöglichkeiten» lernen, wenn ihre Eltern sie im «falschen» Umgang unterstützen? Wie sollen Kinder lernen, was in den Sozialen Netzwerken Platz hat und was nicht, wenn ihre Eltern ohnehin schon zig Fotos vom Werdegang ihrer Zöglinge geshared haben?
Grundsätzlich habe ich nichts gegen Sharing – «Sharing is caring» predige ich oft genug. Doch genau das ist der Punkt: Sich darum kümmern bedeutet eben auch nicht zu sharen. Eltern haben es in der Hand. Sie können kontrollieren, sie können auch heute noch Rollenvorbilder sein. Sie sind diejenigen, die ihren Kindern vorzeigen, wie man sich in den Sozialen Netzwerken verhält und mit den Geräten umgeht. Mir tun die Kinder, die später sehen, wie ihre Eltern all die Fotos ins Netz hochgeladen haben, jetzt schon leid.
Manuel P. Nappo, Studienleiter CAS Social Media Management HWZ Hochschule für Wirtschaft Zürich. www.fh-hwz.ch/smm
