Zu guter Letzt: Und täglich grüsst die Murmel-Miss
Alles ist neu bei der Miss-Schweiz-Wahl – auch die erfrischende und unbelastete Begeisterung von Blick und Blick Online. Ein kurzer Überblick, was bisher geschah.
Nicht lange ist es her, da konnte es Blick und Blick.ch nicht schnell genug gehen, die klassische Miss-Wahl aus dem SRF-Programm zu kippen. Jeder, der Kritik am Format übte, erhielt grosszügig Platz und eindeutige Titel. «Die Miss-Wahl gehört nicht in einen Gebührensender!», zitierte die Zeitung den Publikumsrat im September 2011 prominent. «Einfältiger geht’s kaum noch!», so übertitelte Blick die Leserkommentare, die nicht nur negativ waren. Der damalige stellvertretende Ressortleiter People, Fabian Zürcher, schrieb in seiner Kolumne vom 26. September 2011 – also lange, bevor SRF die Wahl aus dem Programm kippte – wie es Mike Shiva nicht präziser hätte formulieren können: «Diesen gebührenfinanzierten Werbespot brauchts nicht mehr. Was nicht heisst, dass Missen keine Zukunft haben. Eine Castingshow könnte für mehr Spannung und Profil bei den Kandidatinnen sorgen».

Am 16. April 2012 das vorläufige Ende der Missen-Ära: «Miss-Wahl abgesagt!». Die dazugehörige Online-Umfrage zeigte, dass sich die Trauer im Hause Blick in überschaubaren Grenzen hielt: Auf die Frage, ob man die Miss-Wahl vermissen werde, gabs als positive Antwort einen letzten Seitenhieb Richtung Leutschenbach: «Ja, vor allem Moderator Sven Epiney». Alternativen: «Nein, jetzt muss ich mich nicht mehr fremdschämen» und «Ich wünsche mir den Weltfrieden!». Zwar erschienen allein im Blick in den Nullerjahren über 2'000 Artikel zum Thema «Miss Schweiz» – Zeit für Sentimentalitäten blieb jedoch keine. «Diese Wahl gehört schon lange abgeschafft!», sind sich Redaktion und 49 Prozent der abstimmenden Leserschaft einen Tag später einig.

Switzerland's next Weltfrieden
Die amtierende Miss Schweiz Alina Buchschacher war gefühlte fünf Jahre im Amt, ehe bekannt wurde, wie es mit der ganzen Miss Schweiz-Geschichte weitergeht. Als hätte man es geahnt – eine Art Castingshow auf Sat 1 Schweiz. Im Gegensatz zum klassischen Samstagabendfüller ist der Zuschauer nun auch bei unzähligen medial inszenierten Vorausscheidungen mit dabei. Bei diesem unübersichtlichen und langatmigen Prozedere zahlt es sich aus, die richtigen Medienpartner zu haben: Mit der Schweizer Illustrierten, L’Illustré, Radio Energy und eben Sat 1 Schweiz sind bis auf Rouge FM und Rouge TV ausschliesslich Ringier-Titel auf der Suche nach Switzerland's next Weltfrieden. Die Medienpartner der Herzen gabs scheinbar im attraktiven Ringier-Gesamtpaket mit dazu: Blick und Bilck.ch.
Unberührte Traumkörper und Balkan-Beautys
Seit Monaten werden diese nämlich nicht müde, der Leserschaft pausenlos die Kandidatinnen unter die Nase zu reiben. Unkritisch, aber ausdauernd. Freudige Ankündigung im Februar: «Die Missen sind zurück!» Mit Kandidatin Dominque werde alles anders. Die Publizistik-Studentin will mit ihrer unkonventionellen Sidecut-Frisur ein Zeichen setzen. Zwei Tage später schätzt Blick die Chance, dass es bei «sechs Balkan-Beautys» eine «Miss Schweic» gebe, als durchaus vorhanden ein. Die Tessiner Kandidatin Letizia Rebozzi (a.k.a. «Miss Unberührt») erläutert, wieso ihr «Traumkörper» bisher «nur zum Anschauen da» ist – wenig später stellt sie ihre erste grosse Liebe vor. Ähnlich hält es Alice Stark: Auch sie hat einen Traumkörper – «doch den darf niemand berühren» bis zur Ehe («Gott schützt mich vor Sex!»). Ihr Geständnis macht sie bei der Männerwelt noch begehrter, was natürlich nochmals einen Artikel wert ist.

Straffe Beine und andere Prioritäten
Viktoria hat einen Freund, der 2012 selbst bei den Mister-Wahlen mitmachte – sie bilden unbestritten «das schönste Paar der Schweiz». Melanie liebt einen sechs Jahre jüngeren Teenager – trotzdem fordert dieser ihren Intellekt. Anders halten es Dominque und Lianna: Ihre Partner sind mindestens zehn Jahre älter! Janine hat Topmodell-Masse – aber das war nicht immer so! Sara ist nicht nur klug, sondern auch schön – und folglich «Die schönste Lehrerin der Schweiz». Turteltaube Dorina ist die Freundin von «Kicker-Freund» Taulant Xhaka. Auch Missen-Mami Karina Berger fällt auf: Heuer sind die Missen kurviger als sonst! Sandra spielt gerne mit ihren Reizen, wenn sie Juwelen – und viel nackte Haut! – zeigt. Ein echtes Schmuckstück! Dominque bringt sich mit Mutters Hilfe für die Wahl in Form und gibt zu: «Meine Beine könnten durchtrainierter und straffer sein». Prioritäten-Snezana verschiebt bei einem allfälligen Missen-Titel gar ihre Hochzeit! Viktoria befasst sich mit Gemeinde-Fusionen und passt wie die meisten anderen auch so gar nicht ins verstaubte 80er-Jahre-Missen-Klischee (schön, aber dumm).
Kurz vor Beginn der TV-Sendungen noch ein paar Ferienfotos: «Einfach goldig, diese Miss-Kandidatinnen!» Und eine revolutionäre Entdeckung: 13 «Mini-Missen» hätten als aufgrund ihrer Körpergrösse (rund 1,70 Meter) als internationale (Laufsteg-) Models gar keine Chance – für einmal also keine Wolkenkratzerin mit Krone!
Miss graue Maus zu schüchtern, Miss Stark zu schwach
Trotz der minutiösen Einstimmung realisierten viele Zuschauer nicht, dass die Show in der Zwischenzeit begonnen hatte. Da es ohnehin keine Quoten gibt, welche das neue Format als noch grösseren Flop entlarven könnten, wurde der Kurs «Miss Total» unbeirrt beibehalten. Die schüchterne Anita Mustafa («Miss graue Maus») musste als erstes ihre Koffer packen – sie konzentriert sich jetzt auf ihre Matura. Skandal: Jurorin Nadine Vinzens trug in der ersten Sendung eine Perücke («Voll perückt!») – der einzige Kritikpunkt an der Show. Sie und Kandidatin Chantal wurde früher gemobbt – strahlen jetzt aber um die Wette und zeigen es allen! Letztere hat im Spital ihre grosse Liebe kennengelernt. Alice Stark war dann – trotz (oder dank) göttlicher Hilfe – doch zu schwach und wurde nach Hause geschickt. Blick-Liebling Dominque stellt sich beim Test zum Glück als «Miss Schlau» heraus – Hochzeitverschieberin Snezana hatte wohl andere Prioritäten. Und so weiter.
Es scheint, als hätten zumindest die Blick-Medien endlich wieder Spass gefunden an den Missen. Frei nach dem Motto: Wes Miss ich übertrag, des Lied ich sing. Man darf gespannt sein auf die nächsten Storys – und ob Dominque (erstarkt durch unkonventionelle Frisur und straffe Beine) am Schluss wirklich gewinnt.
Thomas Häusermann
