Die Plattformen-Denker

Die ehemaligen JvM/Limmat-Kreativdirektoren Fernando Perez und Livio Dainese sind seit Februar Partner bei Hinderling Volkart. Mit dem Kreativduo will die Webagentur zu einem Full-Service-Dienstleister wachsen.

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Fernando Perez und Livio Dainese wirken unbeschwert und vergnügt, als sie bei Hinderling Volkart auf der Coach Platz nehmen. Die unzähligen Stofftiere, die zuvor verteilt auf dem Sofa lagen, haben sie beiseite geschoben. Einzig ein kleiner Hund behält Perez in der Hand. Die Fensterfront im Hintergrund wird gerade gereinigt. «So wie jeden Tag», meint Dainese. «Wir haben es gerne sauber», ergänzt Perez.

Die beiden sind ein eingespieltes Duo. Seit sich Dainese und Perez 2004 bei Lowe kennen gelernt haben – Perez war damals AD, Dainese Texter –, sind sie als Kreativteam unterwegs. Sie teilen sich dieselbe Arbeitsauffassung – und denselben Humor. Mit Perez und Dainese vergeht keine langweilige Minute. Und sie verstehen es, mit ihrem Witz ihr Umfeld anzustecken. «Ihr Humor ist eine der Eigenschaften, die ich an Livio und Fernando besonders geliebt und geschätzt habe», sagt etwa Keith Loell, der mit ihnen bei Lowe arbeitete und heute als ECD bei Gyro in New York tätig ist. «Sie haben mit ihrer Art, über sich selber, über mich, über das Leben zu lachen, das Büro zu einem viel angenehmeren Ort gemacht», so Loell. Nur eine kurze «Beziehungspause» hat das Kreativduo seither eingelegt. So bezeichnet Perez scherzhaft die paar Monate, in denen er bei Jung von Matt in Hamburg weilte und Dainese für Publicis textete. Die Zeit genügte, um sich darüber klar zu werden: Zu zweit ist es viel schöner als alleine. Daraufhin haben sie 2007 gemeinsam bei Jung von Matt/Limmat angeheuert.

«Wir denken ideenmässig ähnlich», so Dainese. «Wir machen keinen grossen Unterschied zwischen Text und Bild.» Wenn der eine von einem Konzept begeistert ist, fliegt dem anderen die Rolle zu, alles kritisch zu hinterfragen. «So prüfen wir unsere Kreativideen stets aus allen möglichen Blickwinkeln.» Die letzte Entscheidung bezüglich Grafik liegt bei Perez, beim Skript hat sie Dainese. Ansonsten kennen sie keine Aufgabenteilung.

Anpassungsfähig sei auch ihr Kreativstil, meint Loell. «They have a wonderfully flexible voice.» Ihre Arbeiten machten sie nicht als Kreative identifizierbar, sondern seien immer auf den betreffenden Kunden, auf ein spezifisches Problem massgeschneidert. Bei JvM/Limmat haben sich Perez und Dainese als Kreativteam mit preisgekrönten Kampagnen bewiesen. Unter ihrer Leitung entstand beispielsweise das Facebook-Dorf Obermutten, ebenso die kultigen Steinböcke Gian und Giachen, die in der Werbung für Graubünden Tourismus mal über Kletterer oder Biker lästern, ein anderes Mal übers Vatersein schwärmen und dabei gleichzeitig den Nachwuchs zurechtweisen: «Reto! Huuuf uss dr Naasa!» Seit Anfang Februar sind nun die zweistöckigen Agenturräumlichkeiten von Hinderling Volkart im Zürcher Kreis 4 das neue Zuhause von Perez und Dainese. Während sich klassische Kreativagenturen mit Online-Expertise verstärken, sind sie den umgekehrten Weg gegangen. Sie sind die «Klassiker», die bei den Digitalspezialisten eingestiegen sind. Weshalb? «Unser Anspruch ist es, zeitgemässe integrierte Kommunikation anzubieten. Praktisch sämtliche Kampagnen werden heute auch im Web geführt. So betrachtet, scheint uns dieser Schritt nur logisch», erklären die beiden. «Die Werbebudgets haben sich Richtung Online verschoben. Aus unserer Sicht ist der klassische Bereich sogar überschaubarer geworden als der Online-Teil.»

Hinzu kommt eine Begeisterung für Technologie, die zumindest mit Perez ab und zu durchgeht. Hat ein neues Gadget sein Interesse geweckt, kann er kaum widerstehen. «Es läuft immer in drei Schritten ab», berichtet Dainese. «Schritt 1: Fernando will es. Schritt 2: Er versucht sich davon zu überzeugen, dass er es nicht braucht. Schritt 3: Er kauft es. Von Schritt 1 bis Schritt 3 dauert es zwischen fünf Minuten und zwei Tagen.» Perez versucht sich zu recht fertigen: «Naja, die Gadgets bringen mich beruflich weiter.» Dainese kann sich das Lachen nicht verkneifen, und Perez gibt nach: «Okay, ich würde mir das Zeug auch kaufen, wäre ich Metzger.»

Über die Klassik hinaus

In den letzten Jahren haben Perez und Dainese bei JvM/Limmat ihre Digitalkompetenz stetig erweitert. Ihre Projekte für Graubünden spielten sich zuletzt zu etwa 60 Prozent im Web ab. Jüngstes Beispiel ist das Projekt Webwandern.ch, das beim diesjährigen Best of Swiss Web ausgezeichnet wurde. Und auch für den Kunden Migros wurden immer mehr Online-Projekte abgewickelt.

So sind die beiden denn auch etwas beleidigt, wenn sie als «Klassiker» bezeichnet werden. Vielmehr sehen sie sich als Plattformen-Denker. Das sind sie nicht erst, seit die gesamte Kreativbranche von Crossmedia, 360° und integrierter Kommunikation redet, wie ehemalige Weggefährten erzählen. David Schärer, Mitgründer von Rod Kommunikation, der das Kreativduo von seiner Zeit bei JvM/Limmat kennt: «Livio und Fernando verfügten schon damals über eine moderne Denke. Sie haben nicht die ewig gleichen Patentrezepte verwendet, sondern Kampagnen neu gedacht.» Ein ähnliches Bild zeichnet Philipp Skrabal, ECD und Mitinhaber bei Wirz Werbung, der mit Dainese bei Publicis zusammenarbeitete: «Livio hat schon damals die Art des Kreativen verkörpert, dessen Ideen kanalunabhängig funktionieren. Seine Kreativideen hatten Storytelling-Qualitäten und liessen sich über alle Medien spielen.»

Dass Perez und Dainese bereits erfolgreiche Projekte im digitalen Bereich realisiert haben, war für die beiden Agenturgründer Michael Hinderling und Michael Volkart ausschlaggebend, das Duo als Partner an Bord zu holen. «Livio und Fernando haben die ‹digitale Denkweise› verinnerlicht», erklärt Michael Hinderling. «Ansonsten wäre die Zusammenarbeit nicht ins Rollen gekommen», fügt Michael Vollkart hinzu. Dainese und Perez bringen die klassische Kompetenz in die Webagentur, die den Digitalexperten bislang fehlte, um als Full-Service-Anbieter Fuss zu fassen. Dass es Hinderling Volkart versteht, Technologie, Design und User Experience zusammenzubringen, hat sie längst bewiesen. Beim Best of Swiss Web hat die Agentur bislang sechsmal Gold, fünfmal Silber und achtmal Bronze geholt und sich mit diversen Projekten für das Schweizer Radio und Fernsehen SRF einen Namen gemacht. Etwa mit der Plattform «Rousseau » (Jjr2012.srf.ch) oder mit Webdokumentationen wie «Seidenstrasse» (Seidenstrasse.srf.ch) und «360° Langstrasse» (360langstrasse.sf.tv). Nun geht es darum, den Kunden zu zeigen, dass sie auch die Markenführung, Kreation und Strategie im Griff haben.

Nach wie vor wird Hinderling Volkart klassische Webprojekte umsetzen. Soeben hat die Agentur den Zuschlag für den Gesamtneuauftritt der Plattform Beobachter.ch aus dem Axel Springer Verlag erhalten. Bei solchen Webarbeiten werden Perez und Dainese – wenn überhaupt – nur am Rande involviert sein. Doch Schritt für Schritt sollen breitere Kommunikationsetats hinzukommen.

Dass Auftraggeber bereit sind, ihnen Projekte anzuvertrauen, die über die Webdienste hinausgehen, zeigen erste Pitch-Gewinne. Das Fernsehportal Teleboy etwa setzt für die Bewerbung der Dienstleistungen neu auf das integrierte Kommunikationskonzept von Hinderling Volkart. Zurich Versicherung lässt sich die Versicherungsangebote mit interaktiven Videos im Web visuell inszenieren. «Mit unserem integrierten Angebot rennen wir offene Türen ein», freut sich Dainese. «Oder zumindest sind die Türen nicht wahnsinnig fest zugesperrt.» Perez stimmt zu: «Einbrechen müssen wir auf alle Fälle nicht.»

An die «Online-Mentalität», an die Zusammenarbeit mit den Webdesignern, Entwicklern und Programmieren haben sich Dainese und Perez schon gewöhnt. «Die Online-Kultur ist kollaborativer. In der Konzeptionsphase reden alle mit – auch die Beratung nimmt konzeptionell Einfluss. Und es wird viel enger mit dem Kunden zusammengearbeitet», so Dainese. «Wir schätzen es sehr, dass Ideen nicht von der Kreation entwickelt und danach von Technikern umgesetzt werden. Hier entstehen Ideen mit – und aus der Technologie heraus», so Perez. «Wir sitzen mit Front-end Developpern und Online-Designern beim Brainstorming zusammen. Diese Fachleute wissen sofort, was technisch möglich ist – und was nicht.» Das Zusammenspiel zwischen Kreation und Technik dürfe bei Webprojekten nicht unterschätzt werden, sind sich die Kreativen sicher. «Ein Film, so sagt man, besteht zu 50 Prozent aus Musik. Bei Online-Projekten ist es die Technologie.» Zufrieden geben sich die Kreativen erst, wenn Projekte «Apple-mässig» rund laufen. Ein Wort, das Perez und Dainese häufig über die Lippen kommt. Immer dann, wenn sie ausdrücken wollen, dass Technologie so einfach und intuitiv bedienbar wird, dass sie kein Hindernis mehr darstellt, sondern weiterhilft. Wenn die Kommunikation für den Nutzer erlebbar wird. Das setzt auf Seiten von Konzeption und Entwicklung Brillanz voraus. Und genau darum geht es den Kreativen: «Wenn ein Schreiner ein Möbel fertigt, will er es perfekt haben. Nur weil Kommunikation weniger langlebig ist, sollte sie nicht weniger perfekt sein», so Dainese. «Kommunikation sollte man nie zynisch machen.»

Den perfektionistischen Anspruch an die Arbeit und die Leidenschaft für Kreativität und Technologie glauben Dainese und Perez bei Hinderling Volkart wiederzufinden. «Die Leute hier flippen aus, wenn es um ihren Beruf geht – genau wie wir. Sie haben eine Identitätskrise, wenn ein kleines Detail nicht funktioniert », so Dainese. «Mit solchen Leuten arbeiten wir gerne zusammen.» – «Und das Beste», ergänzt Perez: «Wir haben Stofftiere in der Agentur.»

Isabel Imper

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