Mediapulse: Kritik an Expertenberichten

Die Mitglieder des Verbandes Schweizer Regionalfernsehen Telesuisse akzeptieren das neue Messsystem von Mediapulse nicht. 3 Plus kritisiert die von Mediapulse veröffentlichten Expertenberichte.

Die Mitglieder des Verbandes Schweizer Regionalfernsehen Telesuisse stellen den Auftrag der Stiftung in Frage. Am Freitagmorgen haben die Mitglieder von Telesuisse an einer ausserordentlichen Mitgliederversammlung die Resultate der von Mediapulse beauftragten Audits des neuen TV-Messsystems Kantar zur Kenntnis genommen. Entgegen der Bekanntgabe des Verwaltungsrates von Mediapulse zum korrekten Funktionieren des Messesystems Kantar haben die Regional-Fernsehen einen weiterhin nicht erklärbaren, massiven Rückgang der Zuschauerzahlen feststellen müssen, so Telesuisse in einem Communiqué vom Freitag. Der Rückgang betreffe vor allem die privaten Sender, die in der Schweiz sendeten. Zudem liefere das System auf regionaler Ebene nur sehr stark schwankende Werte, welche für eine eigentliche Programmanalyse völlig ungenügend seien.

Für die Mitglieder von Telesuisse sei deshalb klar, dass das sehr teure neue Messsystem sich nicht eigne für Sender, welche in den kleinen, aber komplexen Konzessionsgebieten arbeiteten, heisst es in der Mitteilung weiter. «Die Mitgliederversammlung musste feststellen, dass die von diesem inadäquaten Messsystem veröffentlichten Zuschauerzahlen das wirtschaftliche Überleben der Regionalsender bedrohen und hat demzufolge entschieden, ihren Mitgliedern die Kündigung ihrer Verträge mit Mediapulse zu empfehlen». Zusätzlich habe sie den Vorstand beauftragt, Alternativen zum Messsystem von Mediapulse zu evaluieren. Schliesslich habe die Mitgliederversammlung ihren Vorstand gebeten, sich bei den Bundesinstanzen einzusetzen, um die Diskrepanz zwischen den vom Bakom erteilten Aufträgen an die konzessionierten Sender und den an Mediapulse erteilten Auftrag auszuräumen.

Mediapulse: Freigabe der neuen Fernsehnutzungsdaten

Auch 3 Plus kritisiert Expertenberichte

Im Konflikt um die Fernsehzuschauerforschung übt 3 Plus Senderchef Dominik Kaiser Kritik an den von Mediapulse veröffentlichten Expertenberichten. Der Überprüfungsauftrag und das Überprüfungsverfahren seien intransparent, die Experten nicht unabhängig und die beiden Expertenberichte nicht geeignet, die Korrektheit der Kantar-Messdaten zu bestätigen, so Kaiser. Statt den Fehlern auf den Grund zu gehen und das System im laufenden Betrieb und unter realen Bedingungen zu testen, habe Mediapulse in einem intransparenten Prozess versucht, die Mängel mit Hilfe von oberflächlichen, theoretischen Expertisen schön zu reden und Kritik am System zu übertünchen. Auch habe Mediapulse das eigene, vom Uvek vorgeschriebene Organisationsreglement, das seit Einführung des neuen Systems gilt, krass missachtet und weder die Medienwissenschaftliche Kommission noch den Stiftungsrat oder die User Commission eingebunden.

«Die Mediapulse-Experten haben Zahlen aus einer Mediapulse Studie (NES New Establishment Survey) mit den Zahlen im Mediapulse Panel verglichen. Ob die Zahlen aus der Mediapulse-Studie richtig erhoben wurden und diese der Realität entsprechen, haben die Mediapulse-Experten nicht überprüft. Leider sind Zahlen aus den Mediapulse-Studien nicht richtig», erläutert Kaiser. Mediapulse, der ehemalige SRG-Forschungsdienst, habe mit anderen Worten überprüfen lassen, ob die Inhalte aus Mediapulse-Studien richtig ins neue Mediapulse Panel übertragen worden seien. Kaiser: «Die Experten haben also – plakativ ausgedrückt – festgestellt, dass Mediapulse meist richtig bei sich selbst abgeschrieben hat. Ein dürftiges Ergebnis.» Die Experten hätten während der Prüfung weder die Zuschauerzahlen des neuen Systems überprüft noch habe sie das System im laufenden Betrieb getestet. Die ganze Überprüfung sei so angelegt worden, dass dabei nichts herauskommen sollte.

«Das Einhalten internationaler Standards gewährleistet keineswegs, dass die TV-Nutzungsdaten im Ergebnis tatsächlich korrekt sind», so Kaiser. Mediapulse verletzte auch die internationalen Standards («Ten Principles of GGTAM», Global Guidelines for Television Audience Measurement) kontinuierlich. Oberstes Gebot sei da absolute Transparenz und der Einbezug der Branche bei allen methodischen und technischen Details der Datenerhebung. 3 Plus bemängelt, dass nach wie vor entscheidende Informationen zum Panel, Zuordnungsregeln und Gewichtungen vorenthalten werden.

Kaiser kritisiert auch den Überprüfungsauftrag und das Überprüfungsverfahren: «Der Auftrag zur Prüfung wurde nicht offen definiert, und wir haben auch bis zur Publikation der Expertenberichte weder Zugang zu den Prüfungsergebnissen noch Antworten auf die Fragen der TV-Veranstalter erhalten.» Zudem sei eine Prüfung eines so komplexen Systems komplett in so kurzer Zeit nicht möglich, dies würden auch die Mediapulse Experten bestätigen.

Zu den Hearings zu den Expertenberichten habe man zwar einen Vertreter entsenden können, der habe aber unter Androhung einer hohen Konventionalstrafe (25‘000 Franken pro Information) auch ausdrücklich intern niemandem Bericht erstatten dürfen. «3 Plus war bisher von den Expertenberichten und den Hearings ausgeschlossen.

Auch 3 Plus hat erst heute Mittag, gleichzeitig wie die Medien, die Expertenberichte erhalten. Man habe nun, nach einer ersten kurzen Analyse der Expertenberichte festgestellt, dass:

– die Experten überhaupt keine Nutzungsdaten aus dem aktuellen System überprüft haben,
– das System nicht im laufenden Betrieb unter realen Schweizer Umständen bei grosser TV Nutzung und der sehr grossen Sendervielfalt getestet wurde.
– die Frage, ob die Vorgaben der Mediapulse Studie NES (New Establishment Survey), die im Panel umgesetzt werden sollten, wirklich mit der Schweizer Realität übereinstimmen, nicht geklärt wurde (Zum Beispiel: Wie viele IPTV Haushalte gibt es in der Schweiz wirklich? Wo 3 Plus Zugang zu den Daten hat, wie bei den Verbreitungsarten über die Geschäftsberichte der Swisscom und von Sunrise, besteht ein exklatanter Unterschied (170‘000 Haushalte) zwischen den Zahlen im NES und den von den Unternehmen in Wirklichkeit abgesetzten Geräten.)

Auch explizit nicht überprüft worden sei:

– Ob sämtliche TV-Geräte und Computer in jedem Messhaushalt mit funktionstüchtigen Messgeräten angeschlossen und gemessen werden,
– Ob die ausgewerteten Rohdaten, welche gemessen werden, im sehr komplexen Softwaresystem richtig zugeordnet werden
– Die falsche Zuordnung im Falle identischer Programme auf mehreren Sendern,
– Die fehlende oder falsche Zuordnung der Werbeblöcke,
– Die Auswirkungen der fehlenden Berücksichtigung des zentralen Kriteriums der «Ortsgrösse» (Stadt/Landverteilung der Messhaushalte die Verteilung der verschiedenen TV-Verbreitungsarten (IPTV, Kabel analog etc.) in den Messhaushalten
– Ob die Kantar-Messdaten durch eine Paralleluntersuchung bei anderen Haushalten mit einer anderen Methode (beispielsweise Befragung, Protokollierung) bestätigt werden,

Beide Expertenberichte betonen selbst den sehr limitierten Umfang der Überprüfung und weisen darauf hin, was alles nicht überprüft wurde, so 3 Plus. Auch werde betont, wie komplex der Schweizer TV Markt (viele Sender, unterschiedliche Sender mit gleichen Inhalten, etc.) sei und dass es unumgänglich ist, zusätzliche editing rules zu definieren und dass der Einsatz von zusätzlichen Technologien wie Watermarking empfohlen werde. Kaiser mahnt gemäss 3Plus-Mitteilung auch noch an, dass viele schon vor Wochen vor den Hearings gestellte Fragen der TV-Sender von den Mediapulse-Experten und von Mediapulse unbeantwortet blieben.

Superprovisorische Verfügung gegen Mediapulse wird nicht zurückgezogen

Nach wie vor ist die von 3 Plus erwirkte superprovisorische Verfügung gegen die Publikation der fehlerhaften TV-Quoten der Mediapulse Gruppe (und von Dritten) in Kraft. 3 Plus Senderchef Dominik Kaiser wolle weiter auch mit juristischen Mitteln für korrekte TV-Nutzungsdaten und für ein fehlerfreies System kämpfen, heisst es in der Mitteilung weiter. «Nach den bisher aufgetauchten groben Fehlern fordern wir von Mediapulse eine wirklich unabhängige Überprüfung aller offenen Fragen zum neuen System, und zwar fundiert von anerkannten Experten, die mit dem System und der Schweiz vertraut sind», so Kaiser. Zusätzlich sei es nun an der Zeit, dass alle bereits aufgedeckten Mängel sofort behoben werden. 3 Plus werde dazu, nach der gründlichen Analyse der Experten-Berichte anfangs nächster Woche, Mediapulse einen umfangreichen Anforderungskatalog zukommen lassen.

 

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