Zu guter Letzt: Einmal Shitstorm bitte
Als wäre es nicht schlimm genug, dass wir uns zu einer nervtötenden Shitstorm-Gesellschaft entwickelt haben, bietet nun eine renommierte Agentur Empörungswellen auf Knopfdruck an. Der Ferrari unter den Shitstorms kostet 200'000 Euro.
Internet-Phänomene langweilen seit geraumer Zeit. Online ausgelöste Massenbewegungen waren vielleicht in den Nullerjahren faszinierend, aber wer interessiert sich heute ernsthaft dafür, ob gerade Planking, Owling, Lolcats, Harlem Shake, Gangnam Style oder eine mürrische Katze der anonymen Weltgesellschaft zu einem kurzzeitigen Wir-Gefühl verhilft?
Das mühsamste Mitglied der Phänomen-Familie ist jedoch der Shitstorm. Nicht weil es verwerflich wäre, die Welt verbessern zu wollen. Aber verkommt das Ganze zu einem globalen, vom heimischen Sofa aus betriebenen Volkssport für jedermann, gehen Relevanz und Faszination flöten. Heute wird alles und jeder geshitstormt. Völlig zu Recht forderte Michèle Binswanger kürzlich «Hört auf mit euren Shitstorms» und bezog sich auf eine Sexismus-Empörungskultur, die so laut schreit, dass man sie nicht mehr hört (oder hören mag). Handeln bedeute «mit Menschen interagieren und nicht, vom Bürostuhl aus anonyme Hassbotschaften in die Welt zu senden.»
Es scheint, als gehe die kollektiv gebündelte Wut langsam, aber sicher allen auf die Nerven. Aber bitte jetzt keinen Shitstorm gegen die Shitstorms starten! Die meisten Empörungswellen sind ohnehin weniger nachhaltig als eine brandgerodete Soja-Plantage. Gestern wollte das Wutvolk Frau Badran auf den Mond schiessen, heute weiss es nicht mal mehr genau, worüber es sich aufgeregt hat, beziehungsweise was an der Geschichte wirklich dran war.
Nichtsdestotrotz vermeldete heute Heise.de, die Guerrilla-Marketing-Agentur Cavemen biete Shitstorms ab Stange an. Kein Aprilscherz, wie deren Geschäftsführer gegenüber dem Portal zu Protokoll gab. Das Angebot reicht von 100 negativen Facebook-Kommentaren und 150 Likes (4'999 Euro) bis hin zum Deluxe-Shitstorm für knapp 200‘000 Euro (15‘000 empörte Kommentare in deutscher Sprache). Allerdings werden nur Aufträge angenommen, die den «moralischen Richtlinien» der Agentur entsprechen, verrät die Cavemen-Website («Ein Vorfall darf nie aus der Luft gegriffen sein»).
Wer einen Shitstorm neutralisieren oder sich selbst etwas Gutes tun möchte, bucht einen Candystorm. Gleiches Preismodell, gegenteilige Wirkung. Wie ernst das Ganze gemeint ist, bleibt unklar. Guerilla-Marketing in eigener Sache? Falls nicht, wäre dieses kalkulierte Image-Bashing beinahe ein Grund, wieder einmal so richtig empört zu sein.
Thomas Häusermann

