Durchbruch auf dem weissen Blatt
Benedikt Escher und Dominic Zünd haben die Chancen eines Wettbewerbs an der HSG genutzt und sind jetzt Jungunternehmer. Für ihre Plattform Stablish.me stehen sie bereits vor der dritten Finanzierungsrunde. Das Projekt hat internationales Potenzial.
In Zürich ist nicht nur der europäische «Thinktank » von Google am Wirken. Auch ein junges Zürcher Start-up will von hier aus das World Wide Web noch sinnvoller nutzen. Die Plattform Stablish.me sagt Netzwerken wie Xing oder LinkedIn den Kampf an. «Unser Ziel ist es, Talente mit den richtigen Jobs zu matchen», erklären Benedikt Escher und Dominic Zünd das Konzept. Auf Stablish.me dreht sich alles um die entscheidende Frage: «What are you really great at?» Die Antwort darauf gibt nicht der Nutzer selbst, sondern Netzwerkkontakte und Freunde, indem man einander «Badges» für besondere Fähigkeiten und Eigenschaften gibt. Zur Verfügung stehen bis jetzt 170 individuelle Badges, die für die Bereiche «Fähigkeiten », «Persönlichkeitseigenschaften» oder «konkrete Leistungen» vergeben werden. Das Ergebnis sind aggregierte Profile, die auf einen Blick erkennen lassen, was jemanden besonders auszeichnet. Studenten, Absolventen und Young Professionals können damit potenziellen Arbeitgebern zeigen, wie andere sie einschätzen.

«Das erlaubt wesentlich glaubwürdigere Rückschlüsse auf einen Bewerber als Lebensläufe oder selbst kreierte Onlineprofile wie auf LinkedIn oder Xing», sind die beiden Jungunternehmer überzeugt. Schliesslich haben sie diese Wirkung bereits mehr als einmal am eigenen Beispiel erfahren können. Benedikt Escher stammt aus Hamburg. Dort hat er im Fernsehen einen Bericht über die Hochschule in St. Gallen gesehen und fand, das sei eine «tolle Universität, weil man an der HSG die Freiheit hat, neben dem Studium in professionell arbeitenden studentischen Initiativen mitwirken zu können». Escher erwarb sich einen Bachelor für Internationale Beziehungen. «Das ist ein ziemlich breites Studium, in welchem man den verschiedensten Fragen nachgehen kann.»
Erste Berufserfahrungen sammelte Benedikt Escher anschliessend – wie die meisten seiner Generation – mit Praktiken bei der Lufthansa sowie bei der Credit Suisse. «Das waren zwei Grosskonzerne und ich habe in dieser Umgebung gespürt: Diese Konzernwelt kann doch nicht alles gewesen sein.» Escher wollte seine Neugier zusätzlich mit einem Zweitstudium in Rotterdam befriedigen. Dort machte er seinen ersten Master in Entrepreneurship. Seinen zweiten dann bei einem Comeback in St. Gallen noch einmal im Bereich Internationale Beziehungen. Inzwischen war er sich beruflich auch klar, dass er «irgendwie unternehmerisch tätig sein» muss. In dieser Phase kam die Ausschreibung des Instituts für Wirtschaftsinformatik an der HSG wie gelegen. Bei diesem Wettbewerb konnte man sich auch ohne eine schon fixe Geschäftsidee bewerben. Beim «Casting» der Kandidaten wurde Benedikt Escher für den folgenden Workshop zufällig mit Dominic Zünd in einem Zweier-Team eingeteilt. «Wir kannten uns vorher noch nicht.» Dominic Zünd ist in Zuzwil aufgewachsen und hat in der Limmatstadt Wirtschaftspsychologie studiert. Dieses Fach hat ihn gereizt, «weil es ein sehr breites Spektrum abdeckt und ein grundsätzliches Verständnis von Abläufen und Zusammenhängen menschlicher Interaktionen erlaubt». Vorher hatte sich Zünd zwar ebenfalls bereits an der HSG eingeschrieben, sich dann aber «intuitiv» für die Uni Zürich entschlossen. V
or seinem Masterabschluss absolvierte auch Dominic Zünd noch zwei Praktika. Zuerst in der Marketingabteilung bei Debrunner Acifer in St. Gallen. Anschliessend sammelte er weitere Erfahrungen bei Hannes Zaugg. Diese Wirtschaftsberatung ist auf interaktive Medienprojekte spezialisiert. Dominic Zünd durfte ein Jahr lang verschiedene Social-Media-Projekte «betreuen und vorantreiben ». In dieser Phase hat auch er vom Wettbewerb des Instituts für Wirtschaftsinformatik erfahren. An der HSG verfolgt man schon länger solche Design-Thinking-Projekte für bestehende Firmen. «Um die Reputation zu stärken und die Methode mal auf ein Start-up anzuwenden sowie das enorme Potenzial unter Beweis zu stellen», hat das Institut für Wirtschaftsinformatik sich für die Ausschreibung eines Start-up-Projekts entschieden. Ausgewählt wurden die Kandidaten aufgrund ihrer Persönlichkeiten, «die sich möglichst ergänzen sollten». Ein solches Profil wurde in verschiedenen Interviews erfragt. Dann wurden mehrere Teams zusammengestellt und in einen Workshop gesteckt. «Normalerweise beginnt ein Design- Thin- king-Projekt mit einer klar definierten Problemstellung.
Für unser Start-up begannen wir jedoch mit einem weissen Blatt Papier.» Auf dem leeren Grund galt es, in relativ kurzer Zeit eine Idee auf die Beine zu stellen. Bei der ersten «Trockenübung» entwickelten Escher und Zünd ein Konzept, wie Soziale Kanäle «ein gutes Verhalten» belohnen könnten. Realisiert wurde das Konzept nicht. Die Jury in St. Gallen konnte es aber überzeugen: Das Team Escher Zünd ist fähig, auch ein grösseres Projekt im Bereich Design-Thinking «stemmen zu können». Bereits eine Woche später galt es die Koffer zu packen. Mit einem Startkapital von 100 000 Franken im Sack, welche eine Gruppe von 56 Crowd-Investoren, darunter zahlreiche erfahrene Unternehmer, über die Plattform C-Crowd gesammelt hatte, reisten Escher und Zünd gemeinsam mit dem regulären Design-Thinking-Kurs an der HSG an einen weiteren Workshop in Stanford. Hier in Kalifornien wurde die Methode des Design-Thinking ursprünglich entwickelt. Allen Design-Thinking-Projekten ist gemein, dass man nicht eine Idee entwickelt und anschliessend damit an den Markt geht und schaut, ob das jemand haben möchte. Der Einstieg erfolgt umgekehrt: «Man beobachtet die Bedürfnisse des Menschen und analysiert, was es dort draussen für unbefriedigte Bedürfnisse gibt», erklärt Benedikt Escher. Danach tastet man sich heran, wie man dieses Problem lösen könnte.
Das Herantasten erfolgt, indem die Forscher «Prototypen » bauen, diese dann bei der Zielgruppe testen und mit dem Feedback ständig weiter verfeinern, bis der Entwickler «im besten Fall» dem Markt ein ausgereiftes und tatsächlich auch brauchbares Produkt liefern kann. Ihre 80 «Prototypen» haben Escher und Zünd während des folgenden halben Jahres auf drei heruntergekocht. Eine dieser Ideen war eine App zum Teilen von nicht ständig benötigten Gegenständen wie zum Beispiel einem eigenen Rasenmäher. Weiterverfolgt wurde nach etwa sechs Monaten schliesslich nur noch eine Idee. «Für Stablish.me haben wir und unsere Investoren das grösste Bedürfnis und damit auch die besten Chancen gesehen.» Zwischen Frühjahr und Herbst 2012 wurde die Basis für Stablish.me weiter konkretisiert. Im Spätherbst wurde das Projekt so weit zur Marktreife entwickelt, dass die Plattform seit Dezember in einer Beta-Version livegeschaltet werden konnte. In dieser Zeit wurde das Team laufend professionalisiert. Neben den beiden Gründern ist bereits der erste Angestellte in Zürich dazugekommen. Dazu arbeiten für das Start-up fulltime drei Software- Entwickler in Budapest sowie zwei Designer in Polen. «Wir waren zu einer solchen Auslagerung gezwungen, weil wir ähnlich ausgebildete Spezialisten hier bislang nicht bezahlen könnten.» In der Schweiz sei es «sehr schwierig», idealistisch eingestellte Leute für ein Start-up zu finden. «Echte Talente im Online-Bereich arbeiten lieber für viel mehr Geld bei Swisscom oder Credit Suisse. Und wenn sie ein geringeres Gehalt in Kauf nehmen, dann gründen sie meistens gleich selber ein Start-up und verfolgen dort ihre eigenen Ideen.» Unabhängig von dieser Situation sind Escher und Zünd mit ihren Kollegen im Osten aber mehr als glücklich.
«Die Zusammenarbeit funktioniert auch kommunikativ sehr gut.» Für die Finanzierung dieser Professionalisierung hat Stablish.me bereits im letzten Sommer eine weitere Kapitalspritze von 140 000 Franken über ein eigenes Crowdfunding-Portal auftreiben können. In den nächsten Tagen steht eine Kapitalerhöhung um 500 000 Franken an. Damit soll vor allem ein eigenes Entwickler- und Sales-Team aufgebaut sowie das Marketing intensiviert werden. Bis jetzt haben die Jungunternehmer noch fast keine Werbung für ihre Erfindung gemacht. Trotzdem sind bereits über 3800 User auf der Plattform registriert. «Jetzt geht es darum, diese Zahl massiv nach oben zu kurbeln.» Erste Erfolge zeigten sich in den letzten Tagen nach einem Bericht in 20 Minuten, «der auf einen Schlag viele neue User generiert hat». Dazu soll sich das Netzwerk natürlich auch «von innen heraus» verbreiten. Dass die Idee von Stablish.me bei der Zielgruppe tatsächlich ein Bedürfnis ist, können inzwischen verschiedene Feedbacks belegen. «Der ganze HRMarkt ist am Kochen und man realisiert dort, dass man etwas tun muss. Man kann die Rekrutierung nicht mehr auf die klassische Art bewältigen.» Ein Problem zum Beispiel: Fast alle Bewerber im Alter von Escher und Zünd verfügen bei ihrer Jobsuche über fast identische Qualifikationen. Man hat eine Hochschule mit möglichst guten Noten abgeschlossen.
Dazu kann man zwei Praktika vorweisen. Und ein oder zwei Auslandssemester gehören ebenfalls zum Standard. Wie aber kann man sich mit diesem Profil von seinen Konkurrenten abgrenzen? Benedikt Escher und Dominic Zünd sind überzeugt, dass die Empfehlungen und persönlichen Qualifizierungen auf Stablish.me dem Rekrutierer sehr viel mehr Entscheidungsgrundlagen zur Verfügung stellen kann. Weil die User von Stablish. me z.B. mit den Persönlichkeits-Badges neben ihren Zeugnissen auch ein persönliches Gesicht bekommen. «Das sind aber keine wertlosen Kommentare von gut meinenden Freunden», entgegnen die beiden den Kritikern des Projekts. «Im Innersten unserer Plattform gibt es ein sehr komplexes Kontrollsystem, das die Empfehlungen wertet und einordnen kann, ähnlich wie die Suchalgorithmen bei Google», erklären die Erfinder. Zünd und Escher sind deshalb auch überzeugt, dass ihnen ihre Idee nicht so leicht geklaut werden kann. Und das Businessmodell? Sowohl die erweiterte Suche als auch das gezielte Matching von Talenten mit den passenden Jobs sollen künftig kostenpflichtig angeboten werden. Auch wurde bereits starkes Interesse von diversen Unternehmen an der internen Anwendung von Stablish.me als Talentmanagement- Tool registriert. Für die einzelnen User soll Stablish.me aber gratis bleiben. Schliesslich ist eine Plattform erst dann wirklich erfolgreich, wenn «möglichst viele davon profitieren können». Und das war ja auch eine Grundidee bei der Entwicklung im Geist von Design-Thinking.
Andreas Panzeri
