Ich gehe dorthin, wo’s weh tut
Seit anderthalb Jahren fühlt Roger Schawinski in seinem TV-Talk Vertretern aus Politik und Wirtschaft auf den Zahn. Die Werbewoche hat sich mit Schawinski über seinen Interviewstil und das Konzept seiner Sendung unterhalten. Und darüber, weshalb Gäste eine Einladung nicht selten ausschlagen.

WW: Roger Schawinski, Sie haben Oprah Winfrey kürzlich als «zahme und einfühlsame» Interviewerin bezeichnet. Was sind Sie selbst für ein Interviewer?
Roger Schawinski: Ich bin das pure Gegenteil: Ein hartnäckiger, hart recherchierender und manchmal auch aufsässiger Interviewer.
Was heisst «aufsässig»?
Ich achte darauf, dass meine Gäste nicht nur das erzählen, was sie wollen. Sie sollen nicht nur ihre Schokoladenseite präsentieren. Ich warte auf Möglichkeiten, reinzustechen. Wenn etwas nicht aufgeht, hake ich nach. Ich spule keinen Fragenkatalog herunter, sondern versuche ein echtes Gespräch entstehen zu lassen – und ich höre dabei gut zu.
Sie werden häufig gerade dafür kritisiert, dass Sie Ihre Gäste nicht ausreden lassen. Nicht nur vom Publikumsrat.
Schauen Sie, ich bin für viele Journalisten eine Reizfigur. Seit Jahren. Das mit dem Ausreden lassen war vielleicht zu Beginn der Fall. Ich glaube, das hat sich weitgehend erledigt.
Es liessen sich durchaus Beispiele aus aktuellen Sendungen finden…
Meine Gäste kommen alle ausgiebig zu Wort. Es gibt im Schweizer Fernsehen keine andere Sendung, in der ein einzelner Gast eine halbe Stunde eine Plattform erhält.
Sie pflegen einen konfrontativen Interviewstil. Müsste sich ein Interviewer dem Gast nicht mehr anpassen?
Das tue ich durchaus. Im Vorfeld schätze ich ab, ob ich bei jemandem «gäch» einsteigen soll oder ob ich es langsam angehe.
Ihren Stil ablegen können Sie jedoch nicht, oder?
Nein, das will ich gar nicht. Mit einer Melanie Winiger rede ich anders als mit einem Christoph Mörgeli. Was ich aber immer tue: Ich bringe mich selber ein. Ich konfrontiere meine Gäste mit Gegenfragen, gebe meine Meinung ab. Der Duellcharakter macht die Sendung erst interessant. Der Zuschauer muss immer Stellung beziehen: Auf welcher Seite bin ich? Wo sind meine Sympathien? Wer hat die besseren Argumente?
Die Gespräche sind schnell und bleiben häufig an der Oberfläche.
Den Vorwurf des Oberflächlichen weise ich zurück. Es geht schnell, manchmal vielleicht so schnell, dass man bei einem Punkt etwas zu kurz verbleibt. Ich gehe aber schon dorthin, wo’s weh tut, wo ich an eine Persönlichkeit herankomme. Meine Sendung plätschert nicht einfach so dahin. Die ist extrem gut recherchiert. Da macht uns niemand etwas vor.
Bei Melanie Winiger ging es darum, welche Haarfarbe ihre Verflossenen hatten. Was wollten Sie damit ergründen?
Ich ging darauf ein, weil Winiger einst im Fernsehen sagte, sie stehe auf Männer mit schwarzen Haaren und dunklen Augen. Ihre Männer waren gerade das Gegenteil davon.
Das war eine uralte Einblendung. Von 1997.
Aber es zeigt auf, wie Winiger funktioniert.
Wie denn?
Ich wollte zeigen: Was Winiger in den Medien erzählt, ist zum Teil warme Luft. Ein Tag später ist das Gegenteil richtig. Ich glaube, es war ein tolles Interview. Das zeigen mir die Rückmeldungen.
Eine andere häufige Kritik ist, dass Sie voreingenommen wirken. Als hätten Sie sich Ihre Meinung zum Gast schon gemacht.
Natürlich habe ich mir zu meinen Gästen im Laufe der Recherchen eine Meinung gebildet. Ich gebe ihnen aber die Chance, mich zu überraschen.
Wann ist dies zuletzt geschehen?
Das passiert in fast jeder Sendung. Alexander Tschäppät zum Beispiel, als er sagte, er habe sich davor gefürchtet, in meine Sendung zu kommen. Ich war überrascht, dass jemand wie Tschäppät, der so extravertiert ist, gleichzeitig Bedenken hat, sich einem kritischen Gespräch zu stellen.
Als Ihre Sendung im Sommer 2011 anlief, kündigten Sie an, Bundesräte interviewen zu wollen. Bislang war noch keiner bei «Schawinski»…
Das liegt daran, dass Bundesräte offenbar nur an Orte gehen wollen, wo sie nichts Persönliches preisgeben müssen. Da ist meine Sendung wohl die falsche.
Die Bundesräte haben Ihnen eine Absage erteilt?
Ja. Ich habe angefragt und Absagen erhalten. Das nehme ich zur Kenntnis, bedaure es aber. Als Volksvertreter sollten Bundesräte nicht nur antiseptische Interviews geben, die von ihren Presseleuten entkernt werden. Meine Sendung ist «live on tape», da kann man nichts mehr redigieren und flach bügeln. Deshalb raten die Medienberater ihren Bundesräten offenbar davon ab, in meine Sendung zu kommen. Das ist meiner Meinung nach ein Zeichen, dass sie ihnen nicht sehr viel zutrauen.
Nicht nur Bundesräte wollen nicht in Ihre Sendung.
Ja. Viele Wirtschaftsbosse trauen sich ebenso wenig in ein nicht völlig kontrolliertes Umfeld.
Weshalb sollte jemand zu «Schawinski» wollen?
Ein Gast, der bei mir gut abschneidet, erhält den Heldenstatus. Dies beweisen viele begeisterte Rückmeldungen. In eine Sendung zu gehen, bei der man den «Schmuus» vom Interviewer bekommt, bringt nichts. Das nimmt niemand ernst. Eine gute Antwort auf eine kritische Frage ist zehnmal mehr wert als eine Bla-bla- Antwort auf eine Bla-bla-Frage. Nur sehen das die Medienberater, die um ihren Job fürchten, meist anders.
Ist die Schwierigkeit, Gäste zu finden, der Grund, weshalb Sie einige Personen mehrmals einladen?
Diese Frage finde ich jetzt seltsam. Bei David Letterman kommen spannende Gäste immer wieder. Gleich ist es in der Arena. Bei Gottschalk war Peter Maffay fünfzehn Mal. Erstens ist die Zahl interessanter Gäste endlich – nicht nur in der Schweiz. Und zweitens: Die Situation entwickelt sich. Zum Beispiel bei Philipp Müller. Den habe ich schon mal interviewt, bevor er FDP-Präsident wurde. Ein Jahr später ist es eine andere Story.
Sie könnten durchaus ein breiteres Spektrum abdecken.
Ich fand es spannend, Christoph Mörgeli in der turbulenten Zeit um seinen Job zum dritten Mal zu interviewen. Ich will den zu jedem Zeitpunkt interessantesten Gast.
Sind SVP-Vertreter die interessantesten Gäste?
Nein. Ich habe Gäste aus allen Parteien.
Toni Brunner war zweimal, Christoph Mörgeli dreimal bei Ihnen.
Die SVP ist faktisch die Oppositionspartei. Sie ist die Partei, die am meisten provoziert. Aus diesem Grund sind ihre wichtigsten Vertreter spannend.
Die SVP bringt eine hohe Quote.
Na klar! Logisch, ich will eine Sendung machen, die Zuschauer findet. Aber nicht nur. Die Relevanz ist mir wichtig. Den Gerichtspsychiater Frank Urbaniok oder den Kinderarzt Remo Largo habe ich bestimmt nicht wegen der Quote eingeladen, sondern weil mich die Themen und Personen interessieren.
Sie waren stets auf Quoten fixiert. Jene von «Schawinski » schwankt je nach Gast zwischen 13 und 34 Prozent. Der durchschnittliche Marktanteil lag 2012 bei 16,4 Prozent. Wie zufrieden sind Sie damit?
Die Quote hängt von verschiedenen Dingen ab. Vor allem vom Gast. Aber auch davon, wie das Vorprogramm läuft. Sowohl «Eco» als auch «10vor10» haben stark schwankende Quoten. Ausserdem: Zuschauer für eine Sendung zu gewinnen, die so spät abends ernste Themen beleuchtet, ist nicht einfach. Quotenmässig bin ich sehr zufrieden – und noch mehr über das grosse Echo.
Wäre Ihnen ein anderer Sendeplatz lieber?
Zu dieser Zeit ist gar nicht viel mehr möglich. Ich möchte keinen Sendeplatz um 20.15 Uhr oder direkt nach «10vor10». Dann müsste ich eine etwas andere Sendung machen und mehr auf Quoten schauen. Was ich allerdings kritisiere: Seit ein paar Monaten erhalte ich nur noch für jede fünfte Sendung einen Trailer.
Bei SRF 1 wird doch jeweils angekündigt, wer bei Ihnen Gast ist.
Aber nicht mit einem Trailer, der mehrfach eingesetzt werden kann. Genau das wäre für eine Sendung mit nur einem Gast jedoch essentiell. Die Zuschauer müssen wissen, wer mein Gast ist, damit sie bis 23 Uhr aufbleiben.
Inwiefern hat Ihre Produzentin bei der Gästeauswahl ein Mitspracherecht?
Mitsprechen dürfen alle, nicht nur meine Produzentin. Für Vorschläge bin ich immer dankbar, denn es ist harte Arbeit, gute Gäste zu finden. Die Entscheidung liegt allerdings bei mir.
Schauen Sie selbst Ihre Sendung?
Natürlich – und zwar immer live. Ich bin der Meinung, man kann eine Sendung nur dann beurteilen, wenn man sie live schaut, im selben Kontext wie jeder Zuschauer. Meistens wird die Sendung am Montag um circa 18 Uhr aufgezeichnet. Dann gehe ich nach Hause, esse etwas und warte nervös auf die Ausstrahlung. Wie ein normaler Zuschauer sitze ich dann vor dem Fernseher mit der Fernbedienung in der Hand und überlege mir, wann ich umschalten würde. Wo wird es langweilig? Das ist jedes Mal extrem aufregend. Danach bin ich zumeist so aufgekratzt, dass ich noch zwei, drei Stunden nicht schlafen kann.
Was bewegt Sie, wenn Sie Ihre Sendung schauen?
Vieles. Ich frage mich: Wo hätte man etwas ändern können? Weshalb habe ich diese Frage ausgelassen? Als Zuschauer erlebe ich die Sendung manchmal ganz anders als zuvor im Studio. Das sind zwei komplett verschiedene Dinge. Tschäppät zum Beispiel war ein dankbarer Gast. Der hat gut mitgespielt. Und auch als ich dann die Sendung sah, fand ich sie sehr unterhaltsam. Bei Urbaniok dachte ich dagegen: Das war für diese späte Uhrzeit schon etwas gar harte Kost.
Mit wem besprechen Sie jeweils die Sendung?
Mit meiner Produzentin und mit den Kollegen von Radio 1. Zudem erhalte ich oft Feedback von Chefredaktor Diego Yanez. Hie und da auch von meiner Frau, wenn sie die Sendung schaut. Das kann sie natürlich nicht immer, da ich so viele Sendungen pro Woche mache. Ausserdem den «Doppelpunkt» bei Radio 1, «Roger gegen Roger», die Morgenkolumne, und in der SonntagsZeitung ebenfalls eine Kolumne. Es wäre fast ein Full-Time-Job, alles zu verfolgen.
Ist Ihre Frau eine harte Kritikerin?
Ja, sehr.
Was hat sie schon kritisiert?
Manchmal meint sie, ich sei zu hart eingefahren. Dann sagt sie mir jeweils, ich soll etwas runterkommen.
Denken Sie manchmal selbst: Da bist du jetzt zu weit gegangen?
Ja. Hie und da denke ich: Das ist ein frecher Typ, dieser Interviewer.
Das kaufe ich Ihnen nicht ab. Sie gefallen sich doch in dieser Rolle.
Manchmal denke ich wirklich: Hoppla. Aber: Meine Sendung ist eben echt, eben 1:1. Vieles am Fernsehen ist unverbindlich. Das ist in anderen Sendungen kaum der Fall. In der «Arena» zum Beispiel stehen einige Leute vorne und zehn andere weiter hinten. Jeder Teilnehmer weiss: Du sagst etwas, dann kommen andere und du musst zehn Minuten warten, bis du wieder an der Reihe bist. Das ist eine ganz andere Gesprächssituation als in meiner Sendung.
Nun haben Sie den Fuss bei SRF wieder drin. Übernehmen Sie bald noch eine zweite Sendung?
Wie kommen Sie auf eine solche Idee?
Ein medienpolitisches Format vielleicht?
Nein. Ich interessiere mich zwar sehr für Medien – und schreibe darüber. Aber bitte keine weitere Sendung. «Schawinski» will ich dagegen noch lange machen. Entscheidend bei einer solchen Sendung ist Kontinuität. Bei Harald Schmidt, der auf Sat. 1 viermal in der Woche seine Late-Night-Show hatte, dauerte es vier Jahre, bis sich die Sendung richtig etabliert hatte. Das sollte man nie vergessen.
Interview: Isabel Imper
