Zu guter Letzt: Ich bin ein Kind, holt mich hier raus

Alle schauen die Dschungelshow. Nicht nur Jung und Alt, sondern auch sehr Jung. Und viele Frauen.

In Australien kämpft zur Zeit wieder eine Gruppe Cervelats um die Reanimierung der Karriere. Einige der Camp-Teilnehmenden waren zu Beginn so unbekannt, dass RTL den Zuschauern erst einmal den Grund ihrer Anwesenheit erklären musste. Eine machte mal bei «Bachelor» mit (und sei schon dort als Zicke bekannt gewesen), eine andere war Kandidatin bei «Germany’s Top Model». Die Mutter von Reality-TV-Phänomen Daniela Katzenberger trifft auf die Tochter von Tony Curtis. Ein ehemaliger DSDS-Kandidat auf eine Soap-Darstellerin, die es allen mal zeigen will (und zufällig im aktuellen Playboy zu sehen ist). Ein türkischer Möchtegern-Latino, der vor langer Zeit einen Trash-Sommerhit landete, ist auch da. Zudem ein suspekter Klaus von Klaus & Klaus, der tragisch gealterte Helmut Berger und der Dagobert-Erpresser, der zusammen mit einem redegewandten Transvestiten die intellektuelle Elite des diesjährigen Dschungelcamps bildet. Und natürlich Patrick Nuo, der die Schweiz vertritt und mit einem Pornosucht-Geständnis die Verkaufszahlen künftiger Tonträger ankurbelt.

Die Sendung bietet einfach alles. Kein Wunder dominiert das Trash-Feuerwerk die Einschaltquoten des deutschsprachigen Raums nach Belieben. Kritische Abhandlungen kann man sich getrost sparen – ebenso wie fadenscheinige pseudo-soziokulturelle Erklärungen, wieso man sich von «Ich bin ein Star, holt mich hier raus!» tagtäglich bestens unterhalten lässt. Eine Sendung, die offiziell niemand schaut – in Deutschland durchschnittlich sieben Millionen pro Abend (und 41 Prozent der Werbezielgruppe). Dass es in der Schweiz ähnlich aussieht, kann man leider nur erahnen – die Einschaltquoten wurden hierzulande ja abgeschafft.

Das Schweizer Qualitäts-Printmedium Blick fragte am Donnerstag entgeistert «Warum schauen gerade Frauen Dschungel-Schrott?». IPMZ-Professor Heinz Bonfadelli erklärte wieso. Da verkam eine andere Stelle des Artikels beinahe zur Nebensächlichkeit: «Bei den ganz Kleinen sind die schleimigen Dschungelprüfungen besonders beliebt: 210'000 Mädchen zwischen drei und 13 Jahren schalten Abend für Abend um 22.15 Uhr ein». Vielleicht wäre die relevantere Frage, was kleine Kinder um diese Zeit (und generell) vor dem Fernseher zu suchen haben. Und wieso man in diesem Alter Sendungen schaut, die unbestritten ein gewisses Mass an Medienkompetenz voraussetzen und definitiv nicht für Kinderaugen gedacht sind. Die Sendezeit gibt ahnungslosen Eltern diesbezüglich vage Hinweise. Leider wurde Professor Bonfadelli dazu nicht befragt.

Thomas Häusermann

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Bild: Blick, 17. Januar 2013

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