Presse TV: Baz erbt Ringiers Gesundheitssendung
Viele Neuerungen bei Presse TV (PTV): Ab 2013 macht die Baz eine Nachfolgesendung für «Gesundheit Sprechstunde», das PTV-Aktionariat verkleinert sich und Fibo Deutsch verlässt das Verlegerfernsehen. Zudem lanciert SRF einen Ersatz für Ringiers «Motorshow TCS».
Nach dem Ausstieg von Ringier beim Verlegerfernsehen PresseTV (PTV), wird die Basler Zeitung Medien (BZM) mehr Verantwortung übernehmen. Zum einen verdoppelt sie ihre Beteiligung von heute 10 Prozent auf 20 Prozent, zudem führt sie die Sendung «Gesundheit Sprechstunde» unter neuem Namen, aber mit gleichem Konzept weiter (siehe Interview mit BZM-CEO Filippo Leutenegger). Auch die Redaktionscrew bleibt grösstenteils bestehen: Die bisherige Chefredaktorin Regula Käch verlässt das Team und Moderatorin und Ärztin Jeanne Fürst übernimmt die Leitung.
Da Ringier beim Verlegerfernsehen aber 30 Prozent der Aktien hielt, gehen 20 Prozent an PTV zurück: Sie stehen bereit, falls sich ein weiterer Verlag einbringen will. Derzeit scheint primär die AZ Medien in Frage zu kommen: Sie hatte sich schon früher interessiert gezeigt, umso mehr, als sie mit ihren Lokal TVs in Zürich, Aargau und Bern über überschüssige Studiokapazitäten verfügt. Auf Anfrage der Werbewoche teilte Claudia Bossert, Geschäftsführerin TV bei der AZ Medien, zwar mit, dass «noch keine Anfragen zur Teilnahme bei PTV eingegangen» seien. «Aber wir sind noch immer offen für sinnvolle Kooperationen», fügte sie hinzu. Dem Vernehmen nach stehen allerdings schon in den nächsten Tagen erste Gespräche an.
SRF muss zwei Programmlücken füllen
Nicht nur im Aktionariat, auch bei den Sendungen hinterlässt Ringier Lücken: «Cash TV» und «Motor Show TCS» fallen ersatzlos weg, womit ab 2013 zwei knapp halbstündige Löcher im Programm von SF2 klaffen: Jeweils samstags um 20:30 Uhr und sonntags um 22:05 Uhr. «Der Sendeplatz von «Cash-TV» geht an ein neues Format, über dessen Inhalt noch nichts entschieden ist, jener von «Motorshow» bleibt erhalten für ein Format zum Thema Auto», teilte SRF-Sprecher Jonathan Engmann auf Anfrage mit. Beide Formate laufen künftig unter der Verantwortung von SRF, für jenes zum Thema Auto sind auch schon Verhandlungen mit Produktionsfirmen im Gang.
Auch ein dritter Ringier-Beitrag, der «Sonntagsblick-Standpunkt», wird ersatzlos gestrichen, doch weil die anderen drei Standpunkt-Anbieter NZZ, Basler Zeitung und Bilanz in die Bresche springen und künftig einen Drei- statt einen Vier-Wochen-Turnus fahren, entstehen hier keine Lücken.
Die Streichung von «Cash TV» und «Motorshow TCS» führt dazu, dass PTV ab 2013 nur noch 6500 Sendeminuten pro Jahr für SRF produziert. Bisher waren es jährlich 8500 Sendeminuten, mit den Wiederholungen sogar mehr als das Doppelte. Mit der Reduktion verkleinert sich auch die Entschädigung, die PTV von SRF erhält: Waren es bisher 5 Millionen Franken pro Jahr, so dürften es künftig weniger als 4 Millionen Franken sein.
Markus Spillmann soll VR-Präsident werden
Bei PTV kommt es auch zu gewichtigen personellen Wechseln. Einige wurden bereits in den letzten Wochen in aller Stille eingeleitet: So trat der bisherige VR-Präsident Wolfgang Frei, der Leiter Neue Medien bei der NZZ war, unlängst infolge Pensionierung zurück. Als sein Nachfolger wurde der Medienanwalt Martin Lutz (73) gewählt, der DTCP, ein Verbund deutscher Verlage, bei PTV vertritt. Dieser tritt nun aber bereits Ende Jahr zurück – altershalber, wie es in einem Communiqué heisst. Die PTV-Aktionäre haben nun kürzlich beschlossen, NZZ-Chefredaktor Markus Spillmann als neuen Präsidenten und BaZ-Verleger Filippo Leutenegger als Vizepräsidenten vorzuschlagen. Eine ausserordentliche Generalversammlung soll noch Ende November stattfinden.
Fibo Deutsch tritt ein Jahr früher ab
Die gewichtigste personelle Änderung erfolgt aber auf operativer Ebene: Der 72jährige Ringier-Mann Fibo Deutsch, der die PTV-Geschicke von Beginn weg führte, wird die Geschäftsleitung schon Ende Jahr abgeben. Dies ist überraschend, hatte es doch ursprünglich geheissen, Deutsch werde noch mit SRF einen neuen Vertrag ab 2014 aushandeln. Nun wird es sein Nachfolger tun. Wer dies sein wird, ist noch offen. Die Geschäftsstelle werde neu organisiert, hiess es im Communiqué lediglich. Sicher ist aber: Doris Maeso, Deutschs rechte Hand, bleibt PTV treu.
Da Ringier auch die eigene TV-Produktion unter dem Namen Ringier TV einstellt, kommt es auch auf dieser Ebene zu Änderungen: Die Standpunkt-Sendungen sowie die Gesundheitssendung der BZM werden neu von Content Park in Schlieren produziert, von jenem Unternehmen, das aus der Firma Lobster TV hervorging und bis Mitte 2010 zu Christoph Blochers Finanzierungsgesellschaft Robinvest gehörte. Content Park hat Erfahrung bei der Produktion von Fernsehsendungen und verfügt über ein grösseres Studio als Ringier TV. PTV wird übrigens auch seinen Geschäftssitz vom Ringier-Hauptgebäude an der Dufourstrasse nach Schlieren verlegen.
Kooperation seit 17 Jahren
PTV wurde 1995 von NZZ, Ringier und DCTP gegründet. Noch im selben Jahr trat die Basler Zeitung bei, später auch die Jean Frey AG, die ihren Anteil 2007 an Axel Springer Schweiz abtrat. Ziel war es von Anfang an, Beiträge privater Lieferanten in Programmfenstern des Schweizer Fernsehens auszustrahlen – im Bewusstsein, dass sich für Verleger ein eigenes sprachregionales TV-Programm in Konkurrenz zur SRG kaum finanzieren lässt.
Doch nicht immer fühlten sich die Verleger wohl unter den Fittichen von SF. In der Aera Peter Schellenberg waren sie bloss geduldet und unter Ingrid Deltenre sahen sie sich gar als «ungeliebte Laus im Pelz der SRG» (Zitat Deutsch). Das Verhältnis entspannte sich erst mit dem Vertrag von 2008: Seither fühlt sich PTV als Partner ernstgenommen, und dank gemeinsamer Sendeplatzplanung kamen die PTV-Sendungen wieder auf bessere Quoten. So erreichte «Gesundheit Sprechstunde» im ersten Semester 2012 einen durchschnittlichen Marktanteil von 19,7 Prozent, «NZZ Format» 15,3 Prozent, die «Standpunkte» 7 Prozent, und «Motorshow», «Cash TV» und «Bekanntmachung» kamen auf 4 Prozent bis 6 Prozent. Die SRG ist deshalb auch nach 2013 an einer Kooperation mit PTV interessiert. «SRF will weiterhin mit den Verlegern zusammenarbeiten», bestätigt SRF-Sprecher Jonathan Engmann.
Markus Knöpfli
