Werbung im Wald
Anne-Friederike Heinrich, freie Mitarbeiterin der Werbewoche, über mehr oder weniger nachhaltiges Branding.
Heiteres Markenraten
Findige Marketer haben sogar Bio-Diesel geschaffen, obwohl es kaum etwas Absurderes geben kann als Schweröl und Bio Hand in Hand. Frei nach dem Motto: Die Wahrheit ist, woran Konsumenten zu glauben bereit sind. Allerdings sind unsere Zeiten offenbar nicht so bio, wie das «biologisierte» Warenangebot den Anschein erweckt. Denn wer über die Strassen und durch den Wald schlendert, wähnt sich mitten auf dem Müllhaufen der Wegwerfgesellschaft: Papierchen, Schachteln und Flaschen aller Orten. Das Gemülle ist nicht schön, hat aber doch etwas Gutes: Auf langen Waldspaziergängen mit unserem Söhnchen kann ich nämlich «Papierchen erkennen» spielen, sobald mein Gesprächspartner eingeschlafen ist. Sehr unterhaltsam! Dort im Gesträuch, die verblichene gelbe Packung mit dem gerade noch erkennbaren «-ne» auf der Rückseite: ganz klar ein Parisienne- Päckchen. Das sieht selbst die passionierte Nichtraucherin. Etwas weiter eine PET-Flasche mit geprägten Längsstreifen, schlanker Taille und rotem Deckel. Das Etikett hat sich zwar längst aufgelöst (vermutlich im sauren Regen), dennoch: Dieses Wegwerfsel ist ganz eindeutig eine Colaflasche. Und vorne, unter dem Baumstamm, ein längliches, weiss-schwarzrotes Papier. Was mag das wohl gewesen sein? Au, wie fein, ein Kinder-Riegelein.
Auf der bemoosten Mauer ein Stück weiter steht mein nächstes Rätsel: ein leerer Becher, durchsichtig, mit einer Plastikkuppel wie ein Bullauge und einer grünen Figur mit Doppel-Fischschwanz auf dem Bauch. Na, wissen Sie, wer diese Wegwerfware produziert hat? Genau, Starbucks. Und was ist das? Wieder eine PET-Flasche, aber ohne Gesicht und ohne Namen. Dumm gelaufen. Besser ergeht es der grün-weissen Büchse direkt daneben. Sie ist zwar zerdrückt und schon ein wenig angerostet, aber sie ist und bleibt eine Heineken-Dose. Und das schon von Weitem.
Schliesslich erinnert mich eine rote Plastiktüte mit schlichter weisser Aufschrift, die (immerhin korrekt entsorgt) aus dem Abfallkübel hängt, daran, dass ich meine Garderobe mal wieder aufstocken müsste. Am besten bei Esprit.
Markenführung posthum
Meine kleine Müll-Lese verleitet mich zu folgender, zugegeben etwas gewagter These: Ein Brand ist erst dann erfolgreich, wenn Produkte auch nach Jahrzehnten unter Brennnesseln von Passanten noch als zu genau der und zu keiner anderen Marke zugehörig erkannt werden. Erst wer posthum noch wirbt, ist der wahre Meister beim im Gedächtnisbleiben.
Vielleicht könnte man mal eine kleine Testreihe im Wald starten, um meine These zu prüfen. Natürlich langfristig angelegt und ganz nachhaltig. Das wäre zwar nicht wirklich bio. Und öko schon gar nicht. Aber spannend.
