Die grosse Chance der Kleinen

Publicis hat in Zürich einen neuen Ableger gegründet. Red Lion ist ein agiler Hotshop mit einem grossen Netzwerk im Rücken. Sacha Moser ist CD. Christian Siegrist Geschäftsführer.

Wenn man die sich die ganze Zeit hoch über dem Meer auf der Reling eines Ozeandampfers bewegt, hat man eine andere Sichtweise als auf einem kleinen Schnellboot. In einem Dampfer steckt viel Power. Ein Kurswechsel muss aber langfristig geplant sein. Ein Schnellboot kann viel agiler reagieren. Weisheiten aus der maritimen Welt – die aber auch für Werbung rund um die aktuelle Wirtschaftslage in einem Binnenland gelten. «So können wir die Vorteile einer Kleinagentur mit dem Backup einer Grossagentur anbieten», fasst Christian Siegrist die Analyse zusammen, welche bei Publicis am 1. Juli zur Gründung von Red Lion führte.

Das Konzept ist nicht ganz neu. Spin-offs mit dem Namen Red Lion suchen für das Netzwerk von Publicis auch in weiteren europäischen Ländern sowie Indien und Brasilien nach neuen Wegen. «Das hat uns inspiriert. Wir glauben, dass die Zeit reif für solche Businessmodelle ist», erklären Sacha Moser und Christian Siegrist ihre Initiative für ein solches «Schnellboot» auch in der Schweiz.

Sacha Moser war Senior AD und Associate CD bei Young & Rubicam New York, bevor ihn Kaspar Loeb im Jahre 2005 zurück nach Zürich als CD in die Publicis holte. Vor seinen fünf Jahren in New York wirkte Moser zwei Jahre bei Y&R in Puerto Rico. Eingestiegen in die Werbung ist Sacha Moser bereits als 14-jähriger Teenager mit einer Schnupperlehre. Konsequent verfolgte er seinen Weg über die Kunstgewerbeschule und eine Grafikerlehre bei DDB. Nach kurzen Intermezzi in Paris und bei Rainer Kuhn wurde es endgültig professionell mit einem «tollen Angebot» bei Advico, wo Moser bereits mit 23 Jahren zum AD befördert wurde, bevor dann seine Karriere die weltmännische Fortsetzung in Übersee fand.

Christian Siegrist «tingelt seit 30 Jahren durch Werbeagenturen». Angefangen hat er in Basel bei der Kleinagentur Roger Meyer, dann folgten Ogilvy Küsnacht und acht Jahre GGK wieder in Basel, bevor es noch einmal zurück nach Küsnacht ging zur damaligen GGK von Hermann Strittmatter. Für die Betreuung des Budgets von IBM durfte sich Siegrist zur GGK in Paris versetzen lassen. Von dort aus war es auf personeller Ebene ein naher Schritt zu Reini Webers WHS, «was damals eine Art Fortsetzung der GGK» war. Weil er es «einmal härter erleben wollte», hat Christian Siegrist dann «die Fronten gewechselt » und betreute für fast vier Jahre bei McCann in Genf das Budget von McDonald’s. «Härter» sei das gewesen, weil diese Werbung nicht mehr von der schönen Kreation getrieben war, sondern auf knallharte Marktzahlen abstützen musste. Das war für Siegrist die gesuchte Herausforderung. «Jeden Montag gab es einen Rapport, was in der Vorwoche an der Kasse passiert ist.»

Als das Budget von IBM inzwischen zu Ogilvy wanderte, wollte dieser Kunde dort noch einmal mit seinem bewährten Ansprechpartner Siegrist zusammenarbeiten. So ergaben sich vier Jahre an der Zürcher Bergstrasse, bevor dann Publicis folgte, wo Siegrist inzwischen bereits seit 14 Jahren wirkt. Die letzten drei davon als COO. «Ich bin nicht einer, der ständig wechselt.»

Der nun interne «Wechsel » zu Red Lion ist sowohl für Siegrist wie Moser ein sehr motivierender Schritt. «Ich habe schon immer gerne neue Sachen aufgebaut», freut sich CD Sacha Moser. Geschäftsführer Christian Siegrist meint: «Ich kann jetzt wieder das machen, für was ich eigentlich in diesen Beruf eingestiegen bin.» In einem Haus mit über 140 Mitarbeitenden habe er sich als COO zwangsläufig «mehr mit Finanzen als mit Kunden und Werbung beschäftigt». Jetzt geht es wieder ums Kreativbusiness. Für ihre «eigene» Agentur sind dem Führungsduo nur zwei Leute vorgesetzt: VR-Präsident Fredy Collioud und Curdin Janett, der als CEO von Publicis die ganze Gruppe vertritt. «Sonst sind wir niemandem Rechenschaft schuldig.» Das Team von Red Lion arbeitet auch in eigenen «sturmfreien» Räumen und mit einem eigenen Server.

In Bezug auf Wachstum macht es natürlich keinen Sinn, dass Red Lion mit eigener Grösse dem Stammhaus Konkurrenz machen will. Der Spin-off soll eine Boutique bleiben. Bis zu 17 Personen sind ein ideales Ziel. «Wir wollen inhabergeführt auftreten können. Alle unsere Leute sind in direktem Kontakt mit den Kunden.» Deren «Zuteilung» zwischen Publicis und Red Lion hat nicht mit der Grösse zu tun. «Es geht um den gewünschten Stil», meint Siegrist. Und Moser kann verraten, dass Red Lion mit diesem Ansatz bereits einen Pitch für eine international tätige Anwaltskanzlei gewonnen hat. Einen Gewinn der besonderen Art hat Red Lion auch in Sachen Einrichtung verbuchen können. Das Sofa für das Sitzungszimmer hat der junge «Startup » für wenig Geld auf Riccardo gefunden. Erst bei der Lieferung hat sich herausgestellt, dass das Möbel vorher bei Euro RSCG zum kreativen Chillen diente.

Nicht so rund ist es mit der Webadresse gelaufen. Die Domain Red-Lion.ch gehört einem chinesischen Restaurant in Kloten. Obwohl sich Moser und Siegrist dort eine Zeitlang als «Stammgäste» eine gute Verhandlungsbasis angegessen haben, wollten die Chinesen schliesslich nicht verkaufen. Dafür war www.red-lion.com frei zum Ersteigern. Ein erstaunlicher Zufall. Immerhin wird der «rote Löwe» in den verschiedensten Bereichen weltweit mit einem Symbol für mythischen Erfolg und geheimnisvolle Stärke assoziiert.

Andreas Panzeri

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