Aufgespiesst: Fernsehabend mit Film und Spott
Anne-Friederike Heinrich, freie Mitarbeiterin der Werbewoche, über TV-Werbung mit Verblödungsgarantie.
Neulich habe ich mir mal wieder etwas ganz Seltenes gegönnt: einen Fernsehabend. Oh mein Gott, was habe ich mir angetan! Das gilt sowieso für den völlig niveaulosen Film mit dem völlig niveaulosen Til Schweiger. Aber wer schaut auch schon Sat.1, und das nach langer Fernsehabstinenz?! Selber Schuld. Das gilt enttäuschenderweise aber auch für die Werbespots. Nach zwei Werbeunterbrechungen war mir klar: Die Spielfilme müssen so dämlich sein, damit dem Zuschauer nicht auffällt, wie idiotisch die Werbung ist. Wer sich erst einmal auf das unterirdische Niveau der Filme herabgelassen hat, wird auch bei hirntoten Spots nicht um- oder ausschalten, so wohl die Hoffnung der Programmstrategen. Blödsinn betäubt. Damit der Schlachtplan aufgeht, flies sen Filme und Werbung quasi ineinander über. So kann der Zuschauer nach wenigen Minuten nicht mehr beurteilen, ob er gerade im Werbeblock ist oder im (falschen) Film, und seinem weichgekochten Stammhirn gelingt es nicht mehr, den Daumen oder sonst ein Körperteil auf den Ausschaltknopf zu bugsieren. Fertig ist die Einschaltquote.
Pärchenschiff am Kentern
Til Schweiger verschwindet, und es kommt eine mittelhübsche Dame mittleren Alters aus weissem Hintergrund auf den Bildschirm gewackelt und sagt: «Heute leben wir in derselben Wohnung. Kennengelernt haben wir uns unter derselben Adresse.» Dann hampelt ein halbschöner, halbalter Typ neben die Dame auf die Bildfläche und lächelt süffisant. Zu sagen hat er nichts. Dieses durchaus realistische Szenario ist Werbung für den Lebensabschnittspartner- Finder Parship. Liebe Leute, wenn eine Partnerschaftsvermittlung sich das schlichte Ziel setzt, dass zwei halbschöne und halbalte Menschen schliesslich «in derselben Wohnung leben», dann könnte sie auch einfach WG-Partner oder Zimmer im Seniorenheim vermitteln. Aus einer WG auszuziehen, ist denn auch günstiger, als sich scheiden zu lassen. Und den betreffenden beiden Menschen blieben eine lange Kennenlernprozedur sowie unzählige Und-was-machstdu- so-?-Verhöre erspart. Ach, es geht um mehr als ums gemeinsame Klingelschild? Dann täten die beauftragten Werbespezis gut daran, diese Inhalte auch zu transportieren. Gerne gewitzt. Aber: Wortspiele sind nicht der Werbung letzter Schluss.
Ei der Daus
Dann haben noch ein paar animierte Eier, eine Senfund eine Mayonnaisetube ihren grossen Auftritt. Die Eier jauchzen, die Mayonnaise staunt über den Freudentaumel, und der Senf erklärt, er habe «seinen Senf dazugegeben» – darum die super Laune. Au Backe, auch hier waren Flachwitzproduzenten am Werk! Wen animiert ein solcher Spot zum Kauf irgendeines Produkts? Ich möchte mir diese Leute nicht vorstellen und hoffe, dass Til Schweiger nun endlich zu mir zurückkommt. Und wenn ich mich nach Til Schweiger sehne, muss es mir wirklich schlecht gehen.
Doch bevor die zweifelhafte Erlösung naht, funkt erst noch eine blonde, polnische Hausfrau dazwischen. Sie hat sich in einen weissen Kittel gehüllt und stellt sich als Dr. Lefkowitz vor. Das heisst, sie bewegt ihren Mund und ein Synchronisator hat sich einen schlecht passenden Text dazu ausgedacht. Irgendwie geht es um Schuppen. Dann taucht eine schwarzhaarige Frau auf, der die Frau Doktor einen schwarzen Zettel auf den Scheitel presst, den sie sodann freudestrahlend wieder emporreisst. Schauen Sie sich diesen Spot mal ohne Ton an … «Head & Shoulders», Kopf & Schultern – naja, auch der Markenname ist ja irgendeinem Branding-Experten noch kurz vor knapp von der Schippe gesprungen.
Irgendwie muss ich eingenickt sein. Geweckt werde ich jedenfalls nicht von Til Schweiger, sondern von einer Stimme, die skandiert: «So frisch, so nah, so … SPAR.» Was für ein Albtraum!
