Aufgespiesst: Des Professors zierliche Handschrift

Karl Lüönd erinnert sich an Prof. Dr. Werner Weber, den vormaligen Feuilletonchef der Neuen Zürcher Zeitung.

Manchmal tauchte seine hohe Gestalt vor unse¬rem Fenster auf, dann wussten wir: Unser Nachbar, der Professor, war wieder am Auftanken. Einige Male nahm er die Einladung zum Tee an. Prof. Dr. Werner Weber, Ordinarius für Literaturkri-tik an der Universität Zürich und vormaliger Feuilletonchef der Neuen Zürcher Zeitung, besass in unserer entfernten Nachbarschaft einen bescheidenen Landsitz. Es war sein Elternhaus, wie er mit Stolz zu betonen pflegte, denn Werner Weber stammte aus einfachen Verhältnissen. Wenn wir im Herbst Rehe jagten, stellten wir immer einen Schüt¬zen «bi de Frau Wäber obe» an, dort ist heute noch der Hauptwechsel; so abgelegen ist das Häuschen. Dank Werner Weber erfuhren auch Hermann Hesse und Paul Celan, wo Schottikon liegt.

Wenn ich an ihn denke, fällt mir ein, welch riesige Distanz das Journalistengewerbe zurückgelegt hat, nicht nur technisch, von der Bleisatzkultur zum digitalisierten Textmanagement, sondern auch intellektuell. Die beiden Wege müssen gegenläufig verlaufen sein. Die Technik wurde immer komplexer, indem sie sich in die Redaktionen vorschob: Die Nachfolger des Werner Weber müssen sich nicht nur mit den Inhalten auseinandersetzen, sondern auch mit der Form. Die journalistischen Berufsbilder dagegen haben sich so weit ausdifferenziert, dass eine publizistische Instanz wie Weber heute schon gar nicht mehr denkbar wäre.

Sinnfällig wird dieser Unterschied in den Briefen, die Weber schrieb und empfing. Thomas Feitknecht hat sie in einer unendlichen Geduldsarbeit zusam-mengetragen, geordnet und kommentiert (Werner Weber. Briefwechsel des Literaturkritikers aus sechs Jahrzehnten, Verlag NZZ). Das Buch ist ein einziges, unnostalgisch nüchternes Besinnungsstück auf den Zeiten- und Wertewandel und eine Erinnerung an die Jahre zwischen 1939 und 2000. Weber – immer mit der Füllfeder, in seiner zierlichen Handschrift und manchmal auf kleinen Kärtchen, was so gut zu seiner sorgsamen Wortwahl passte – führte Korrespondenz mit Hermann Hesse, Thomas Mann, Nelly Sachs, Paul Celan und immer wieder mit Max Frisch; die beiden rieben sich aneinander. Damals verschickte der Feuilletonredaktor an die Autoren noch Separat¬drucke von den Buchbesprechungen; bei Weber verliess keiner das Redaktionsbüro ohne einen respekt¬vollen, individuellen Gruss. Als Hermann Hesse einmal 250 Separata eines ihm gewidmeten Artikels bestellte, war Werner Weber so verlegen, dass er zu¬rück fragte, ob es denn damit wirklich seine Richtigkeit habe.

Webers Brieffreunde waren aber auch Autoren wie Otto F. Walter, Ludwig Hohl, Walter Matthias Diggelmann, Hans Boesch, Hermann Burger, Gertrud Leutenegger, Adolf Muschg… damals alles junge Leute, die Dialog und Ermutigung brauchten. Dass er die einen mochte und den anderen nicht über den Weg traute, war das eine. Das andere aber war die fürsorg¬liche Neugier, mit der er sich immer wieder nach dem Fortgang des Schaffens erkundigte. Auf Fragen gab er Rat, und fast immer war er der erste Leser. Sein Echo hatte eine unnachahmlich elegante Form: eine Mi¬schung aus redlicher Offenheit und höflicher Zuwen¬dung. Die Autoren, auch die linken, die die NZZ eigentlich nicht mochten, erlebten in ihrem einsamen Geschäft des Schreibens dieses liebevolle forschende Interesse als Wohltat.

Umbruchtechnisch war man damals rührend un¬beholfen. Einer der Autoren, der sein grosses Werk für den Abdruck in Fortsetzungen einrichten sollte, schrieb: «Was ich gerne erfahren würde: Ob Sie diese Kapitel en block (!) für geeignet halten, ferner wieviel Fortsetzungen das etwa bedeuten würde, oder wie viele MS-Seiten etwa eine Fortsetzung ergeben.» Weber war das egal, dafür hatte er seinen Metteur. Dafür antwortete er dem Autor: «Beim Wiederlesen ist meine Bewunderung nicht nur gefestigt, sondern gesteigert worden. Wissenschaft – Intuition – Gestaltung bei Ihnen in Einem, als sei’s Natur – und ist doch höchste Gewissensleistung….» Der Brief ging an Golo Mann, der Vorabdruck betraf den «Wallenstein».

Feitknechts überaus sorgfältig edierter Briefband ist Teil einer imaginären Bibliothek über den Wandel der publizistischen Kultur in diesem Land: eine starke Erinnerung an wunderbar altmodische Persönlichkeiten und Arbeitsstile, als es noch keine A- und B-Post gab und die Redaktorenbriefe nicht auf dem Mailserver gelöscht, sondern archiviert wurden, weil sie so zauberhaft waren, dass sich das Aufbewahren und Wiederlesen heute noch lohnt.

 

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