Aufgespiesst: Verkorkst
Werbewoche-Redaktorin Simone Fankhauser über «Reklame» für Damenhygiene-Produkte.
Neulich auf der Heimreise im Bus entspannte ich meinen Geist beim Schmökern in «Friday» von 20 Minuten. So erfuhr ich also, dass Schuhdesigner Walter Steiger vom Bundesamt für Kultur mit einem Preis geehrt wird, dass Abzeichen auf Jeansjacken (wieder) in sind und dass uns Kaffee wach macht. Schön, nächste Seite. Aha, die Models Nadine Strittmatter und Fabian Pfenninger präsentieren weiter hinten im Magazin die neueste Versace-for-H&MKollektion. Mein Blick schweift weiter. Und dann, auf der rechten Seite, an prominentester Stelle sozusagen, lacht sie mich an: Die, die «so flexibel ist wie mein Stil». Die, die dank ihren sanften, faltbaren Seiten in jedes Höschen passt und so dafür sorgt, dass ich «aus jedem Tag das Beste machen kann». Wow, ganz schön hohe Ansprüche an eine Slipeinlage. Damit die «flexiform» aus der Carefree-Familie ihr Können auch gleich unter Beweis stellen kann, haben die Marketingstrategen von Johnson & Johnson ein Sample beigelegt respektive geklebt. Das verdient meines Erachtens nochmals ein «Wow». Immerhin gleicht die Bewerbung von Damenhygiene- Produkten noch immer dem Gang durch ein Minenfeld.
Oder sollte man besser sagen, wieder? Es scheint, dass gerade in den Anfängen von Slipeinlagen und Tampons, die in den 1970er Jahren mit der Welle der sexuellen Revolution auch in die Regale gespült wurden, alle Beteiligten noch etwas unverkrampfter mit dem Thema umgingen. In den 80er Jahren beispielsweise traute man sich auf Anzeigen (siehe Vongestern.com) noch die Dinge beim Namen zu nennen. Da verkünden vier flotte Aerobic-Queens 1983, dass «die Anwendungshülse von Tampax viel hygienischer ist als ein Finger». Johnson & Johnson, ebenfalls Vertreiber der Marke «o.b.», preist 1985 die Vorteile des Produkts im Inserattext unter anderem damit, dass der Tampon an einer Stelle getragen werde, an der man ihn nichts spüre, «im mittleren Bereich der Scheide, wo kaum Empfindungsnerven sind». Für Carefree ihrerseits – übrigens eine der ersten Slipeinlagen überhaupt – wird am Beispiel der fiktiven Linda Vogt das Thema «Tage zwischen den Tagen» erörtert. Der Inserattext erklärt, dass viele Mädchen «an den Tagen zwischen den Tagen geringe Absonderungen haben». Ich gebe zu, «Absonderungen» ist nun auch nicht gerade eine geglückte Umschreibung von Ausfluss, wie die «Absonderungen » im Ärzte-Chargon genannt werden. Aber sie verdeutlicht immerhin, dass Frauen Slipeinlagen und Co. nicht einfach in ihre Unterwäsche kleben, weil sie deren Duft so mögen. Doch genau dieses Bild vermittelt die Werbung uns Frauen heute. Die schleichende Tabuisierung lässt sich sehr schön anhand der Slogans von Carefree verdeutlichen: «Der Wäscheschutz für jeden Tag», hiess es noch 1985.
Vier Jahre später gab man sich dann emanzipiert: «Vorrecht der Frau.» (Anmerkung der Redaktion: Gibt es Männer, die den Frauen das Vorrecht auf Slipeinlagen streitig machen wollen? Bitte melden!) Und dann, irgendwann in den darauffolgenden zehn Jahren kippte es: 1999 folgte «Feel free», 2005 «Feel fresh. Feel free. Carefree.» – ich kann mir ein Wow, für den originellen Reim kaum verkneifen –, 2007 «Jeden Tag frisch erleben!» und 2010 «Den ganzen Tag wie morgenfrisch».
Gehen wir nun davon aus, dass Hersteller von Damenhygiene-Produkten ihre Zielgruppe genau analysieren und wissen, wie sie diese impactstark ansprechen können. Dies würde bedeuten, dass das Verhältnis des weiblichen Geschlechts zum Thema Slipeinlage und Co. genau so verkorkst ist, wie die Werbebotschaften, die sie ansprechen sollen. Umso erstaunlicher, dass ein Unternehmen in einem trendigen Magazin, dass sowohl Männer wie Frauen anspricht, wirbt und dann noch mit einem Sample. Ich habe mich damals an jenem Freitag im Bus umgeschaut, ob vielleicht irgendeine der anwesenden Damen ihr Exemplar vorsichtig von der Seite ablöst und verstohlen in der Handtasche verschwinden lässt. Ich konnte aber nichts dergleichen entdecken. Vielleicht findet sich jene «Friday»-Ausgabe auch vielerorts bei den nächsten Altpapier-Sammlungen wieder, weil sich die Mehrheit der Mädchen und Frauen für den diskreten Weg entschieden haben, das Werbeversprechen der «flexiform» zu überprüfen. Ehrlich gesagt, wäre dies auch mein Plan gewesen. Dummerweise habe ich dann in geistiger Abwesenheit mein Magazinexemplar zwischen Bussitz und Wand geklemmt, wie ich das immer mache mit Gratiszeitungen.
