Boulevard am Boden
Und auf dem iPad die letzte Hoffnung: In Frankreich steigt die Zahl der zahlenden Leser. Die Spreu wird vom Weizen getrennt. Gastkommentar von Jürg Altwegg, Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Zeitung in Genf.
Die Gewerkschafter machen es wie die Bauern, die Lebensmittel zerstören: Ende Oktober wurden vor dem Sitz des Verlegerverbandes 15'000 Zeitungsexemplare auf die Strasse geworfen. Den Passanten blieb nichts anderes übrig, als über die Blätter zu gehen. Betroffen waren drei national verbreitete Tageszeitungen, deren Angestellte gegen neue Entlassungen demonstrierten. Es war ein trauriges Bild, symptomatisch für die Krise der Zeitungen, denen Experten den Eintritt in die Agonie bescheinigen.
Am Boden liegen die zweitgrösste Wirtschaftszeitung La Tribune – auch der renommierte Marktführer Les Echos schreibt rote Zahlen – sowie die Boulevardblätter Le Parisien und France-Soir. Bei Le Parisien war einst Ringier als Übernahmekandidat im Gespräch, France-Soir war nach dem Krieg die auflagenstärkste Zeitung – über eine Million Auflage. Das Blatt gehört heute dem 27 Jahre alten Russen Alexander Pugatschew. Doch statt der anvisierten 150 000 Exemplare dümpelt die Auflage bei 50'000 Stück – Tendenz sinkend. Gestreikt hatte die Redaktion gegen die angekündigte Einstellung der gedruckten Ausgabe. Pugatschew will 90 der 120 Angestellten entlassen und France-Soir nur noch im Netz publizieren. Den gleichen Weg erwägt La Tribune. Sie klammern sich an das Vorbild erfolgreicher Info-Portale im Internet wie Rue89 (gratis) oder Médiapart (Abonnement), für die es im deutschen Sprachraum nichts Vergleichbares gibt. Sie werden von erfahrenen Journalisten gemacht, die ihre Abgangsentschädigung investierten, und sind nach bescheidenen Anfängen zu wertvollen Teilen der Medienlandschaft geworden. Doch für den umgekehrten Weg – des Gesundschrumpfens – gibt es kein geglücktes Beispiel.
Während France-Soir zweifellos auf den endgültigen Untergang zusteuert, beobachtet man bei den traditionsreichen Blättern eine positive Entwicklung. Der Figaro diversifiziert mit verschiedenen Internet-Portalen: Immobilien, Finanzen, Gesundheit. Erstmals seit Jahren schreiben Le Monde und Libération schwarze Zahlen. Ein neues Magazin und Beilagen am Wochenende, wenn die Konkurrenz des Internets weniger gross sei, wurden lanciert. Die Auflage steigt leicht an – auch dank der starken Aktualität. Le Monde hat gerade den längsten Streik seiner Geschichte erlebt: wegen der Druckerei, die immense Verluste einfährt. Wenn sie abgewickelt ist, können die neuen Eigentümer noch mehr in die Zeitung, die einst den Redaktoren gehörte, investieren. In Frankreich wird gegenwärtig die Spreu vom Weizen getrennt – auch wenn niemand Wetten auf die langfristige Zukunft der unmittelbar Überlebenden eingehen will.
Das iPad spielt dabei eine zentrale Rolle. Le Monde hat mehr als 100 000 Abonnenten, die das Blatt nur online lesen. Weil man sehr stark auf der eigenen Identität beharrt, ist die Zeitung bei den beiden EKiosken nicht präsent. Diese vermelden indes erstaunliche Zahlen und Zuwachsraten. Bei Relay.fr kann man monatlich für 20 Euro eine unbeschränkte Anzahl der aufgeschalteten Magazine lesen, beim Konkurrenzunternehmen Kiosque.fr sind für 10 Euro zehn Publikationen zu bekommen. Das Angebot ist breit – von L’Express über Marianne bis Paris- Match sind viele Konkurrenten unter einem Dach. Apple hat dieses Modell in anderen Ländern nicht zugelassen, auch in Frankreich wird es noch zu Auseinandersetzungen kommen.
Die Verleger haben angekündigt, dass sie Apples eigenen Newsstand boykottieren werden – dreissig Prozent sind überrissen. Sie werden – hoffentlich – Recht bekommen. Hersteller von TV-Geräten oder Handys kassieren schliesslich auch nicht mit, wenn Gebühren, Werbegelder und Übertragungsrechte fliessen.
