Zieht Euch warm an… und stellt den Champagner kühl!

Der Herbst 2001 erforderte starke Nerven: 9/11, Swissair-Grounding, Attentat in Zug und eine grosse Ungewissheit. Im Herbst 2011 ist die Unsicherheit wiederum gross. Die Strippenzieher von Politik und Wirtschaft haben die Fäden aus der Hand verloren. Gesucht sind Strategien fürs sorgenfreie Überwintern. Wir lassen uns von Traditionen inspirieren für einen medialen Rettungsschirm. Von Josefa Haas, Leiterin Medieninstitut.

In diesen Tagen wird fleissig an den Budgets gefeilt. So sieht es das Geschäftsjahr vor. In einem fein orchestrierten Ping-Pong fliessen Zielvorgaben, Marktanalysen, Konjunktureinschätzungen in Tabellen, welche 2012 den Takt in den Unternehmen angeben sollen. Das Unterfangen wird allerdings immer schwieriger: Eine Krise jagt die andere, Wirtschaftsverantwortliche lassen sich von Hoffnungsträgern bluffen, Politiker tappen im Dunkeln. Das Prinzip Hoffnung flackert zwar immer wieder auf den News-Plattformen auf, beispielsweise in Person eines Scheichs aus Katar, der in Griechenland investieren soll. Doch mehrheitlich berichten die Medien von Rettungsschirmen, die vom nächsten Windstoss weggeweht werden. Und was heisst das für Medienanbieter: Können sie sich im nächsten Jahr auf die Erträge im Nutzerund Werbemarkt verlassen? Weil uns die Sonne des wunderschönen Altweibersommers gerade so schön blendet, bleiben wir optimistisch. Da es in jeder Krise Verlierer und Gewinner gibt, schliessen wir uns selbstbewusst Letzteren an. Nach einem lockeren Brainstorming dürfen wir gleich mehrere Erfolgsstrategien präsentieren:

1. Erntedankfest: Unsere Vorfahren wussten schon, die Früchte darf man nicht einfach ernten, horten und verspeisen. Damit wir weiterhin reichlich ernten können, müssen wir der Natur unseren Dank aussprechen. Das empfiehlt sich auch im Markt: Erweisen wir doch unsere Referenz an all die freundlichen Kundinnen und Kunden, die unsere Produkte schätzen. Und vergessen wir dabei die fleissigen Hände nicht, dank denen der Acker reichlich Früchte trägt.

2. Strickabende: Wenn es kühler und dunkler wird, ist es Zeit, einen neuen Pullover, einen Schal oder Socken zu stricken. Immer das gleiche Muster mit derselben Wolle zu verarbeiten, macht aber weder den Strickerinnen und Strickern noch den Beglückten Spass. Deshalb gilt es, kreativ in das Bewährte kleine Überraschungen einzuflechten. In diesem Sinne freuen wir uns als Leser, Zuschauer und Hörer auf bestrickende Medienereignisse.

3. Holz und Vorräte bunkern: Falls der Winter gar zu eisig wird, Transportwege blockiert und Grenzen geschlossen sind, dann zeigt sich, wer sein Haus gut bestellt hat. Keine Sorgen machen muss sich, wer die Vorratskammer gefüllt und viel Holz im Trockenen hat. So lässt es sich überwintern, ohne abzuspecken. Für die Medien gilt es, Ressourcen von nachhaltigem Wert zu horten: starke Geschichten und Menschen, die sie erzählen können.

4. In Form bleiben: Fit ist nur, wer über genug Ausdauer und Reserven verfügt. Allzu Magere wurden deshalb früher bemitleidet. Man wusste, dass sie in stürmischen Zeiten schnell die Kräfte verlieren würden. Deshalb dürfen die Medien gerne jetzt zum ausgiebigen Futtern animieren. Dies hebt die Laune und fördert dazu den Konsum. Die Medien sollten es vormachen, indem sie nicht am falschen Ort sparen und fleissig für sich werben.

5. Garten räumen: Nach der Ernte braucht die Erde Ruhe, damit sie im Frühjahr wieder einen guten Nährboden bietet. Zurücklehnen, reflektieren und geniessen schaffen Raum für Neues. Die Medien sollten auch das Bedürfnis nach immer neuen Angebotsformen nicht überschätzen. In der kälteren Jahreszeit will man einfach nur von guten Geschichten gepackt, in angeregte Gespräche verwickelt und von starken Bildern beeindruckt werden.

6. Familie und Freunde pflegen: Mit einem starken Beziehungsnetz lassen sich Krisen leichter überstehen. Die Nahestehenden spenden Trost, erteilen mehr oder weniger gute Ratschläge, sorgen für Speis und Trank, notfalls auch für substantielle materielle Unterstützung. Die Medien konnten sich auf ihr traditionelles Beziehungsnetz von Abonnenten und Werbeauftraggebern verlassen. In der digitalen Welt sind diese Freundschaften fragiler. Wenn es ums Zahlen geht, lassen sie gerne andere die Rechnung begleichen, von Konkurrenten im Netz lassen sie sich leicht zur Untreue verführen. Die Medien setzen deshalb am besten auf wahre Freundschaft und erhalten sie in der kälteren Jahreszeit mit kleinen Geschenken.

7. Lesen und Lernen: Werden die Tage kürzer, ist es Zeit, den Horizont mit einem guten Buch, einer anregenden Zeitung oder unterhaltenden Zeitschrift zu erweitern. Lesen ist zwar eine einsame Tätigkeit, sie macht aber viel mehr Spass, wenn die neuen Erfahrungen anderen erzählt und angeregt diskutiert werden können. Die Wenigsten wollen immer nur hören: Spannend, was ich gerade gelesen habe! Deshalb suchen sie ihrerseits nach interessantem Lesestoff. Und so werden aus einzelnen Lesern grosse Lesekreise.

Eigentlich ist doch alles ganz einfach, wenn wir mal kurz den Computer ausschalten und die Berater vor der Tür lassen. Unsere (wahren) Freunde sind aufgerufen, kreativ Ideen beizusteuern. Selber schuld, wer in einer Krise nicht auf der Gewinnerseite steht. Wir holen deshalb bereits den warmen Mantel vom Estrich und stellen den Champagner kühl!
 

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