Aufgespiesst: Everybody’s Darling
Werbewoche-Redaktorin Anne-Friederike Heinrich über das Phänomen Roger Schawinski
«I iiich find mich guet!» Wer das von sich sagen kann, ohne mit der Wimper zu zucken, braucht weder Freunde, noch Glück, noch Rücksichtnahme. Und keinen Powerbutton. Unser aller Medienpionier Dr. Roger Schawinski erzählt mit stolz geschwellter Hahnenbrust in der Annabelle, dass er wegen Hannelore Elsner vom Stuhl fiel und der Traummann von Kampflesbe Alice Schwarzer gewesen wäre. Im Selbstbeweihräucherungs- Radio 1 spintisiert er, seine erste Ehefrau Priscilla aus Puerto Rico sei in der Schweiz bereits integriert gewesen, als sie noch kein Wort Deutsch konnte. Alles ohne das leiseste Anzeichen von Unsicherheit. Erinnert an Pippi Langstrumpf: «Ich mache mir die Welt widdewidde, wie sie mir gefällt.»
Der Gast ist egal
Einer wie Schawi kann seine Karriere beim Schweizer Fernsehen starten, danach jahrelang gegen die SRG wäffeln und schliesslich mit einer eigenen Talkshow zu SF1 zurückkehren – ohne dass irgendwer von Rückgratlosigkeit spräche. Unser Roscheee darf das, so lieben wir ihn. Der erste Gast bei «Schawinski», wie seine Show selbstredend heisst, war am Montag Dr. Konrad Hummler, der bekannteste Schweizer Privatbankier mit sonst spitzer Feder und Zunge. Davon war nicht viel zu merken. Aber der Gast war auch egal: «Der Zuschauer soll sich nicht nur für den Gast, sondern auch für den Interviewer interessieren», stellte Schawi schon im Vorfeld klar. Die ganze Wahrheit ist: Der Zuschauer soll sich ausschliesslich für den Interviewer interessieren. So redet die Medienwelt am Tag 1 nach «Schawinski» nicht über provokante Thesen, bewegende Inhalte oder neue Erkenntnisse. Nein, sie redet über Schawi, der den Bankier wie jeden anderen Interviewpartner an die Wand gespielt hat. Worum es in der Sendung ging? Um Money, Money? Nee. Um Schawinski, Schawinski. «Gute Fragen, merkwürdige Antworten, Auftrag erfüllt», urteilt der ehemalige SF-Chefredaktor Peter Studer. Ach so. Wie war gleich der Auftrag?
Herrlich unmöglich
Wer ist dieser Schawinski, dass er so ungeheuerlich peinlich, unsachlich und oft auch unfair sein kann, und dennoch so viel Respekt geniesst? Einer, dem gestandene Medienleute nicht im Interview gegenübersitzen wollen, weil er sie gnadenlos auseinandernehmen würde? Und das nicht, weil er so eloquent wäre. Auch ich gebe mich geschlagen und höre und schaue immer wieder hin: nicht wegen des Bubencharms seiner Zahnlücke, nicht wegen seines offen zelebrierten Chauvinismus’, nicht wegen seiner unjournalistischen Glanzleistungen, nicht wegen seiner Zuhörhemmung und nicht wegen seiner altherrlichen Erscheinung, wenn er morgens mit Velo, Helm und brauner Tschope bei Radio 1 einläuft. Schawinski hat etwas, das den meisten Schweizern völlig abgeht: Selbstbewusstsein. Und das in groteskem Ausmass. Das fasziniert mit ungebrochenem Unterhaltungswert.
