Werbung erzeugt Schwindel

Werbewoche-Redaktorin Anne-Friederike Heinrich über den Irrglauben, dass man Werbung immer ganz erst nehmen müsse.

Werbung ist ohnehin nur eine Schwindelei, denken viele Menschen. Mit Halbwahrheiten und falschen Versprechungen werde grosse Kasse gemacht. Das stimmt so pauschal nicht. Die Bayern warben 1999 mit dem Slogan «Wir können alles. Ausser Hochdeutsch». Und dass Bayern kein Hochdeutsch können, ist empirisch bestätigt. Auch gegen Volkswagens «Das Auto» lassen sich keine gravierenden Einwände erheben: Chassis, Reifen, Blinker, Scheibenwischer: In der Tat, das ist ein Auto. Über den Migros-Slogan von 2004, «So oder so», kann man schon eher streiten. Aber wenigstens weckt dieser Satz nichts. Auch keine falschen Hoffnungen. Da ist «Ein M besser» schon verfänglicher. Denn haben Sie mal überlegt, was das M alles so bedeuten könnte? Doch lassen wir diesen kreativen Spielkram gelten. Schliesslich hat die Verleihung des goldenen Windbeutels gezeigt, dass in der Werbung noch viel perfider nicht ganz die Wahrheit gesagt werden kann. Untermauert durch wissenschaftliche Pseudoergebnisse, vorgetragen durch Herrschaften im Laborkittel, supererfolgreiche Singles oder Biomütter mit Modelmassen und auffällig glücklichen Kindern. Was halten Sie zum Beispiel von «Danone Activia. Natürlich wirksam. Natürlich verpackt.»? Activia, das ist dieser Joghurt, der «nachweislich einen Blähbauch reduzieren kann». Weil er so natürlich ist. Genau wie seine Plastikverpackung. Hallo, aufwachen!

Oder «Nimm2. Vitamine und Naschen». Nimmt man da zwei, weil in dem einen Bonbon die Vitamine sind und in dem anderen der Zucker? Oder die Milchschnitte. Klar hat auch meine Grosi geglaubt, diese Schnitte sei gesund. «Milch» klingt immer gut. Dazu kommt: «Schmeckt leicht. Belastet nicht. Ideal für zwischendurch.» Das sind doch gute Argumente. Aber ist Ihnen schon mal aufgefallen, dass ein normales Kind niemals gerne etwas Gesundes isst? Müssten wache Verbraucher also nicht selbst auf die Idee kommen, dass die «leichte Pausenmahlzeit» schlimmer ist als ein Stück Sahnetorte? Da kann man auch Chips essen, weil Kartoffeln so gesund sind. Ich bin trotzdem froh, dass meine Grosi an Ferreros Werbelüge geglaubt hat. Milchschnitte gab es bei uns in rauen Mengen. Und ich habe sie geliebt!

All diese Schummeleien sind doch gar nicht so tragisch. Schliesslich wollte Werbung noch nie die Wahrheit verkaufen, sondern ein gutes Gefühl. Wer da tatsächlich glaubt, dass all das wahr ist, hat eine kleine Strafe verdient. Ausserdem sterben wir nicht an etwas zu viel Salz, etwas zu viel Zucker oder etwas zu wenig Wirkung. Trotzdem geht’s nun auch Ronald McDonald an den Kragen. Nicht, weil endlich jemand gemerkt hat, dass der 47-Jährige Hampelmann nervt, sondern weil er laut «Corporate Accountability International » Kinder zum Essen ungesunder Nahrung verführt. Der Böse! So was tut der?! Ich hatte immer schon den Verdacht, dass Ronald der beste Kumpel von Pennywise, dem «Es»-Clown, ist.

Dem Fass den Boden aus schlägt allerdings die päpstliche – nein, nicht Bulle – Brille. Da hat doch der Münchner Optiker Suchy Anfang Mai mit einer ganzseitigen Anzeige in der Süddeutschen Zeitung für seine spezialangefertigte Non-plus-Ultra-Volksbrille geworben. Er habe das Meisterstück extra für den Papst angefertigt und werde es ihm bei seinem Deutschlandbesuch im September überreichen. Der eifrige Optiker beruft sich auf die Unterstützung der Deutschen Bischofskonferenz und des Erzbischöflichen Ordinariats München und erhofft für den Doppelzwicker gar den Segen des Heiligen Vaters. Das Erzbischöfliche Ordinariat ist erbost: Die Herren Bischöfe hätten gar keinen Kontakt mit «der Person». Womit sie nicht etwa den Papst meinen, sondern Herrn Suchy. Schade eigentlich. Denn wer könnte dem Inhaber des Optik-Paradieses (sic!) ernstlich böse sein? Er ist schliesslich nicht der einzige, der dem Heiligen Vater ein wenig mehr Durchblick wünscht. Und eine «Volksbrille» lässt ja hoffen.
 

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