«NZZ volgt speter»
Die wichtige Rolle, die die unzähligen Zeitungsverträger und Zeitungsverträgerinnen für die abonnierte Presse spielen, geht oft vergessen. Gastkommentar von Karl Lüönd, freier Publizist und Buchautor.
Es war am Sonntagmorgen nach der Umstellung auf die Sommerzeit. Wie immer bin ich kurz nach sieben Uhr an den Briefkasten gegangen, um die Sonntagszeitungen zu holen. Eine hat gefehlt, dafür lag ein Zettel obenauf, und auf dem Zettel stand, mit Bleistift hingekritzelt: «NZZ volgt speter». Etwa um halb neun war das Versprechen erfüllt. Der Zeitungszustelldienst funktioniert auch in ländlichen Gebieten einwandfrei. Es kommt höchstens zwei, dreimal im Jahr zu Unregelmässigkeiten.
Den Zettel muss dieser freundliche junge Mann aus Serbien oder Montenegro geschrieben haben, dem ich ein paar Wochen zuvor bei gleicher Gelegenheit zufällig begegnet bin: einer von weit über zehntausend Kolleginnen und Kollegen, an die man nie denkt, die aber wichtiger sind als manche Zeitungsleute mit klingenden Namen: die Zeitungsverträger. Der treue Kolporteur, sofern er bei der Post-Firma Presto angestellt ist, erhält für seine morgendliche Tour bei jedem Wetter einen Betrag von durchschnittlich Fr. 22.10 brutto pro Stunde, wobei ihm aber die Leistung vorgegeben wird. Am Sonntag sind es Fr. 30.70. Die regionalen, Post-unabhängigen Frühzustellorganisationen zahlen zum Teil markant weniger. Die Bräuche sind hart. Der Tourenchef ist mit dem Verträger die Tour abgelaufen und hat mit der Stoppuhr den Richtwert festgelegt. Wenn die Abonnentenzahl zurückgeht, was in letzter Zeit regelmässig der Fall ist, werden auch die vergüteten Zeiten gekürzt. Im Touren-Journal sind die Eigenheiten und Kundenwünsche aufgelistet: Frau Huber will ihre Zeitung im Milchkasten; Herr Hugentobler hat einen nervösen Hund, also Gartentor leise schliessen. Manche Zeitungsverträger geniessen so viel Vertrauen, dass sie Hausschlüssel erhalten, um die frühmorgens sonst nicht erreichbaren Briefkästen in den Hausfluren bedienen zu können.
6.30 Uhr am Werktag, 7.30 am Sonntag sind die spätesten Zustellzeiten für Zeitungen. Ohne die Frühzustellung hätten sie es noch viel schwerer als ohnehin. Wer seine Zeitung nicht frühmorgens zwischen Dusche und Kaffee erhält, ist als Leser für den ganzen Tag verloren: Die Leute pendeln immer weiter, am Bahnhof werden die Gratisblätter angeboten – und auch diese stehen und fallen mit dem Vertrieb. Auf allen Märkten wurde der Kampf der Gratisblätter fast ausschliesslich auf der Vertriebsebene entschieden. Ausschlaggebend war zum Beispiel, dass es 20 Minuten im richtigen Augenblick gelang, für sehr teures Geld das Exklusivrecht für die Verteilung auf den SBB-Bahnhöfen zu kaufen. Der Misserfolg von .ch wiederum hing klar mit dem verfehlten Versuch zusammen, eine frühmorgendliche Zustellung in die Hausbriefkästen zu organisieren. Seit dem nie plausibel erklärten Verkauf der privaten Zustellorganisation Zuvo ist die Frühzustellung der abonnierten Tageszeitungen in den Agglomerationen Zürich, Basel, Bern und St. Gallen das Monopol der Post, die seinerzeit, noch als Staatsbetrieb unter starkem Gewerkschaftseinfluss, die Frühzustellung verschlafen hatte. Zwar ist letztes Jahr ein neuer Gesamtarbeitsvertrag in Kraft getreten, der vor allem die soziale Sicherheit erhöht hat: Lohnfortzahlung bei Krankheit, Unfallversicherung, Altersvorsorge. Aber die Arbeitswelt ist hart geblieben für die Zeitungsverträger. Die Zeitvorgaben sind in letzter Zeit in Tausenden von Fällen gesenkt worden. Und wenn es zum Beispiel schneit, müssen manche Zeitungsverträger frühmorgens eine halbe oder eine ganze Stunde gratis arbeiten. Zeitungsverträger – allein bei der Post sind es deren 10 000 – sind mehrheitlich Menschen, die es im Leben ohnehin nicht leicht haben. Der Typ «sportlicher Rentner», der frühmorgens mit dem Hund an der Leine sein Laufpensum erledigt und sich noch etwas dazu verdient, ist wohl eher die Ausnahme. Die grosse Mehrheit der Zeitungsverträger sind Leute aus bescheidensten Verhältnissen, die auf den kargen Nebenverdienst angewiesen sind. Gewerkschaften haben wiederholt beanstandet, dass nur noch Hilfskräfte in der Landwirtschaft schlechter bezahlt werden.
Eigentlich schäme ich mich ein bisschen vor dem früh aufstehenden Kollegen mit der eigenwilligen Orthografie!
