Aufgespiesst: Paywall für urbi et orbi

Werbewoche-Redaktorin Anne-Friederike Heinrich über den festen Glauben an Bezahlinhalte.

Der Papst ist zwar (immer) Katholik, noch dazu ist er (diesmal) Deutscher. Aber ich finde ihn toll. Ehrlich. Wie er am Ostersonntag wieder erhaben in der Benediktionsloggia des Petersdoms stand und sein «urbi et orbi» über die gläubigen Massen auf dem Petersplatz und vor den Bildschirmen ergoss, war einfach umwerfend. «Bauer sucht Frau» kommt da in punkto Unterhaltungswert einfach nicht mit. Immerhin stammt der spezielle päpstliche Segen aus dem 13. Jahrhundert, es gibt ihn nur Ostern und Weihnachten, er darf ausschliesslich von Papa himself erteilt werden und er garantiert allen, die ihn wollen, einen Sündenerlass wie im Mittelalter. Und das sogar gebührenfrei – wenigstens für die, die auf dem Peters¬platz stehen. Sie erinnern sich? «Wenn das Geld im Kasten klingt, die Seele aus dem Fegefeuer springt.» Urbi et orbi. Der Stadt und dem Erdkreis. Allein dafür wäre es erstrebenswert, einmal Papst zu sein. Oder halt Päpstin.

Doch so heilig heilig und aufgeräumt, wie der Papst Ostern den Anschein erweckt, geht’s im Vatikan gar nicht zu. Alles Bluff. In Tat und Wahrheit sind die heiligen Herren unter Samt und Brokat mit allen Wassern gewaschen. Sie schmieden nämlich Pläne, ihren Schäfchen das Geld aus der Tasche zu ziehen: Der L’Osservatore Romano, die Zeitung des Vatikan, will zum Beispiel eine Bezahlschranke für seine neu gelaunchte Website errichten. Konnte sich bisher jeder-mann jeden Tag kostenlos an den geistigen und geistlichen Ausgiessungen des Blattes laben, müssen die User von www.osservatoreromano.va nun ab 1. September zum Geldsäckel greifen, wenn sie die heiligen Zeilen lesen wollen. Das hat Chefredaktor Giovanni Maria Vian beschlossen, berichtet der Guardian. Von irgendwas müssen die Politur für den Papstring und die Inspektion des Papamobils schliesslich bezahlt werden. Denn mit schwindender Zahl der Kirchgänger fällt die Kollekte nicht mehr so üppig aus.

Eigentlich ist die geplante Onlinegebühr für den Osservatore nichts anderes als ein Ablass: Wer zahlt, darf lesen und ist damit frei von Sünden. Ein super Package. Die Schaffhauser Nachrichten jedenfalls bieten ihren Abonnenten keine Vergebung inklusive. Die heilige Paywall nützt orbi et urbi – der Welt und vor allem der Vatikanstadt. Ob der Papst die Sache schon abgesegnet hat, war nicht in Erfahrung zu bringen.
 

More articles on the topic