Korruption bekämpfen – durch Pressefreiheit

Eine auch wirtschaftlich unabhängige Presse ist die beste Prävention gegen Bestechung und Bestechlichkeit. Die werbefinanzierte Recherchekapazität des Journalismus ist aber in vielen Ländern in Gefahr. Gastbeitrag von Stephan Russ-Mohl, Leiter des Europäischen Journalismus-Observatoriums an der Universität Lugano.

Ein Grund, stolz zu sein? Im «Corruption Perception Index», einem Ranking von Transparency International, gehört die Schweiz zu den zehn weltweit am wenigsten von Korruption gefährdeten Nationen – zusammen mit Dänemark, Schweden, Finnland, den Niederlanden und Norwegen als weiteren europäischen Ländern. Canada, Australien, Neuseeland und Singapur sind ebenfalls unter den Top Ten.
Bei einem weiteren globalen Ranking, das Reporters sans Frontières jährlich zur Pressefreiheit erstellt, rangiert die Schweiz neuerdings sogar wieder auf dem ersten Platz – zusammen mit Finnland, Island, den Niederlanden, Norwegen und Schweden. Estland hat es als einziges Land aus dem früheren Ostblock unter die ersten zehn geschafft; Österreich und Irland gehören auch zur Spitzengruppe, und als einzige nicht europäische Nation ist Neuseeland mit dabei.
Analysiert man die beiden Rankings genauer, so ist festzuhalten:
– Sowohl bei der Korruptionseindämmung als auch in puncto Pressefreiheit haben Europa, Nord-Amerika und Ozeanien starke Positionen. Singapur ist offenbar weltweit das einzige Land, das ohne Pressefreiheit erfolgreich Korruption bekämpft.
– Innerhalb Europas gibt es ein dramatisches Nord-Süd- und weiterhin auch ein starkes West-Ost-Gefälle. Die drei grossen Nachbarn der Schweiz, Deutschland, Frankreich und Italien schneiden entsprechend unterschiedlich ab: Im Antikorruptionsranking belegen Deutschland Rang 15 und Frankreich Platz 25. Italien fällt dagegen weit ab und rangiert auf Platz 67 – hinter Ruanda und gerade noch vor Georgien. Bei der Pressefreiheit landet Deutschland auf Platz 17, Frankreich auf Rang 44 und Italien auf Platz 49.
– Die Schlusslichter bei der Korruption sind der Sudan, Turkmenistan, Usbekistan, Myanmar und Somalia sowie die beiden seit Jahren vom Krieg heimgesuchten Länder Afghanistan und Irak. Am wenigsten Pressefreiheit gewähren Syrien, Myanmar, Iran, Turkmenistan, Nord-Korea und ¬Eritrea.
Den beiden Rankings zufolge korreliert ein hohes Mass an Pressefreiheit eindrucksvoll mit geringer Korruptionsanfälligkeit. Damit liegt als Folgerung nahe, Pressefreiheit helfe, Korruption nachhaltig einzudämmen. Beim Schluss von einer Korrelation auf Kausalität gilt es allerdings sehr vorsichtig zu sein: Wenn die Zahl der Geburten drastisch abnimmt und die der Störche auch, so lässt sich daraus keineswegs zwingend folgern, dass die Klapperstörche die Kinder auf die Welt bringen.
Korruptionsanfälligkeit ist wohl zuvörderst eine Frage des Ethos – und somit der Sozialisation und der Sozio-Kultur. Aber vermutlich haben auch diejenigen Ökonomen nicht ganz unrecht, die meinen, Bestechlichkeit breite sich vorzugsweise dort aus, wo sie sich «rechnet». Ob sie sich lohnt, hängt nicht zuletzt davon ab, wie wahrscheinlich es ist, erwischt zu werden, wenn man sich auf Korruption einlässt, und welche Sanktionen dann folgen.
Wenn die Mächtigen wissen, dass eine unabhängige Presse sie ertappen und skandalisieren könnte, ist das vermutlich noch immer die beste Prävention gegen Bestechung und Bestechlichkeit. Um diese Wirkung zu entfalten, bedarf es freilich nicht nur der rechtsstaatlich garantierten Pressefreiheit – sondern auch eines Journalismus, der finanziell unabhängig und hinreichend mit Recherchekapazität ausgestattet ist. Letztere wurde jahrzehntelang von der werbetreibenden Wirtschaft «quersubventioniert». Weil sich heute billiger und zielgruppengerechter in sozialen Netzwerken und mithilfe von Suchmaschinen werben lässt, bricht diese werbefinanzierte Recherchekapazität des Journalismus in den westlichen Demokratien Europas und Nordamerikas zurzeit in atemberaubendem Tempo weg. Damit ist die Pressefreiheit nur noch halb so viel wert wie zuvor. Der Siegerlorbeer für die Schweiz wird also leider bereits welk, bevor wir so richtig zur Kenntnis genommen haben, dass er uns gebührt.

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