«Panikartig, jedoch ohne Imageschaden ausgestiegen»

Werber und Mediafachleute zum Verkauf der Jean Frey AG an Ringier

Werber und Mediafachleute zum Verkauf der Jean Frey AG an RingierWelche Chancen und Risiken geht der grösste Schweizer Medienkonzern Ringier mit dem Kauf der Jean Frey AG ein? Wie leidet das Image der Basler Mediengruppe (BM) unter dem selbst verordneten Rückzug in den Nordwestschweizer Heimmarkt? Die WerbeWoche bat Werber, Media- und Verlagsspezialisten, sich zum Schweizer Mediendeal des Jahrzehnts zu äussern. Fazit: Der Rückzug ist kein Imageschaden für die BM.Was mich als Werber und Leser interessiert, sind die Titel – in diesem Falle solche von besonderer Qualität. Es gibt viele Zeitschriften, aber nur einen Beobachter, viele Wirtschaftsorgane, aber nur eine Bilanz, viele Wochenblätter, aber nur eine Weltwoche. Dass insbesondere diese Wochenzeitung wie auch die anderen Blätter eine gesicherte Zukunft erhalten, das hoffe und darauf zähle ich. Es sind nicht austauschbare publizistische Grössen von seltener Eigenständigkeit.
Familienstrategien von langer Dauer im Schweizer Mediengeschäft zahlen sich aus. Als Ringier sich in den Neunzigerjahren aus dem Regionalzeitungsgeschäft (Bund, Luzerner Neueste Nachrichten) verabschiedete, wurde dies als Schwäche gewertet. In der Tat wurden jene Kräfte und Mittel frei, die Ringier – Schritt für Schritt – zum national und international gewichtigsten Medienkonzern des Landes machen.
Nach dem Auf- und Ausbau des Ausland- und des Fernsehgeschäftes hat Ringier wohl im günstigsten Augenblick die ein wenig ins Wanken geratene Perle Jean Frey AG übernommen.
Immerhin: In den Siebzigerjahren war man eng verbunden. Die Weltwoche gehörte zu 51 Prozent Jean Frey AG, Ringier hielt 49 Prozent. Beim Blick waren die Verhältnisse umgekehrt. Nachdem Ringier, nach einigen Auf und Ab, im Gegensatz zu Jean Frey die Nachfolge familienintern hat regeln können, macht es Sinn, dass das Haus mit der familieneigenen Strategiekapazität Weltwoche und weitere gewichtige Publikationen, also Jean Frey, übernommen hat.
Gleiches lässt sich von der Basler Mediengruppe sagen.
Seit die Familie wieder das Sagen hat, will man nicht ein schwächelnder nationaler Medienkonzern, sondern ein starkes, vielfältiges Nordwestschweizer Medienunternehmen sein. Anders gesagt: Als es eng wurde – in den Neunzigerjahren für Ringier, Anfang 2000 für die Basler Mediengruppe –, haben nicht fremde Manager, sondern kompetente Familienmitglieder die richtigen Weichenstellungen in beiden Unternehmungen vollzogen.
Für mich macht der Deal auf den ersten Blick extrem Sinn. Ringier suchte schon seit längerer Zeit eine Möglichkeit, im oberen Lesersegment Fuss zu fassen. Mit neuen, eigenen Titeln wäre dies enorm schwierig gewesen (Glaubwürdigkeit). Die Titel der Jean Frey AG eignen sich dafür aber hervorragend. Es sind etablierte Marken, und Ringier hat sicher unbestritten die besten Möglichkeiten, diese Marken sinnvoll in die bereits bestehenden Strukturen einzubringen.
Meiner Meinung nach muss die Basler Mediengruppe keinen Imageverlust hinnehmen. Wenn der Relaunch der Weltwoche gescheitert wäre, dann wäre das wohl ein Imageverlust gewesen. Auch war für mich klar, dass die Basler Mediengruppe das finanzielle Potenzial für diesen aufwändigen Relaunch nicht hat – ganz im Gegensatz zu Ringier. Die Gefahr für Ringier ist natürlich, dass die Kosten für den Weltwoche-Relaunch unterschätzt werden könnten. Ich meine, der Relaunch ist sicher nötig – aber dieses Projekt braucht Zeit. Ich hoffe, dass nun die Rahmenbedingungen so sind, dass die Weltwoche eben diese Zeit auch bekommt.
Durch den Weihnachtseinkauf legt Ringier vor allem intellektuell zu: Neben Schweizer Illustrierte und Glückspost macht sich der Beobachter gut, neben Blick und SoBli die Weltwoche. Bleibt nur zu hoffen, dass sich jetzt nicht zu viele mit deren Rettung profilieren wollen und die Eigenständigkeit erhalten bleibt. Die Basler Mediengruppe gesteht durch den Verkauf ein, dass sie eben eine reine Basler Mediengruppe ist und das teure nationale Pflaster der «Zyrcher Präss» überlassen muss. Kein Grund zur Häme, aber bestimmt ein Sujet für die nächste Basler Fasnacht.
Hoppla, was macht jetzt bloss die Weltwoche-Crew nach dieser Vollbremsung? Was wohl wird sich in der Branche noch alles bereinigen? Der beabsichtigte Deal brachte beziehungsweise bringt wohl allen etwas. Der Medienbranche weniger Langeweile über die Festtage. Ringier zweieinhalb weitere schöne Titel. Der BaZ-Gruppe Flüssiges und die Kapazität, bei der BaZ endlich ordentlich Schub zu geben. Und dem Frank A. Meyer (hoffentlich bald!) zwei interessante Gäste in seinen TV-Talk: Köppel und Angst. Ich jedenfalls würde mir die Sendung gerne anschauen.
Es ging bei diesem Deal eigentlich nur um die Weltwoche.
Ringier hat sich mit dem Kauf des imagestärksten Titels der Schweiz die höchste «Verlegerweihe» selbst erteilt. Michael Ringier hat mit den von ihm selbst definierten journalistischen Qualitätsansprüchen sehr hohe Erwartungshaltungen geweckt und wird diese auch finanzieren. Für Roger Köppel und sein Team bedeutet dies die ultimative Chance, die Weltwoche in neue journalistische Sphären zu bringen. Die anderen Titel bringen Ringier sicher einige «Abstimmungsprobleme» im Lesermarkt (Cash/Bilanz, TR7/ Tele) oder im Anzeigenmarkt (Schweizer Illustrierte/Beobachter/Glückspost). Dies sind aber alles Herausforderungen, welche die Ringier-Verlagsprofis in der Weltwoche-Euphorie locker wegstecken werden.
Die Werbeauftraggeber müssen mit einem weiteren Media-riesen leben, sind sich dies aus anderen Mediagattungen (Plakat, TV) jedoch bereits gewohnt. Die Basler Mediengruppe ist in diesem schwarzen Herbst zwar eher panikartig, jedoch ohne Imageschaden aus dem Abenteuer Schweiz ausgestiegen, wird sich aber in einigen Jahren sicher die Augen reiben und den zu günstigen Verkaufspreis bedauern. Michael Ringier kann sich ob dieses Deals dann sicher noch mehr freuen.
Umfrage: Daniel Schifferle

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