«Leider werkeln noch zu viele Medien still vor sich hin»

Gérard Geiger, Direktor von Ringier Romandie, wird Chef aller Ringier-Zeitschriften

Gérard Geiger, Direktor von Ringier Romandie, wird Chef aller Ringier-ZeitschriftenRingier Romandie soll mit der Wahl ihres Direktors in das Mutterhaus in Zürich nicht an Autonomie verlieren. Mit Gérard Geiger erhält die Westschweizer Tochter aber erstmals einen direkten Draht zur Konzernleitung.Kaum ein Jahr nach Ihrer Ernennung zum Direktor von Ringier Romandie werden Sie am 1. April Chef der Abteilung Zeitschriften von Ringier. Dann sind Sie wohl in Zukunft eher in Zürich anzutreffen?
Gérard Geiger: Das ist wohl so. Ich bin ja auch neu Mitglied der Geschäftsleitung von Ringier. So werde ich wohl öfters zwischen Lausanne und Zürich pendeln. Da ich aber neu für den gesamten Bereich Zeitschriften verantwortlich bin, werde ich natürlich nach wie vor viel Zeit in Lausanne verbringen, da Ringier Romandie mehr Zeitschriften hat als Ringier in der Deutschschweiz.
Wie wollen Sie die beiden Fulltimejobs unter einen Hut bringen?
Geiger: Verglichen mit Managern, die sich zwischen Genf und Hongkong aufteilen, ist die Arbeitsaufteilung zwischen Zürich und Lausanne eigentlich ganz bescheiden.
Welche Affinität besitzen Sie zur Deutschschweiz?
Geiger: Eine sehr grosse. Ich habe ja einmal als Chefredaktor von Optima gearbeitet. Aber natürlich ist für mich persönlich die neue Aufgabe bei Ringier Zürich eine grosse Herausforderung und gleichzeitig eine berufliche Horizonterweiterung.
Welches werden Ihre Prioritäten sein in Ihrem neuen Job?
Geiger: Es liegt mir daran, die bestehenden Titel weiterzuentwickeln. Eine ganz wichtige Aufgabe sehe ich aber auch in der Integration der Zeitschriften aus dem Jean Frey Verlag, wenn der ganze Deal über die Bühne gegangen ist.
Verliert Ringier Romandie mit Ihrer Ernennung in das Mutterhaus an Selbstständigkeit?
Geiger: Das ist überhaupt nicht der Fall, und niemand hier in Lausanne befürchtet dies. Im Gegenteil: Alle sind erfreut darüber, dass Ringier Romandie nun direkt in der Konzernleitung in Zürich vertreten sein wird. Das war bisher nie der Fall. Das zeigt auch das Interesse von Verleger Michael Ringier am Westschweizer Medienmarkt und an der Tochtergesellschaft selber.
Sie werden aber eine Art Statthalter in Lausanne einsetzen, um sich selber zu entlasten?
Geiger: Das ist richtig. Ich behalte aber die Oberaufsicht für Ringier Romandie und werde nur einzelne Aufgabenbereiche delegieren. Und damit die Kontinuität gewährleistet ist, werde ich meinen Stellvertreter aus den eigenen Reihen suchen. Wir haben hier sehr fähige Leute, die dazu durchaus in der Lage sind.
Was steht denn so an, das Sie in guten Händen wissen möchten?
Geiger: L’Hebdo wird ab 31. Januar die Zusammenarbeit mit dem französischen Magazin Express im Bereich Reisen aufnehmen. In Zusammenarbeit mit Cash lanciert L’Hebdo zudem einmal im Monat die Wirtschaftsbeilage Value. Wir machen aber keine Reproduktion von Cash. Wir sprechen ja auch eine andere Leserschaft an, als dies Cash als Wirtschaftsmagazin tut. Mit Value wollen wir den Lesern von L’Hebdo, die sich zum Beispiel für Geldanlagen interessieren, aber dafür nicht unbedingt Fachliteratur konsultieren, einen Service bieten. Übrigens ein gutes Beispiel dafür, wie Synergien genutzt werden können. Gerade auf diesem Gebiet möchte ich in meiner neuen Aufgabe aktiv werden. Leider werkeln noch zu viele Medien still vor sich hin, wie seinerzeit der kleine Uhrmacher, der eine Uhr von A bis Z in mühsamer Arbeit selber herstellte, statt vom Know-how der Kollegen zu profitieren.
Es gibt aber andere Produkte von Ringier Romandie, die Ihnen doch eher Kopfzerbrechen bereiten, wie zum Beispiel dimanche.ch und Edelweiss?
Geiger: Seit seiner Lancierung vor drei Jahren hat das Frauenmagazin Edelweiss die beglaubigte Auflage stets erhöhen können, das Gleiche gilt für die Leserzahlen. Wir sind jetzt bei einer Zahl von 65000 Leserinnen angelangt. Bezüglich des Anzeigenmarktes sind sämtliche internationalen Werbeauftraggeber für Luxusgüter vertreten. Die anvisierte Positionierung ist also richtig. Im redaktionellen Bereich müssen wir aber noch zulegen.
Und deshalb musste kürzlich die zweite Chefredaktorin innerhalb von drei Jahren ihren Sessel räumen?
Geiger: Ich möchte betonen, dass die Trennung im gegenseitigen Einvernehmen erfolgt ist, weil Marie-France Vigor von sich aus erklärte, nicht in der Lage zu sein, den Ideen zu einem redaktionellen Relaunch zu folgen. Am 22. Januar wird übrigens der oder die neue Chefraktor(in) gewählt. Wir hatten seit dem Weggang von Marie-France Vigor keinen Abgang unter den Journalisten bei Edelweiss, was beweist, dass wir keine Krise beim Magazin haben. Aber es ist richtig, dass wir Edelweiss bis jetzt noch nicht richtig zu «verkaufen» gewusst haben, um es gegenüber der Konkurrenz abzuheben. Das bedingt aber nicht nur Anstrengungen auf redaktioneller Ebene, sondern auch auf Seiten des Marketings.
Vielleicht liegt ja die Schwierigkeit auch im Namen Edelweiss; er ist für ein Frauenmagazin eher ungewöhnlich.
Geiger: Für mich ist dieser Name tatsächlich ein Rätsel. Ich war ja auch nicht an der Lancierung des Magazins beteiligt. Marktstudien haben jedoch ergeben, dass die Leserinnen diesen Namen sehr mögen und alles, was ein Frauenmagazin ausmacht, in diesen Namen hineinprojizieren.
Und was hat der Chefredaktorenwechsel bei dimanche.ch gebracht?
Geiger: Man kann von einem wahren Pillard-Effekt sprechen. Denn seit Daniel Pillard letzten Herbst die Leitung der Sonntagszeitung übernommen hat, haben die Verkaufszahlen stetig zugenommen. Wir werden im nächsten Frühjahr zudem eine neue Werbekampagne lancieren und die Anzahl der Verkaufsboxen verdoppeln.
Und wenn Sie persönlich und völlig unabhängig ein neues Magazin lancieren könnten, was wäre das?
Geiger: Ich würde wahrscheinlich ein Wirtschaftsmagazin herausgeben. Interview: Anita Vaucher

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