«Träg, verfilzt, innovationsfeindlich»

Schweizer Verleger erhielten reihenweise Backpfeifen an der Dreikönigstagung

Schweizer Verleger erhielten reihenweise Backpfeifen an der DreikönigstagungVon Markus Knöpfli An der Dreikönigstagung haben gleich mehrere Redner den Schweizer Verlegern die Leviten gelesen. Die härteste Kritik äusserte Ex-Swissair-Sprecherin Beatrice Tschanz: Sie geisselte die schlechte Kommunikation der Schweizer Grossverlage.
Die Ohrfeige, die den versammelten Verlegern am meisten schmerzte, teilte Josef Trappel von der Prognos AG aus. Die Schweizer Medienunternehmen seien träge, wenig innovationsfreundlich und zu sehr miteinander verflochten, sagte er. Das habe sie zwar auch schon vor happigen Fehlinvestionen bewahrt, doch insgesamt werden dadurch auch deren mediales und publizistisches Leistungsvermögen sowie der ganze Schweizer Markt beeinträchtigt. Je nachdem, wie innovativ sich die Schweiz etwa im Onlinebereich oder bei der Digitalisierung der elektronischen Medien zeige, könne sie dank ihrer Kleinheit und Mehrsprachigkeit internationalen Unternehmen als Testmarkt für neue Medienprodukte oder Dienstleistungen dienen – oder aber sie komme erst im Nachhinein zum Zug. Trappel, der ab 2003 wieder ein Licht am konjunkturellen Horizont ausmachte, rief deshalb die Verleger auf, bald grundlegende strategische Entscheide zu treffen.
Auch Norbert Specker, CEO von Interactive Publishing GmbH, bemängelte, dass Schweizer Verleger eigene Impulse, speziell bei der Entwicklung neuer Onlinewerbeformen, vermissen liessen. Diesbezüglich stelle man zu sehr auf die PubliGroupe ab, dabei sei doch die Einbindung der Werbepartner integraler Bestandteil jedes einzelnen Medienunternehmens, mahnte Specker.
Die Ohrfeige, die am lautesten klatschte, teilte aber Beatrice Tschanz, die einzige Referentin, aus. Die heutige Kommunikationsverantwortliche bei Sulzer Medica geisselte NZZ, Tages-Anzeiger, Basler Zeitung, Aargauer Zeitung und Berner Zeitung wegen der unangekündigten und offensichtlich abgesprochenen Kioskpreiserhöhung Anfang Jahr.
Sodann bezeichnete sie Michael Ringiers Kommunikationsverhalten im Zusammenhang mit dem Jean-Frey-Deal als «peinlich» (Applaus im Publikum). Kommunikation sei Chefsache, deshalb gehe es nicht an, bei einem Merger keine Stellung zu nehmen und kurze Zeit später im konzerneigenen Sonntagsblatt ein paar freundliche Fragen zu beantworten, sagte sie. Die Medienunternehmen müssten ihre eigene Kommunikation überdenken, meinte sie weiter. Und an die Adresse von Fridolin Luchsinger, Peter Hartmeier & Co. fügte sie hinzu: «Unternehmenskommunikatoren sind Dienstleister. Jederzeit!»
Kleinere Multimediasuppen kocht derzeit nur die Tamedia
Etwas milder schien zunächst Martin Kall, Leiter International bei Ringier und designierter CEO von Tamedia. Der allgemeinen Verlegergilde hielt er zugute, dass sie mit mehr Konkurrenz leben müsse als etwa ihre deutschen Kollegen. Doch seine Aussage, es sei für einen Schweizer Grossverlag «gefährlich, sich nicht für das Ausland zu interessieren», war wohl eine Kritik an der bisherigen Tamedia-Strategie. Und die Frage, weshalb die Pendlerzeitungen keine Idee der Schweizer Verlage sei, ärgerte wohl die Zürcher Grossverlage, hatten doch diese Mitte der Neunzigerjahre eine solche Idee geprüft – und dann verworfen.
Obwohl Michael Ringier, CEO des Ringier-Konzerns, den Reigen der Referenten mit einer brillanten Rede beschloss, wollte er der geballten Kritik nichts entgegenhalten. Er begnügte sich damit, seinerseits ein paar Schläge auszuteilen – vor allem in Richtung der derzeit geschwächten Tamedia. Das TV-3-Konzept kanzelte er mit «Quoten durch Zoten» ab. Eine Aussage von TV-3-Chef Jürg Wildberger, wonach dieser «Big Brother» als ein soziologisches Experiment bezeichnete, qualifizierte Ringier als «intellektuellen Dünnpfiff». Und unter dem Vorwand, die journalistische Qualität im eigenen Haus hoch halten zu wollen, richtete er schliesslich folgenden Rat an seine Chefredaktoren: «Kümmert euch weniger um die Analysten, dafür mehr um die Journalisten.» Was wiederum einer Speerspitze gegen Tamedia gleichkam.
Gar nicht wehren konnte sich Hans Heinrich Coninx, VR-Präsident der Tamedia. Er war nicht nur der erste Referent, er schien auch nicht zur Verteidigung aufgelegt. Bei seiner eher trockenen Rede wirkte er ernst, beinahe demütig. Zwar spannte er staatsmännisch den Bogen vom Uno-Beitritt über das Bankgeheimnis bis zum Fall Regli, wohl aber nur, um den bewundernden Seitenblick auf die Konkurrenz (NZZ, Pendlerzeitungen, Ringier) zu kaschieren, deren Mut für neue Projekte er lobte. Von eigenen Projekten oder Ideen war nicht die Rede, bloss das Eingeständnis, dass der Abschied von TV 3 und Moneycab «schmerzlich» gewesen sei und dass Tamedia künftig die eigene Multimediasuppe auf kleinerem Feuer kochen werde.

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