Zu jedem Problem eine Regel

Ein Buch feiert den 100. Geburtstag des Typografen Jan Tschichold

Ein Buch feiert den 100. Geburtstag des Typografen Jan TschicholdVon Andreas Panzeri Wie kaum ein anderer hat Jan Tschichold die Typografieszene geprägt. Erst provozierte er als Wegbereiter des Konstruktivismus und befreite den Bleisatz von jahrhundertealtem Regelwerk. Später wirkte er als erfahrener Lehrer mit erhobenem Zeigefinger. Tschichold besann sich wieder auf die Tradition und fand zu jedem typografischen Problem meisterlich eine Regel.
Im April 2002 würde Jan Tschichold, der sich in seiner frühen Phase aus Identifikation mit dem russischen Konstruktivismus Iwan nannte, 100 Jahre alt. Die Hochschule für Technik, Wirtschaft und Kultur Leipzig (HTWK) nimmt den Geburtstag zum Anlass, dem stilbildenden Typografen eine Ausstellung zu widmen. Im Verlag Hermann Schmidt ist dazu ein Katalog erschienen.
So wie die Ausstellung nicht nur als chronologische Werkschau konzipiert ist, sucht auch das Buch nach mehr kreativer Auseinandersetzung mit dem Wirken Tschicholds. Neben Studentinnen und Studenten an der HTWK haben gleichzeitig Studierende an der Hochschule für Bildende Künste Braunschweig und an der Kunstacademie St.Joost, Breda, sich ein Semester lang mit Jan Tschichold beschäftigt. Sie haben seine Texte zur Typografie gelesen und seine Arbeiten diskutiert.
«Viele intelligente, witzige, nachdenkliche und schöne Arbeiten sind in dieser Zeit entstanden», schreiben die Herausgeber Christian Ide und Thorsten Kirchhoff im Vorwort zum Katalog. Die besten dieser studentischen Reflektionen und typografischen Variationen haben sie zusammen mit einer Jury für die Ausstellung und ihren Katalog ausgewählt.
Eine dieser Arbeiten aus Leipzig zeigt fiktiv, mit welchen Ideen ein wiederbelebter Jan Tschichold sich heute bei diversen Verlagen noch einmal um Aufträge als Buchgestalter bemühen könnte.
Studierende der Kunstacademie St.Joost haben verschiedene Zitate Tschicholds typografisch animiert und daraus ein Video produziert.
In Braunschweig sind Postkarten und Plakate entstanden, die sich auf originelle und witzige Art und Weise mit dem Typografen auseinandersetzen.
Eine dem Katalog beigelegte Multimedia-CD-ROM befasst sich mit dem künstlerischen, politischen und wissenschaftlichen Umfeld Tschicholds in den Zwanziger- und Dreissigerjahren.
Dass der 80-seitige Katalog mit dem Titel «Happy birthday, I(w)an!» selber ein typografisches Musterbeispiel abgeben will, dürfte bei dieser Materie wohl selbstverständlich sein.
Das Konzept und die Idee des Katalogs sind von Thorsten Kirchhoff unter der Betreuung durch Professor Christian Ide als Diplomarbeit im Studiengang Verlagsherstellung entwickelt worden. Gesetzt wurde das Buch aus der Linotype Stone Serif und Stone Sans sowie der von Jan Tschichold entworfenen Sabon.
Mehr Infos zur Ausstellung sind auch auf einer adäquaten Website www.tschichold.net zu finden.
HTWK Leipzig (Hrsg.): Happy birthday, I(w)an! Zum 100. Geburtstag von Jan Tschichold, Verlag Hermann Schmidt, Mainz, 80 Seiten, ISBN 3-87439-605-3

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