Rache angedroht

Mit Spannung hat die Medienwelt am letzten Samstag das Magazin vom Tages-Anzeiger erwartet, denn dieses war von den Machern des Satiremagazins Titanic gestaltet worden.

Mit Spannung hat die Medienwelt am letzten Samstag das Magazin vom Tages-Anzeiger erwartet, denn dieses war von den Machern des Satiremagazins Titanic gestaltet worden.. Natürlich wurden ein paar Klischees der Schweiz wie Sepp Blatter «nackt», Thomas Borer, Schumi als Wahlschweizer oder Cool Man ganz schön in die Pfanne gehauen. «Halb-halb», von hell begeistert bis tief empört, seien die rund 40 Reaktionen der Leserschaft gewesen, die beim Magazin eingegangen sind, meinte Chefredaktor Res Strehle auf Anfrage. Da seine Redaktion grossen Spass an der Zusammenarbeit mit den Gastarbeitern von der Titanic hatte, könne man sich gut vorstellen, dass das publizistische Experiment zum jährlichen Fixpunkt im Programm des Magazins werde. Möglich sei auch, dass die Magaziner von der Werdstrasse demnächst eine Retourkutsche für das Maga(ga)zin Titanic produzierten. Eine Einladung liege vor. Strehle könnte sich als «Rache» zum Beispiel ein «total ernstes Titanic» vorstellen. Wir nicht.Ästhetische Gründe. Ein grosser Schritt auf dem Boulevard oder ein kleiner Schritt für mehr Leserservice? Gestaunt hat man jedenfalls in den Trams der Zürcher Verkehrsbetriebe, als die sonst als topseriös geltenden Leser des ZürichExpress mit einer Zeitung herumfuchtelten, auf der zwei blanke Busen in Grossaufnahme in die morgendliche Runde reckten. Wer sich dann in der nächsten Zeitungsbox verstohlen selber ein Exemplar des neuen SexExpress aus dem Hause Tamedia zur Brust nehmen wollte, durfte beruhigt durchatmen: Keine Wahl des schönsten Busenpaares ist im ZürichExpress lanciert worden. Das Corpus Delicti einer gewissen Sophie Mader, 23 (Name geändert), hat als Illustration für eine Diskussion über Schönheitsoperationen herhalten müssen. Sophie ist mit dem Resultat sehr zufrieden, wie die Trittbrett-Sexstory-Fotos zeigen.
ANZEIGE ALS KUNST. Der Werbeflaute zum Trotz ist in Bern bereits die dritte Ausgabe von Gruntz erschienen. Das «etwas andere Magazin» erreicht mit seinen 184 Seiten fast Buchformat. Das trendige Lifestyle-heft kommt inhaltlich ähnlich wie Kult, Faces oder Forecast daher. Gruntz liegt aber nicht gratis in der Szene auf, sondern wird im Jahresabo mit drei Ausgaben für zusammen 18 Franken angeboten. Dafür verweist Gruntz auf zahlreiche «inhaltliche Fortschritte» und ist überzeugt: «Die Redaktion hat ihren Platz gefunden.» Texte zu neuen Musiktrends, diverse Kurzgeschichten und Artikel zum Thema Garten Eden oder gestylte Bildstrassen mit Mode und hipper Kunst mischen sich als Inhalte zum Teil fast nahtlos unter die Anzeigen. Diese werden von Publimag verwaltet. Dort meint Anzeigenleiter Daniel Stolina, dass das Gruntz-Magazin seine Rolle als «High End»-Produkt bereits nach drei Nummern gut auszufüllen vermag.
Mehr Inhalt als Form? Nicht sehr angenehm, wenn man die eigenen Schwächen genüsslich unter die Nase gerieben bekommt: «Mehr Arsch als Knack?», «Mehr Traum als Figur?» oder «Mehr Kater als Muskel?». Mit diesen perfiden Headlines will das Zürcher Fitnesscenter David Gym reumütige Vielesser und notorische Couch Potatoes an den Letzigraben 165 locken. Das Center mit Michelangelos David im Logo unterstützt seit gut 20 Jahren seine zahlende Kundschaft im Kampf gegen Bierbauch und Cellulitis. Ausgedacht hat sich die existenziellen Fragen das Kreativteam von Inhalt&Form, das in der Umsetzung auf visuelle Unterstützung der Headlines verzichtete – wir danken recht herzlich! Susanne Haug (Text/Beratung), Serge Riedener (CD), Sebastian Rundy (AD).
Blick löst Cash ab am Hauptbahnhof Zürich. Wer in Zürich mit dem Zug ankommt, wird künftig von allen drei grossen Tageszeitungen der Stadt umworben. Die Neue Zürcher Zeitung mit einem Grossplakat rechts der Bahnhofshalle und der Tages-Anzeiger auf dem E-Board waren schon bisher vertreten. Nun übernimmt ab Mitte Oktober der Blick das Grossplakat links der Halle, auf dem bisher die Wirtschaftszeitung Cash warb. In besseren Zeiten nutzte Cash die Stelle für auffallende Aktionen und führte oft ein Slogan-Duell mit der NZZ. Etwa zeitgleich mit dem Agenturwechsel von Lowe zu Seiler DDB Ende 2001 verzichtete Cash auf diese aufwändige Strategie. Ob Blick die prominente Werbefläche wieder intensiver bewirtschaften will, konnte Verlagsleiter Bruno Blaser noch nicht sagen: «Es ist noch unklar, was dort hinaufkommt, wir sind noch in der Planung.»
Antizyklisch. Fast dicker als die richtige Zeitung präsentierte sich unlängst eine Beilage in der Frankfurter Allgemeinen sowie in der Süddeutschen Zeitung. Über volle 20 Seiten liess sich der Automobilhersteller Audi als erfolgreiche Automarke feiern. Die Beilage wusste formal zu bestechen durch neun doppelseitige Fotografien aus der über 100-jährigen Geschichte von Audi. «Innovationen seit 1899 – Der neue Audi A8 kommt» lautete eine der spärlich, aber umso auffallender gesetzten Textzeilen. Solch antizyklisches Verhalten mit einer derart grosszügig gestylten Beilage könnten sich auch andere Branchen nicht nur formal zum Vorbild nehmen.
Edi im Tramdepot. Der Auftrags- und Werbefilmpreis Edi.02 ist eine Auszeichnung, die unter dem Patronat des Eidgenössischen Departements des Innern für überdurchschnittliche Leistungen verliehen und von den Preisträgern hoch geschätzt wird. Die Party zur Preisverleihung steigt am 7. November im Tramdepot Oerlikon. Neben einer Podiumsdiskussion sind auch dieses Jahr viele interessante Infotools vorgesehen. Die besten Schweizer Produktionsfirmen stellen sich mit ihren Showreels vor.
Zum Fressen gern. Die neueste Ausgabe des Gault Millau soll, glaubt man den Kreativen von Publicis, so gut sein, dass die hungrig wartenden Käufer des «Reiseführers für Gourmets» noch vor dessen Lektüre gleich in den 560 Seiten dicken Buchblock beissen möchten. «Macht Appetit. Der neue Gault Millau», schreibt Texter Rolando Baron. Klar doch, denn er (nicht Baron) beschreibt «die kulinarische Lage der Nation». Und, wie ist sie? Keine Ahnung! Weder die Grafik (Anka Wessely) noch der Creative Director (Markus Gut) verzapfen in ihrer Anzeige was darüber. Dürfen sie gar nicht. Denn diese Kompetenz bleibt unwidersprochen jenem Sonderexemplar von Homo gastronomicus überlassen, der mal naseweis verkündete, schon als Kleinkind jene selige Gabe entdeckt zu haben, gefrorene von frischen Froschschenkeln unterscheiden zu können. Bon App!

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