Winterschnitt im Orchideengarten

Die Medienseiten der Publikumspresse: Prestigeobjekte oder blosse Modeerscheinungen?

Die Medienseiten der Publikumspresse: Prestigeobjekte oder blosse Modeerscheinungen?Von Oliver Classen Ein Thema, das sonst wahlweise unter den Rubriken Wirtschaft, Politik oder Kultur verhandelt wurde, avancierte in den Boomjahren zur eigenen Disziplin. Nach der Trendwende gerät das Schnittstellen- und Zeitgeistressort Medien aber zunehmend unter Legitimationsdruck. Eine Zwischenbetrachtung mit Fallbeispielen, aber ohne Anspruch auf Vollständigkeit.
Spiegel haben bekanntlich eine Rückseite – und manchmal blinde Flecken. Das gilt auch für die journalistische Nabelschau, genannt Medienjournalismus. Angetreten mit dem Anspruch, der – nach Judikative, Legislative und Exekutive – vierten Gewalt «Medien» hinter die Kulissen und auf die Finger zu schauen, dient die «fünfte Gewalt» heute weniger übergeordneten Gesellschafts- als verlegerischen Eigeninteressen.
Was nicht weiter verwunderlich, geschweige denn verwerflich ist. Doch leider gerät selbst bei Branchenkennern diese Erkenntnis in Vergessenheit. Leider, weil nur vor diesem ökonomischen Motivationshintergrund von crossmedialer Eigenwerbung (vor allem bei Multimediahäusern), Konkurrenz-Bashing (etwa AZ vs. Tagi vs. NZZ) und Attraktivitätssteigerung in der Kommunikationsszene (durch Berichte über dieselbe) verständlich wird, warum bei vielen Zeitungen und Zeitschriften, die sich bislang eigene Medienseiten leisteten, dieses «Orchideen-Ressort» ins Wanken geraten ist.
Die Meldung aus Hamburg von Mitte Oktober, dass nach der Wirtschaftswoche nun auch Die Zeit ihre Medienseite einstelle, löste nicht nur beim Tages-Anzeiger «finstere Vorahnungen» aus. Auch in anderen Redaktionen bangen die Meta-Journalisten um ihre Budgets oder gar um ihre Jobs. Wo der Rotstift regiert, gerät ein für Verleger immer wieder unbequemes und vom Publikum bestenfalls mässig beachtetes Ressort zwangsläufig unter besonders starken Kosten- und Legitimationsdruck.
Auf Letzteren reagierte der Medienleiter der Aargauer Zeitung, Kurt-Emil Merki, Ende September mit einem «Medienseiten sind (mehr als) nice to have» betitelten Rechtfertigungsartikel, dessen peinlicher, aber auch sehr schlauer Schlusspunkt ein öffentlicher Schulterklopfer des eigenen Chefredaktors war. «Natürlich müssen auch wir sparen, aber wir halten an dieser Einrichtung fest»: Diese Zusage Hans Fahrländers habe AZ-Verleger Peter Wanner kürzlich bekräftigt, so Merki auf Anfrage der WerbeWoche. Schliesslich wolle man weiter in der publizistischen Nationalliga A spielen.
Dass das jeweils unter seiner täglichen Medienhalbseite platzierte Kreuzworträtsel vermutlich mehr Leser interessiere als seine People-orientierten Storys («nur so komme ich auch mal auf die Front»), räumt der Ex-Tagi-Mann zwar ein. Dennoch gibt sich Merki überzeugt, das sein Primeur- respektive News-betontes Konzept mit möglichst viel People drin voll aufgehe. «Für Hintergrundgeschichten können wir jederzeit in andere Ressorts ausweichen.» Nur: Bei total 120 Stellenprozent bleibt diese Option naturgemäss meist ungenutzt.
Beim Tages-Anzeiger, wo Merki bis im Sommer 2001 in gleicher Funktion wirkte (und deshalb den Zürcher Kollegen gerne mal eins vors Schienbein gibt), herrschen nicht nur diesbezüglich umgekehrte Vorzeichen. Die donnerstäglichen drei Seiten weiss Christian Rentsch «problemlos» zu füllen und «wirklich» zu schätzen, versteht er seine Aufgabe doch primär als «Kontextualisierung und Vertiefung medialer Aktualitäten». Auf eine verbindliche Auskunft über die Zukunft seines Bereichs wartet er bis dato indessen vergebens.
Abhängig dürfte der dieser Tage anstehende Entscheid von einer allfälligen Repositionierung (z.B. à la NZZ als erste Hälfte eines wöchentlichen, vierseitigen Computerbunds) sein. Denkspiele schliessen auch eine Redimensionierung (evtl. auf eine tägliche Seite) der ehemaligen Trendrubrik Medien ein. Letztlich dürften auch Tamedias Express und die damit verbundenen Kosten mit ausschlaggebend sein. Erhält das Pendlerzeitungsprojekt vom Verwaltungsrat grünes Licht, muss dafür vermutlich das Flaggschiff redaktionell etwas Federn lassen.
Als dem sechsten Bund zugeordnetes Team geniesst die 270 Stellenprozente vereinende Medienmannschaft beim Tages-
Anzeiger bis heute keinen Ressortstatus. Einziges Vorrecht von Rentsch et al. ist, dass sie Chefredaktor Philipp Löpfe direkt unterstellt sind. Ein bei Lichte betrachtet ziemlich zweifelhaftes Privileg, sind Löpfes Interventionen in eigener Sache doch noch in schlechter allgemeiner Erinnerung: 2000 kippte er einen kritischen Artikel über das Redesign des konzerneigenen ZürichExpress aus dem Blatt, 2001 unterband er eine Fernsehkritik zum TV-3-Format «Big Brother».
«Seit unser CR nicht mehr in der Geschäftsleitung sitzt und damit keine direkte kommerzielle Verantwortung mehr trägt, hat sich seine Einstellung zu unserer Arbeit merklich entspannt», relativiert Rentsch Bedenken, er stünde inhaltlich unter Druck von oben. Um jeglichen Konzernjournalismusverdacht von vornherein zu zerstreuen, berichtet er regelmässig über hausinternen Zwist, zuletzt anlässlich des Führungs- und Richtungswechsels beim Du, dem kulturellen Feigenblatt von Tamedia.
Dennoch: Publizistikprofessor Stephan Russ-Mohl konstatierte nicht umsonst vor drei Jahren in der Weltwoche, dass «Zeitungen, die keinem der grossen Unternehmenskonglomerate angehören, eine ganz besondere Verantwortung für den Medienjournalismus haben». Was im Umkehrschluss so viel heisst wie: Gott sei Dank haben Blick und SonntagsBlick bloss anspruchslose Fernsehseiten.
Die Weltwoche hingegen versuchte nach dem Besitzerwechsel ihre Unabhängigkeit mit einem frechen Porträt des neuen Jean-Frey-Grossaktionärs Tito Tettamanti unter Beweis zu stellen. Ein wichtigeres Indiz für den Stellenwert der Selbstbespiegelung ist jedoch die mit dem Relaunch eingerichtete Medienkolumne; schliesslich übt sich das Zentralorgan des poppigen Nonkonformismus ansonsten immer noch in angelsächsischer Ressortauflösung.
Der feste redaktionelle Ort, um über sich und seinesgleichen nachzudenken, avancierte im Medien- und Informatikboom der späten Neunzigerjahre zur publizistischen Prestigefrage. Das räumt auch Hans-Peter Platz von der ehrenwerten Basler Zeitung ein. «Reine Kostengründe» haben den dienstältesten Schweizer Chefredaktor bislang jedoch davon abgehalten, diesem Umstand Taten folgen zu lassen. «Wir betrachten das Fehlen einer eigentlichen Medienseite jedoch als Defizit und arbeiten an dessen Behebung», so Platz. Konkreter könne und wolle er angesichts der konjunkturellen Unwägbarkeiten derzeit aber nicht werden.
Bei den NZZ-Töchtern Bund und St.Galler Tagblatt, die ihrer Branche seit Juni 2000 wöchentlich eine Seite widmen, dachte man vergangenes Jahr gar noch über eine Umfangverdopplung nach. Heute ist Rolf App, Wissenschafts- und Medienredaktor in St.Gallen, schon froh, «wenn wir den Status quo halten können». Kein Wunder, schliesslich blinken auch beim Zürcher Mutterblatt und dessen freitäglicher Beilage «Medien und Informatik» die Signale Stopp. Der Rückwärtsgang ist für die NZZ indessen tabu, wie deren Chef gegenüber der WerbeWoche jüngst erklärte (WW 39/02). O-Ton Hugo Bütler: «Im Gegensatz zu anderen Blättern sind unsere Medienseiten kein Trendphänomen, sondern seit Jahrzehnten ein Zusatzdienst, der fester Bestandteil unserer Zeitung ist und bleibt.»
Diese Haltung vertritt überraschender- und erfreulicherweise auch Constantin Seibt von der Anarcho-NZZ, wenngleich die seit Jahresfrist zweiwöchentlich erscheinende Medienseite der entstaubten WochenZeitung «natürlich noch nicht vollständig institutionalisiert» sei. Im neuen, bis nächstes Frühjahr umzusetzenden Konzept komme dem Medienressort als Brückenkopf zwischen Wirtschaft und Lifestyle jedoch «eine Schlüsselfunktion» zu. Eine solche könnte künftig auch die WoZ als einzig gänzlich unabhängige und entsprechend kritikfähige Qualitätszeitung spielen, und zwar als fünfte Gewalt im Schweizer Medienjournalismus. Denn wahre Transparenz lässt sich nur aus neutraler Distanz und mit fachlicher Expertise herstellen. Ersteres haben die WoZler im Überfluss, an Letzterer lässt sich ja arbeiten.

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