«Besser mit Ringier als mit Springier»

Werbe- und Medienfachleute über die geplatzte Fusion

Werbe- und Medienfachleute über die geplatzte FusionUnabhängigkeit, überschaubare Unternehmensgrösse und Verwurzelung im kulturellen Umfeld der Produkte – das sind die Eigenschaften, die von einem Schweizer Medienhaus heute gewünscht werden. Daran lässt die WerbeWoche-Umfrage «Sind Sie erleichtert oder enttäuscht über den geplatzten Deal zwischen Springer und Ringier?» keine Zweifel.Springier oder Ringspringer? – Der Deal ist nicht zu Stande gekommen. Und das ist gut so. Wohin überrissene Expansionsgelüste führen können, ist uns in den vergangenen Monaten mehrfach vorgeführt worden. Die wirklichen Gründe für den Abbruch der Verhandlungen mit Springer wird sowieso nur Michael Ringier kennen, und deshalb ist es müssig zu spekulieren, was geworden wäre, wenn oder wenn nicht. Vielleicht ist das Ganze für ihn auch eine gute Gelegenheit, sein Haus neu zu bestellen, die Verantwortlichkeiten neu zu regeln und mit neuem Elan seinem angestammten Markt neue Impulse zu geben.
Es geht mir nicht um Protektionismus. Aber für einen Verleger ist es wichtiger als für jeden anderen Unternehmer, im kulturellen Umfeld seines Produktes eingebettet zu sein. Ob ich ein italienisches, ein japanisches oder ein französisches Auto fahre, ist egal. Aber ob ich «deutsch» oder «schweizerisch» lese, muss eine Wahl bleiben. Selbstverständlich gibt es in der Presselandschaft auch viele Titel, die nicht auf solche Verwurzelung angewiesen sind. Ich rede von Titeln, die von Nähe und von innerem Verständnis leben. Kultur und Identität solcher Zeitschriften und Zeitungen müssen in der Leserschaft verwurzelt sein, denn es geht ja um deren Werte.
Wenn ein Teil der vierten Gewalt ans Ausland verkauft werden soll, stimmt das nachdenklich. Nachgedacht habe ich über den Spagat zwischen betriebswirtschaftlicher Optimierung und unternehmerischer sowie gesellschaftspolitischer Ethik. Nachgedacht habe ich über die Wichtigkeit von Vielfalt und den Trend zur Einfalt. Mein Bauch sagt mir, die Schweiz fährt besser mit Ringier als mit Springier.
Ein Zusammenschluss von Springer und Ringier zum grössten Pressehaus Europas hätte für alle Beteiligten sicher interessante Perspektiven eröffnet. Aus unternehmerischer Sicht hätte aber nur eine echte Fusion Sinn gemacht. Kreuzbeteiligungen mit gegenseitigen Minderheitspositionen führen meist nicht zu den erhofften Resultaten.
Bei einer Fusion musste der Axel Springer Verlag als klar grösserer Partner natürlich den Führungsanspruch erheben. Dass sich die Verlegerfamilie Ringier die damit verbundene, zumindest teilweise Aufgabe der eigenen Unabhängigkeit sehr gut überlegen und schliesslich ablehnen wollte, dafür kann und muss man Verständnis aufbringen. Beide Verlage haben das Potenzial, auch auf getrennten Wegen erfolgreich in die Zukunft zu schreiten.
Eine Bemerkung aber noch zum Gejammer einiger Schweizer Politiker im Vorfeld der Fusionsgespräche: Es steht der international eng verflochtenen Schweiz schlecht an, einerseits mit Stolz auf die Auslandsengagements der eigenen Verlagshäuser wie Ringier oder Edipresse zu verweisen, andererseits aber von drohenden «Kulturschocks» zu sprechen, wenn die Investitionen einmal in die umgekehrte Richtung fliessen sollten. Der Axel Springer Verlag besitzt seit 1999 die Kapitalmehrheit an der Verlagsgruppe HandelsZeitung. Unsere verlegerische und redaktionelle Autonomie wurde seither in keiner Weise tangiert, und auch personell wurden in der Führung von Verlag und Redaktionen keine Veränderungen vorgenommen.
Dass Ringier zu einem substanziellen Anteil an Springer gekommen wäre, das hätte mir gefallen. Dass Springer per Fusion Ringier absorbiert hätte, das wäre tragisch gewesen. Im Allgemeinen ist es mir eher egal, wer meine Zigaretten oder Schuhe produziert. Meine politischen, wirtschaftlichen, gesellschaftlichen inklusive lokalen Informationen von einem ausländischen Konzern zu beziehen, würde aber ein fragwürdiges Gefühl hinterlassen. Der Entscheid von Ringier für Unabhängigkeit und Verwurzelung und Glaubwürdigkeit ist so gesehen auf jeden Fall zu begrüssen.
In diesen Zeiten liegt der Fokus jedes Unternehmens nicht mehr zwingend darin, gross, sondern profitabel zu sein. Demzufolge liegt wohl die Kernfrage einer Fusion darin, Synergien primär auf der Kosten- und weniger auf der Ertragsseite zu lokalisieren. Im Grundsatz begrüsse ich starke Medien, die sich auf die Kernkompetenz konzentrieren und nicht dem Ehrgeiz erliegen, Mediengeschichte schreiben zu wollen. In diesem Sinne bin ich eher erleichtert als enttäuscht.
Umfrage: Daniel Schifferle

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