Widerstehe dem Gewöhnlichen

Eigenwerbung Kreativagenturen sind Könner in Sachen Werbung. So zumindest urteilt der Durchschnittsschweizer über die Kreativen der Branche. Doch geht es um Eigenwerbung, versagen viele hiesige Werbeagenturen oder lassen es gleich bleiben.

Eigenwerbung Kreativagenturen sind Könner in Sachen Werbung. So zumindest urteilt der Durchschnittsschweizer über die Kreativen der Branche. Doch geht es um Eigenwerbung, versagen viele hiesige Werbeagenturen oder lassen es gleich bleiben. Andreas Prokesch lässt kein gutes Haar an der Eigenwerbung der Branche: «Was man von Schweizer Werbeagenturen an Eigenwerbung vorgesetzt bekommt, ist alles miserabel», moniert der freischaffende Texter und Vorstandsvorsitzende des Art Directors Club (ADC) Schweiz. Solange er sich erinnern könne, habe er noch kein einziges gutes Beispiel von Werbung in eigener Sache gesehen. «Und erst recht nichts, was mich vom Stuhl gerissen hätte.»Kein bisschen milder zeigt sich auch Daniel Matter, Mitinhaber von Matter & Partner, wenn die Rede auf die Eigenwerbung der Schweizer Werbeszene kommt: «Im internationalen Vergleich befinden wir uns weit hinten.» Selbst Frankreich und Italien seien besser als die Schweiz. «Und das sollte schon zu denken geben», sagt Matter.
Deckel auf dem Kochtopf
Wie schlecht es um die Eigenwerbung steht, beweist auch eine Umfrage der Werbewoche. Per E-Mail wollte die Werbewoche von den zwanzig grössten und kreativsten Schweizer Werbeagenturen wissen, wie wichtig ihnen Eigenwerbung ist und worauf sie dabei achten. Nur acht der angefragten Agenturen haben die Fragen beantwortet, darunter zwei unzureichend. Und eine Agentur schrieb zurück: «Sorry, wir können Ihnen nicht antworten. Denn wir wollen niemanden so weit in den Kochtopf blicken lassen.»
Prokesch wundert sich nicht über dieses Resultat: Weshalb von Eigenwerbung reden, wenn sie für viele Agenturen kein oder dann ein leidiges Thema ist? Sie werde von vielen Agenturen als reine Strafaufgabe empfunden. «Oft wird irgendein Team verdonnert, noch schnell Eigenwerbung zu gestalten. Und am Schluss geht die Chefabteilung drüber und gibt ihren Senf dazu», sagt Prokesch. «Mit lustvoller Werbung hat das nichts zu tun.»
Dies bestätigt auch Pascal Staub: Auf die Frage «Welches Briefing war das schlechteste, das Ihnen je unter die Augen gekommen ist?», antwortete der Leiter Strategische Planung von Publicis: «Die unmöglichsten Briefings, die ich je gesehen habe, waren die Briefings zu unserer Agenturpräsentation. Ich habe 120 Briefings erhalten, so viele wie wir Mitarbeiter haben. Aber alle waren unbrauchbar.»
Wenig erstaunlich ist daher auch das Resultat der Werbewoche-
Umfrage: Agenturen wie Ruf Lanz und Spillmann Felser Leo Burnett (SFLB) beschränken ihre Eigenwerbung aufs absolute Minimum. «Wir konzentrieren uns als sehr junge Agentur in der Startphase lieber auf die Entwicklung konkreter Kampagnen und die optimale Betreuung der Kunden», heisst es bei SFLB. Deren Bemühungen in Sachen Eigenwerbung sind schnell aufgezählt: Druck von Visitenkarten, klare Beschriftung der Agentur, Präsenz im Internet. «Weitere Massnahmen sind in naher Zukunft nicht geplant», sagt dazu Peter Felser, SFLB-CEO.
Andere Werbeagenturen setzen auf langweilige Mailings, schlichte Broschüren, Beziehungspflege und freudlos zusammengestellte Dokumentationen. Einige wenige veranstalten jährlich ein Podiumsgespräch oder einen Event wie den traditionellen «Sechseläuten-Apéro» von Publicis. Doch nur ein Bruchteil der Schweizer Werbeszene wagt Überraschendes. Umso mehr fallen Beispiele wie die Tragtasche von Euro RSCG auf, die den Aufdruck trägt: «Die Präsentation von Euro RSCG war stark. Wenn Sie nicht der Meinung sind, einfach Sack überstülpen.»
Es geht auch andersDass es auch anders geht, beweisen Matter & Partner und Antaris. Sie setzen auf Imagewerbung und die Agenturbroschüre «Der kleine Klinkenputzer» (Matter & Partner) oder Minikampagnen (Antaris) und haben damit Erfolg. «Unsere Imagewerbung kommt an», bestätigt Matter. Statt irgendwo im Arbeitsalltag dazwischengequetscht, ist sie sorgfältig und liebevoll gemacht – das jedenfalls war die Absicht von Matter & Partner. «Wir haben uns selber so behandelt, wie wir unsere Kunden behandeln», erklärt Matter. In anderen Worten: «Wir arbeiteten mit Briefings, Strategiesitzungen, Terminplan, einem Team – bestehend aus einem Texter, Art Director, Grafiker, Berater und Werbeassistenten – und: mit Mitarbeitern, die auch wirklich motiviert waren.» Für die Ausführung der Imagekampagne verantwortlich waren die Agenturinhaber Andy Schlatter und Daniel Matter. «Das machte die Aufgabe nicht einfacher, aber auch nicht schwieriger», so Matter.
Mit wenig Geld, dafür mit umso mehr Fantasie, betreibt auch Antaris Werbung in eigener Sache. Die Thalwiler Agentur lockt Börsenhungrige mit einer cleveren Minikampagne in der Rubrik Finanzmarkt der NZZ und den Wortködern «WerbeFONDS» und «ValuePAPIERE» auf ihre Spur. Einzig die Unterzeile «Investieren Sie in Ihre Werbung» und eine Telefonnummer verraten die Absicht.
Der Erfolg gibt Antaris Recht: «Die Eigenwerbung funktioniert gut. Wir hatten schon mehrere Anrufe», freut sich Agenturchef Christian Frei. Er sieht die Kampagne aber nicht nur als Eigenwerbung, sondern auch als Werbung für die gesamte Branche. «Leider machen die Verbände in Sachen Eigenwerbung nicht viel. Deshalb sind wir gezwungen, Aufmerksamkeit zu generieren.» Die Mittel dazu hat die dreiköpfige Agentur eigentlich nicht. «Wir leisten uns diese Kampagne, weil wir der Meinung sind, dass sie sich langfristig auszahlen wird.»
5000 Franken Streukosten und viel Herzblut hat die Minikampagne Antaris bislang gekostet. Die Kleinanzeigen erscheinen bis auf weiteres in der NZZ und
in der KMU-Zeitschrift Zürcher Wirtschaft. Zwei bis fünf Prozent des Betriebsaufwandes investieren Matter & Partner in Eigenwerbung, PR, Kundenpflege und Teilnahme an nationalen und internationalen Jurierungen. Gar 150000 Franken jährlich sind es bei Wirz Werbung. Ein noch grösserer Betrag dürfte es bei Grossagenturen wie Publicis und Euro RSCG sein. Zahlen wollen diese allerdings keine nennen.
Dennoch schneiden – im internationalen Vergleich – Publicis, Euro RSCG und Wirz Werbung bei der Eigenwerbung eher schlecht ab. Auch wenn das oberste Prinzip bei Euro RSCG lautet: «Was für unsere Kunden gut ist, ist auch für die Agentur mit dem Stern das Beste:
1. Business Idea, 2. Marketing Idea, 3. Communications Idea. 4. Ad Idea.» Und bei Publicis und Wirz Werbung heisst es: «Eigenwerbung ist Chefsache.» In der Regel wird die Eigenwerbung bei Publicis vom Chief Creative Officer Jean Etienne Aebi konzipiert, zu einem guten Teil auch geschrieben, worauf schliesslich die Geschäftsleitung darüber abstimmt.
Ameisen auf gelbem GrundÜberragende oder gar sensationelle Beispiele für Werbung in eigener Sache finden sich nur im Ausland. McCann-Erickson Hakuhodo, Tokio, lancierte einst ein Plakat mit Schafskopf, Logo und dem Spruch «Wollen Sie nicht einen guten Kämpfer einkaufen?». Young & Rubicam, Mailand, zeigte viele schwarze Ameisen auf gelbem Hintergrund, begleitet vom Claim «resist the usual». Und selbst kleine Agenturen zeigen sich mutig. So wirbt die Berliner Agentur Etter & Partner mit einem Mann, der auf dem Kopf einen Lampenschirm trägt, und der Schlagzeile: «Wenn Sie jemanden suchen, der ein paar ebenso formschöne wie zweckmässige und haltbare Einrichtungskampagnen vorweisen kann und mehr als 25 Watt in der Birne hat, schalten Sie einfach die Werbeagentur Michael Etter & Partner ein. Telefon 030/651069».
Neu ist die Eigenwerbe-Misere in der Schweiz allerdings nicht. Das zeigt auch ein Blick in eine im Februar 1996 veröffentlichte Studie von Luzi Rageth, Inhaber von BASE-Marketing. Im Rahmen einer Marketing-Testreihe untersuchte er damals sieben erfolgreiche Werbeagenturen in Sachen Eigenwerbung. Sein Fazit: «Die Eigenwerbung von Werbeagenturen steht hinsichtlich des Volumens wie auch der werblichen Qualität deutlich unter den Leistungen, welche diese Agenturen für ihre Kunden erbringen.» Weiter stellte die Studie fest: «Auch unter Berücksichtigung der speziellen Business-to-Business-Problematik dieser Firmen mit weniger als hundert Mitarbeitern bewahrheitete sich für diese Branche der Spruch, dass die ‹Schuhmacher selber die schlechtesten Schuhe tragen›.»
Geändert hat sich seither wenig. «Ich begreife nicht, weshalb in der Schweiz sich in Sachen Eigenwerbung nicht schon lange etwas getan hat», kritisiert ADC-Chef Prokesch. Verbesserungsmöglichkeiten gäbe es schliesslich genug – beispielsweise die Eigenwerbung vom Konkurrenten machen zu lassen.
Wie sagte Staub noch vor kurzem in einem Werbewoche-Interview: «Um gute Werbung zu machen, braucht es Aussenstehende – sprich eine Agentur, die einem den Spiegel hinhält, herausfindet, unter welchem Sprungturm sich das schönste Becken befindet, in dem dann auch Wasser drin ist. Für sich selber werben kann man nicht.»
Einige wenige haben es sich zumindest überlegt, die Konkurrenz an ihre Eigenwerbung zu lassen: «Ich habe vor vielen Jahren einmal mit Ruedi Wyler darüber geplänkelt, uns gegenseitig die Eigenwerbung zu konzipieren. Wem das mehr gebracht hätte, steht immer noch in den Sternen», gesteht Jean Etienne Aebi.
«Miserabel» lautet das Urteil des ADC-Präsidenten Andreas Prokesch über die Leistungen der Werbeagenturen in Sachen Eigenwerbung.
Mehr als 25 Watt haben die Werber von Etter & Partner in Berlin in der «Birne»: Eigenwerbung mit einem starken Claim, die darum Beachtung findet.
Matter & Partner wünscht sich mit dieser Anzeige Kunden, die auch noch an Werbung glauben: Eigenwerbung mit antizyklischer Wirkung.
Der kleine Klinkenputzer macht für Matter & Partner Werbung und sagt potenziellen Kunden, worauf sie beim Umgang mit einer Werbeagentur achten sollen: Eigenwerbung mit viel Humor und einer feinen Prise Ironie.
Euro RSCG bittet Kunden, die Tasche umzukehren, falls die Präsentation der Werbeagentur nicht «sackstark» gewesen sein soll: Eigenwerbung mit hohem Nutzeffekt.
Die Ausnahme von der RegelAls «kleine Aufmunterung und als Zeichen der Hoffnung» hat die frisch gegründete Werbeagentur Catsky & Partner zum Jahresanfang eine Sonderausgabe der Zeitung Better Times drucken lassen. Das seltene Beispiel für gelungene Eigenwerbung dokumentiert das kreative Potenzial von Claude Catsky an- hand von «ein paar positiven, Optimismus verbreitenden Zeitungsschlagzeilen aus aller Welt, die nur einen kleinen Schönheitsfehler haben: sie sind frei erfunden.»
Ohne teure Grafik, dafür ideenreich und wirkungsvoll, finden sich in der Better Times dann über 20 Seiten hinweg Schlagzeilen wie «Bush verzichtet auf Irak-Krieg zu Gunsten eines Boxkampfes gegen Saddam Hussein» oder «Nach Gewinn der Champions League durch FC Basel: Beckham will zum FCB wechseln». Die Sammlung dieser guten News hat die Agentur Catsky & Partner in einer Auflage von «so etwa 1000 Stück»
drucken lassen. Die Better Times ist auch mit einem Coupon versehen. «Schreiben Sie Ihre Wunschschlagzeile fürs 2003…», lautet die Aufforderung. Wer den Coupon einschickt, kann eine Original-Porträt-Karikatur von Papa Nico Catsky gewinnen, eine DVD von Woody Allen, eine Kiste Champagner oder ein Nachtessen im «Sonnenberg». Wie bei solchen Coupons üblich, kann man natürlich auch am Wettbewerb teilnehmen, ohne die Agentur näher kennen lernen zu wollen. (pan)
Annelies Friedli

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