Ein bisschen Bohlen
Gastkommentar Die Ich-AG ist jüngst etwas in Verruf gekommen. Für dessen Erfinder steht das «Unwort des Jahres 2002» aber nach wie vor für das Lebenskonzept der Zukunft.
Gastkommentar Die Ich-AG ist jüngst etwas in Verruf gekommen. Für dessen Erfinder steht das «Unwort des Jahres 2002» aber nach wie vor für das Lebenskonzept der Zukunft.Die Ich-AG ist das Unwort des Jahres und Dieter Bohlen die erfolgreichste Ich-AG Deutschlands. Er ist Musiker, Produzent und eigener PR-Manager in Personalunion. Was er anpackt, zieht er durch. Was er will, weiss er am besten. Er schreibt Musik, eine Autobiografie und vermarktet sein Privatleben. Er ist selbstbewusst, baut Netzwerke und nutzt Synergien wie kein anderer. Er ist ein Meister des Selbstmarketing und verdient mit Kommunikation Millionen. Kurzum: Er ist der Held der Mediengesellschaft – und ein Prototyp der Ich-AG.Sind wir nicht alle ein wenig Dieter? Sind Individualismus und Selbstverantwortung nicht Ziele, die das alte Europa seit der Französischen Revolution propagiert? Sind diese Fähigkeiten, die wir in der Freizeit und beim Konsum bereits leben, nicht auch auf die Arbeitszeit anwendbar? Die Industriegesellschaft geht unwiderruflich zu Ende. Arbeitgeber und Arbeitnehmer halten sich nicht mehr an ehemals eherne Vorgaben. Beide Seiten üben sich in Flexibilität. Die Unternehmen orientieren ihre Personalpolitik an den Schwankungen des Marktes. Die Angestellten nutzen das Angebot des Vorruhestands und arbeiten immer häufiger schwarz.
Der Zusammenbruch des alten Systems birgt Risiken wie Chancen. Die Ich-AG muss sich selber managen – ob sie will oder nicht. Die bisher fremdbestimmte Lebenszeit ist das begrenzte Eigenkapital, die einzige Ressource, die jeder hat und keiner vermehren kann. Diese wird in der Mediengesellschaft neu bewertet und vermarktet, nämlich individuell. In den USA etwa lässt sich ein Student von einer Bank sponsern; im Gegenzug hält er Informationsveranstaltungen für das Finanzinstitut. Derlei Arrangements werden immer salonfähiger und das eigene Leben damit zum strategischen Planspiel. Ökonomisches Denken, bisher Herrschaftswissen der Unternehmen, erreicht die Konsumenten und Bürger. Für diesen Wertewandel steht der Begriff Ich-AG.
Dieses Kunstwort ist weniger Wortspielerei, denn programmatisches Symbol. Und es ist ein Arbeitsbegriff aus der Trendforschung, funktional und überaus erfolgreich. «Von der Deutschland-AG zur Ich-AG» hiess die Agenda unseres 5. Deutschen Trendtages anno 2000. Damals wurde die sprachliche Brücke zwischen Individuum und Ökonomie geschlagen. Als sich der Begriff daraufhin wie ein Virus verbreitete, warnte Bundespräsident Johannes Rau vor den Folgen: einer egoistischen Ellenbogengesellschaft. «Arbeit, Bildung und Wohlstand für alle», versprach dagegen noch der Minister des deutschen Wirtschaftswunders, Ludwig Erhard. Das Solidaritätsprinzip der Nachkriegsgesellschaft hatte einen Namen: Deutschland-AG. Für die Chancen und Risiken der Mediengesellschaft steht die Ich-AG.
Man mag es beklagen oder begrüssen: Das Gros der Menschen will heute selbstbestimmt leben und tut es auch. Für nichts anderes steht die Ich-AG. Wer daraus Dauerschäden für die deutsche Sprache ableitet, ist weltfremder Purist seines Fachgebiets, der Linguistik. Es behagt den Sprachwissenschaftlern nun mal nicht, wenn die Wirklichkeit in ihren Elfenbeinturm eindringt.
> Peter Wippermann ist Gründer des Hamburger Trendbüros und seit 1993 Professor für Kommunikationsdesign an der Universität Essen.
Der Zusammenbruch des alten Systems birgt Risiken wie Chancen. Die Ich-AG muss sich selber managen – ob sie will oder nicht. Die bisher fremdbestimmte Lebenszeit ist das begrenzte Eigenkapital, die einzige Ressource, die jeder hat und keiner vermehren kann. Diese wird in der Mediengesellschaft neu bewertet und vermarktet, nämlich individuell. In den USA etwa lässt sich ein Student von einer Bank sponsern; im Gegenzug hält er Informationsveranstaltungen für das Finanzinstitut. Derlei Arrangements werden immer salonfähiger und das eigene Leben damit zum strategischen Planspiel. Ökonomisches Denken, bisher Herrschaftswissen der Unternehmen, erreicht die Konsumenten und Bürger. Für diesen Wertewandel steht der Begriff Ich-AG.
Dieses Kunstwort ist weniger Wortspielerei, denn programmatisches Symbol. Und es ist ein Arbeitsbegriff aus der Trendforschung, funktional und überaus erfolgreich. «Von der Deutschland-AG zur Ich-AG» hiess die Agenda unseres 5. Deutschen Trendtages anno 2000. Damals wurde die sprachliche Brücke zwischen Individuum und Ökonomie geschlagen. Als sich der Begriff daraufhin wie ein Virus verbreitete, warnte Bundespräsident Johannes Rau vor den Folgen: einer egoistischen Ellenbogengesellschaft. «Arbeit, Bildung und Wohlstand für alle», versprach dagegen noch der Minister des deutschen Wirtschaftswunders, Ludwig Erhard. Das Solidaritätsprinzip der Nachkriegsgesellschaft hatte einen Namen: Deutschland-AG. Für die Chancen und Risiken der Mediengesellschaft steht die Ich-AG.
Man mag es beklagen oder begrüssen: Das Gros der Menschen will heute selbstbestimmt leben und tut es auch. Für nichts anderes steht die Ich-AG. Wer daraus Dauerschäden für die deutsche Sprache ableitet, ist weltfremder Purist seines Fachgebiets, der Linguistik. Es behagt den Sprachwissenschaftlern nun mal nicht, wenn die Wirklichkeit in ihren Elfenbeinturm eindringt.
> Peter Wippermann ist Gründer des Hamburger Trendbüros und seit 1993 Professor für Kommunikationsdesign an der Universität Essen.
