Schneewittchen und der Journalismus
Gastkommentar Wer sich am Medienjournalismus stösst, soll den Journalismus verbessern, der Rest folgt automatisch, schreibt Christian Mensch.
Gastkommentar Wer sich am Medienjournalismus stösst, soll den Journalismus verbessern, der Rest folgt automatisch, schreibt Christian Mensch.Michael Ringier hat als Verleger viele Projekte in der Pipeline. Die wenigsten werden jemals lanciert, die meisten verkümmern auf dem Weg von der Idee zum marktreifen Produkt. Die Strecke ist gesäumt von Konzeptruinen für Zeitungen und Zeitschriften, von kiloschweren Projektskizzen und teuren Machbarkeitsstudien für Fernseh- und Internetkanäle. Kürzlich erzählte Michael Ringier von einer alten Idee: «Ich habe immer noch das Projekt meiner Lieblingszeitung, das ich wahrscheinlich nie werde machen können; eine Zeitung, in der ich nur schlecht über Journalisten schreibe, damit die mal merken, was das bedeutet.»Ringier, das ist daraus zu lernen, wird sich nie an eine Medienzeitschrift wagen. Schade eigentlich, obwohl auch daraus nie etwas werden würde. Doch allein schon die Auseinandersetzung damit, was Medienjournalismus ist und was er sein könnte, wäre hilfreich für den Journalismus insgesamt. Denn ganz richtig, wenn auch polemisch formuliert, weist Michael Ringier auf die wichtigste Funktion des Medienjournalismus hin: Er hält der Branche den Spiegel vor.
Das Abbild entspricht dem Abgebildeten. Es ist nicht schöner, es ist aber auch nicht hässlicher. Medienjournalisten arbeiten schliesslich unter den gleichen Rahmenbedingungen und mit den gleichen Arbeitsinstrumenten wie alle Journalisten. Es gibt unter ihnen talentiertere und weniger talentierte, nicht anders als im gesamten Journalismus. Ihre Analysen treffen manchmal den Nagel exakt auf den Kopf, immer wieder hauen sie ihn aber auch nur krumm, und ihre fehlgeleiteten Hiebe hinterlassen hässliche Dellen. Von solchen Verletzungen spricht der Verleger Ringier, wenn er den vermeintlichen oder echten Schreibtischtätern Revanche androht.
Medienschaffende haben oft Mühe mit dem Spiegelbild, das die Medienjournalisten von ihnen entwerfen. Vor allem das Personal in den Teppichetagen, die Chefredaktoren und Verleger, wollen häufig nicht wahrhaben, was sie im Spiegel zu sehen bekommen. Sie verhalten sich ihm gegenüber zuweilen nicht anders als die Stiefmutter in Grimms Märchen «Schneewittchen». Eitel rufen sie: «Spieglein, Spieglein an der Wand, wer ist die Schönste im ganzen Land?» Und wehe, es kommt nicht die erwartete Heuchelei zurück, schon sind sie gekränkt. Sie sprechen dann von «Häme» und «Kollegenschelte». Immerhin gehen sie nicht so weit, dass sie versuchen, Medienjournalisten mit vergifteten Äpfeln ausser Gefecht zu setzen.
Das Problem wäre damit auch nicht gelöst. Ohne Medienjournalisten würde der Spiegel nur trüber; das Bild aber kein bisschen hübscher und der Journalismus insgesamt um keinen Deut besser. Auch ein von gehätschelten Medienjournalisten polierter Spiegel machte die Fratze, die hineinglotzt, nicht ansehnlicher. Wer sich am Medienjournalismus stösst – und das sind derzeit nicht wenige –, der soll den Journalismus verbessern, der Rest folgt automatisch. Ein ganzes Stück weiter wären wir, wenn Michael Ringier irgendwann in Zukunft sagen würde: «Ich habe da ein Lieblingsprojekt, das ich gerne machen würde: eine Zeitung, in der ich mal lobend, mal tadelnd über Journalismus und Journalisten schreibe; ein selbstkritisches Spiegelbild des Journalismus eben.»
> Christian Mensch, bis vor kurzem Medienjournalist bei der Weltwoche
Das Abbild entspricht dem Abgebildeten. Es ist nicht schöner, es ist aber auch nicht hässlicher. Medienjournalisten arbeiten schliesslich unter den gleichen Rahmenbedingungen und mit den gleichen Arbeitsinstrumenten wie alle Journalisten. Es gibt unter ihnen talentiertere und weniger talentierte, nicht anders als im gesamten Journalismus. Ihre Analysen treffen manchmal den Nagel exakt auf den Kopf, immer wieder hauen sie ihn aber auch nur krumm, und ihre fehlgeleiteten Hiebe hinterlassen hässliche Dellen. Von solchen Verletzungen spricht der Verleger Ringier, wenn er den vermeintlichen oder echten Schreibtischtätern Revanche androht.
Medienschaffende haben oft Mühe mit dem Spiegelbild, das die Medienjournalisten von ihnen entwerfen. Vor allem das Personal in den Teppichetagen, die Chefredaktoren und Verleger, wollen häufig nicht wahrhaben, was sie im Spiegel zu sehen bekommen. Sie verhalten sich ihm gegenüber zuweilen nicht anders als die Stiefmutter in Grimms Märchen «Schneewittchen». Eitel rufen sie: «Spieglein, Spieglein an der Wand, wer ist die Schönste im ganzen Land?» Und wehe, es kommt nicht die erwartete Heuchelei zurück, schon sind sie gekränkt. Sie sprechen dann von «Häme» und «Kollegenschelte». Immerhin gehen sie nicht so weit, dass sie versuchen, Medienjournalisten mit vergifteten Äpfeln ausser Gefecht zu setzen.
Das Problem wäre damit auch nicht gelöst. Ohne Medienjournalisten würde der Spiegel nur trüber; das Bild aber kein bisschen hübscher und der Journalismus insgesamt um keinen Deut besser. Auch ein von gehätschelten Medienjournalisten polierter Spiegel machte die Fratze, die hineinglotzt, nicht ansehnlicher. Wer sich am Medienjournalismus stösst – und das sind derzeit nicht wenige –, der soll den Journalismus verbessern, der Rest folgt automatisch. Ein ganzes Stück weiter wären wir, wenn Michael Ringier irgendwann in Zukunft sagen würde: «Ich habe da ein Lieblingsprojekt, das ich gerne machen würde: eine Zeitung, in der ich mal lobend, mal tadelnd über Journalismus und Journalisten schreibe; ein selbstkritisches Spiegelbild des Journalismus eben.»
> Christian Mensch, bis vor kurzem Medienjournalist bei der Weltwoche
