Eine Abrechnung mit der Marktmacht USA?

Kommentar Die Provokation sitzt, doch im Blind-Test floppt Mecca-Cola. Nicht nur deshalb dürfte der Antimarke ein kurzes Leben beschieden sein, ihr fehlt jegliche Glaubwürdigkeit.

Kommentar Die Provokation sitzt, doch im Blind-Test floppt Mecca-Cola. Nicht nur deshalb dürfte der Antimarke ein kurzes Leben beschieden sein, ihr fehlt jegliche Glaubwürdigkeit.Wenn Sie kein Coca-Cola-Schild mehr sehen, haben Sie die Grenzen der menschlichen Zivilisation erreicht», behauptete ein Coca-Cola-Plakat in den Sechzigerjahren. Was keine Religion bislang erreichte, scheint der individualistischen Zivilisation amerikanischer Prägung zu gelingen. Trotz bigotter Hingabe für Wanderprediger und Seelenfänger hat die säkularisierte Gesellschaft der USA ihr liberal-kapitalistisches Weltbild in Kriegs- und Friedenszeiten erfolgreich exportieren können. Ihre Missionare trugen Markennamen wie Marlboro, Coca-Cola, Walt Disney oder McDonald’s in die Welt hinaus. Und was sie verkündeten, waren keine frömmlerischen Heilsbotschaften, sondern die simple Frieden stiftende Wirkung des Konsums. Mittlerweile ist deren demokratisches Imperium – um es im Kriegsjargon auszudrücken – nahezu weltumspannend, deren westliches Wertesystem hat sich bewährt.
Nur in wenigen Winkeln dieser Welt stellen sich Diktatoren und fundamentalistische Regime heute noch im Namen ihrer Propheten und Religionsstifter mit menschenverachtender Grausamkeit gegen den Willen ihrer Völker.
Ihre unangefochtene Machtstellung dürfte zur Hauptsache mit dem historisch erschütterten Selbstverständnis radikaler Fundamentalisten erklärt werden, die den Westen für ihre ökonomische Unfähigkeit und die Erosion ihrer kulturellen Identität verantwortlich machen wollen.
Dass vor dem Ausbruch eines erneuten Irak-Krieges ein Businessmann islamischen Glaubens mit seinem Mecca-Cola auf eine sprudelnde Einnahmequelle gestossen ist, mit der er den Durst der Friedensbewegten und No-Globals löschen will, sei ihm unbenommen. Zweifelhaft an seinem opportunistischen Geschäftsmodell ist die zu Grunde liegende Marketingstrategie. Nach dieser drückt der Mecca-, Qibla- oder Vita-Cola- Konsument seine friedvolle, antiamerikanische Ideologie aus. Es entbehrt nicht der Ironie, dass sich die Subversivmarke westlicher Standards bedient und so beim Versuch der Sozialkritik und Verweigerung kläglich scheitert.
Dennoch, den gutgläubigen, «aufgeklärten» Westen scheinen die Ungereimtheiten kaum zu stören. Im Gegensatz zu muslimischen Ländern, wo echte US-Brands weiterhin bevorzugt werden, blüht im Westen das Geschäft mit der «ideologischen» Antimarke. Selbst die auf der Flasche versprochene Unterstützung lokaler und palästinensischer Hilfswerke, vorerst nur ein dürftiges Versprechen des Geschäftsmanns, wird kaum hinterfragt. Vielleicht liefert Mecca-Cola lediglich den Beweis dafür, worauf viele schon immer gewartet haben: Auch die kritischsten Konsumenten lassen sich von ausgetüftelten Marketingversprechen verführen, wenn sie damit ein Statement abgeben können. Und: Mecca-Cola zu trinken, heisst noch lange nicht, für den Frieden zu sein.
> Luca Aloisi Stellvertretender Chefredaktor

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