Schmetterling im Blätterwald

Kontaktanzeigen Facts und NZZ beschreiten im persönlichsten aller Rubrikenmärkte neue, interaktive und zudem profitable Wege.

Kontaktanzeigen Facts und NZZ beschreiten im persönlichsten aller Rubrikenmärkte neue, interaktive und zudem profitable Wege.Wenn die ersten Pflanzen keimen und der Menschen Hormone verrückt spielen, treibt auch die mediale Partnersuche frische, bunte Blüten. Eine solche lag am 20. März, sprich: einen Tag vor kalendarischem Frühlingsbeginn, dem Nachrichtenmagazin von Tamedia bei. Der erste Single-Guide von Facts versammelte auf 40 einheitlich gestalteten Seiten gleich 300 einsame Herzen, die man (und frau) auf Papier erst in Ruhe selektionieren und dann via E-Mail oder SMS kontaktieren konnte.Die Idee zur Ausdehnung der bislang auf Bar- und Restaurantführer beschränkten Line Extension «Guide» auf die Domäne Kontaktvermittlung stammt denn auch nicht aus Tamedias Offlinebereich. «Wir wollten endlich Synergien nutzen und eine Innovation lancieren, die Spass macht und sich zudem rechnet», sagt Claudia Wyss, Projektleiterin bei Tamedias «Date’n’flirt»-Plattform PartnerWinner.ch. Als Dritter im neuartigen Kommunikationsbund markiert auch Swisscom Mobile kostenlos visuelle Präsenz im Single-Booklet, dessen Auflage von 150000 Exemplaren noch nicht vergriffen ist. (Nachbestellungen via PartnerWinner oder Swisscom sind zwar möglich, machen auf Grund der geringen Halbwertzeit von Kontaktanzeigen jedoch wenig Sinn.)
Für die übrigen sechs ganzseitigen Inserate wurde gemäss Facts-Produktmanagerin Claudia Gillardon jeweils der volle Seitenpreis von 10000 Franken verrechnet. Deswegen sei bereits der erste nach Vorbild des monatlichen Amica-Beihefters «Zum Verlieben» entstandene Single-Guide «mindestens kostendeckend». Im Herbst soll das synergetische Ménage à trois mit einem Nachfolger für die Kuschelsaison in Serie gehen – und Tamedia so bald eine neue Ertragsquelle sichern.
Erfolg als Gütesiegel
Bei der in «Gefühlsgeschäften» bislang zurückhaltenden NZZ erfolgte die Aktivierung dieses konjunkturresistenten Rubrikensegments standesgemäss durch einen hochseriösen Anbieter. Überzeugt von der mit wissenschaftlichem Anspruch auftretenden Agentur Parship (siehe Kasten) hat den Marketingchef von NZZ-Online, Kurt Busslinger, aber letztlich deren Leistungsausweis: So schreibt der Internetableger dank der Kooperation mit dem Wochenblatt Die Zeit seit Anfang 2003 schwarze Zahlen. «Im Januar betrug der Erlös unseres ersten und bis dato ertragreichsten Medienpartners erstmals über 100000 Euro», sagt Parship-Mitgründer Lars Langusch. Die Zeit, mit deren Holtzbrinck-internem Jawort vor etwas über zwei Jahren alles begann, bezeichnet er daher als «Role model» und Türöffnerin für die stetig wachsende Zahl von Verlagen, die den Parship-Link auf den Homepages ihrer Renommiertitel platziert haben.
Ein Schlüssel zum Überraschungserfolg des elektronischen «Match making» – allein via nzz.ch liessen sich im ersten Quartal 2003 laut Busslinger knapp 10000 User registrieren – ist zweifellos dessen crossmediale Promotion. Wobei Parship insofern von der Branchenflaute profitiert, als der Bedarf an unverdächtigem «Füllmaterial» dieser Tage besonders hoch ist. So erscheinen im NZZ Ticket wöchentlich ein bis zwei ganzseitige Hinweise auf die neue Plattform. Und an deren Lancierung lockerte selbst das sich sonst zugeknöpft präsentierende Hauptblatt seinen Hemdkragen und liess im Inlandbund ungewohnt lustvoll «Nasenbär gesucht?» fragen.
Facts und NZZ (Online) sichern sich ein Stück des lukrativen Rubriken-Kuchens für Herzen in Flammen.
Marktführer der «Match-Maker»Mit seinen derzeit 340000 registrierten Mitgliedern ist Parship nach eigenen Angaben die grösste deutschsprachige Online-Partneragentur mit Sitz in Hamburg. Gegründet wurde der Internet-Vermittlungsdienst Mitte 2000 von Holtzbrinck Networxs AG, der Venture-Capital-Gesellschaft des Holtzbrinck-Verlags (Handelsblatt, Die Zeit, Wirtschaftswoche, Der Tagesspiegel und andere). Diese hält heute noch knapp
87 Prozent des seit 2002 profitablen Unternehmens; den Rest teilen sich die Gründer mit den derzeit 22 Mitarbeitern. Die aktuelle Kooperationsliste umfasst 30 Medienpartner und reicht von der Suchmaschine altavista.de über sämtliche Holtzbrinck-Produkte bis zu Spiegel Online. Auch in Österreich ist Parship bereits auf fünf Zeitungssites vertreten. Von den Schweizer Verlagen arbeitet bislang einzig die NZZ mit der Hamburger Agentur zusammen. Mit search.ch und Bluewin stehe man allerdings in Verhandlungen. Ganz oben auf der Wunschliste rangiert auch
die Weltwoche. Deren Verlagsleiterin Uli Rubner zeigt sich auf Anfrage durchaus interessiert, allerdings «frühestens auf Anfang 2004, wenn wir unser gesamtes Rubrikengeschäft neu organisiert haben». (oc)
Oliver Classen

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