Das Dilemma der alten und neuen Medien

Wenn es um die Frage einer wirtschaftlich tragfähigen Zukunft geht, dann unterscheiden sich alte und neue Medien nicht wesentlich. Beide stehen vor demselben Dilemma: Der Erfolg der Kommunikationskanäle steht und fällt mit den Inhalten. Nur fehlen für die Produktion von Qualitätsjournalismus noch Ertragsmodelle, lautet ein Fazit der Studie «The State of The News Media». Gastbeitrag von Josefa Haas, Leiterin Medieninstitut.

Jedes Jahr ist er eine Fundgrube, der Bericht über den Zustand der Nachrichten-Medien, The State of The News Media (www.stateofthemedia.org). Herausgegeben wird er vom Pew Project for Excellence in Journalismus. Der Bericht bemüht sich um eine transparente Darstellung der Entwicklung von sämtlichen Medienbereichen in den USA. Unparteiisch ermöglicht er interessante Einsichten. Die Ergebnisse des amerikanischen Medienmarktes lassen sich aufgrund der strukturellen Unterschiede nicht eins zu eins auf Schweizer Verhältnisse übertragen. Zu denken geben sollten allerdings die folgenden Trends:
– Der Bericht stellt nüchtern fest: Online-Journalismus hat noch kein tragfähiges Ertragsmodell gefunden. 79 Prozent der Online-User geben an, dass sie nie oder ganz selten Werbung anklicken. Für die direkte Bezahlung von Inhalten müssen für die Leser noch die adäquaten Plattformen und Rechnungssysteme entwickelt werden.
– Sogar die besten der neuen Medien-Sites verfügen immer noch über eine beschränkte Fähigkeit, Inhalte zu produzieren.
– Traditionelle Medieninhalte ziehen immer noch die meisten Leser an: 80 Prozent des Traffics von Nachrichten- und Informations-Sites konzentrieren sich auf die sieben Prozent Top-Sites. Davon sind 67 Prozent mit traditionellen Medien verknüpft. Die neuen Medien-Sites gehören hingegen selten zu den Top-Sites. 13 Prozent sind reine Aggregatoren, die ihre Inhalte von traditionellen Medien beziehen. Nur 14 Prozent produzieren originäre recherchierte Inhalte und begnügen sich nicht nur mit Kommentaren. Die Analyse von mehr als einer Million Blogs und Social-Media-Sites zeigt auf, dass 80 Prozent ihrer Links zu amerikanischen traditionellen Medien führen.
– Die Leserinnen und Leser werden vermehrt mit Argumenten und weniger mit Informationen konfrontiert. Der Anteil an Recherchejournalismus geht zurück, dafür steigt die Anzahl der Kommentare und Diskussionen. Diese Debatten-Orientierung wird inzwischen von rund 70 Prozent der Amerikaner als eine Überflutung durch parteiische Inhalte erlebt.
– Die Online-Plattformen sind von den Inhalten der klassischen Medien abhängig. Deshalb betrifft auch sie nach Ansicht der Verfasser der Studie der massive Abbau der Redaktionsbudgets. In den letzten drei Jahren sind in den USA für die Zeitungen, inklusive Online, 43 Prozent der Einnahmen weggefallen. Seit dem Jahr 2000 sind die jährlichen Investitionen für Berichterstattung und Redaktion um 30 Prozent auf 4,4 Milliarden Dollar zurückgegangen. Aus Non-Profit-Initiativen, die Journalismus finanzieren, konnten hingegen nur 141 Millionen Dollar generiert werden.
Das Fazit des Berichts über den «State of News Media» lautet deshalb: Das Schicksal der alten und der neuen Medien ist eng miteinander verknüpft. Letztlich geht es um die Frage: Wer finanziert jour¬na¬lis¬ti¬sche Recherchen und Berichterstattung? Diskussionsplattformen ohne die Basis von unabhängigen, transparenten und faktenorientierten Berichten fördern eine unausgewogene Meinungs- und stimmungsorientierte Informationsflut. In der Studie wird ein rasanter Zuwachs von interessengeleiteten Plattformen beobachtet.
Pro-Am-Modell für Informationen
Da sich die Nutzer in Zukunft sehr stark themen¬orientiert ihre Kommunikation steuern, schlagen die Autoren vor, dass neue Formen der Kooperation zwischen den traditionellen und den neuen Medien gefunden werden müssen. Die Kombination von klassischem Journalismus mit Nutzerbeiträgen ist auch bei Bürgerplattformen ein Lösungsansatz. Inhaltlich sollten sich die Beiträge auf die Lösung von Problemen und die Verbesserung der Gemeinschaft konzentrieren. Es gilt, in Zukunft ein gutes Modell zu finden für die Kooperation Profi- und Amateur-Journalismus, auch Pro-Am genannt. Allerdings müssen dafür noch die Spielregeln formuliert werden.
Die Fragen, die der Report aufgrund der Daten aufwirft, müssen auch in der Schweiz gestellt werden: Wie entwickelt sich das Verhältnis von interessengeleitetem zu unabhängigem Journalismus? Welche Auswirkungen hat die zunehmende Dominanz von Meinungsbeiträgen gegenüber fakten- und evi¬denz¬ori¬en¬tier¬ten Inhalten? Wie wird der mündige Bürger angesprochen und wo wird er aufgrund von politischen, ökonomischen und ideologischen Zielen manipuliert? Und wer stellt sicher, dass in Zukunft unabhängige und transparente Publizistik wirtschaftlich sichergestellt bleibt?
Die Öffentlichkeit und die Medienbranche werden gemeinsam definieren, über welche Medien dieses Land in Zukunft verfügen wird. Publizistische Leistungen sind die zentrale Säule der Kommunikation. Deshalb gilt es, diese durch klare professionelle Standards zu definieren, ihre Produktion finanziell sicherzustellen und Plattformen zu schaffen, die einen fairen Zugang ermöglichen.

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