Das Luxusgut der Flexisten

Zukunftsforschung Zeit wird immer mehr zum Statussymbol und somit vermarktbar. Darüber herrschte am 8. deutschen Trendtag Einigkeit.

Zukunftsforschung Zeit wird immer mehr zum Statussymbol und somit vermarktbar. Darüber herrschte am 8. deutschen Trendtag Einigkeit.Was Zeit sei, wisse er bloss, solange er nicht danach gefragt werde, bekannte Kirchenvater Augustinus vor über 1600 Jahren. Für den Aphoristiker Karl Kraus war «Zeit» eines jener Wunderworte, für die gelte: «Je näher man sie anschaut, desto weiter schauen sie zurück.» Keine leichte Aufgabe selbst für Trendforscher, diesem ebenso flüchtigen wie fundamentalen Phänomen habhaft zu werden – obschon diese vom grassierenden Vertrauensverlust besonders betroffene Gilde ja von Berufs wegen im Begriffsnebel stochert.Im Gegensatz etwa zur «Ich AG» vor drei Jahren hat das Motto des achten deutschen Trendtags denn auch kaum das Zeug zur Medienvokabel. «Eigenzeit: Aufschwung durch eine neue Zeitökonomie» verhiess das demonstrativ in optimistisches Magenta getauchte Programm der Hamburger Tagung. Die Farbgebung erwies sich indes als Fehlkalkulation des federführenden Trendbüros, hatte doch die mit dieser Corporate
Colour assoziierte Deutsche Telekom tags zuvor erst bekannt gegeben, ihr Marketingbudget um 100 Millionen Euro zusammenstreichen zu wollen.
Januskopf ZeitDen Referentenreigen eröffnete Norbert Bolz, und zwar mit der These von einer bereits real existierenden Zweiklassengesellschaft. Glaubt man dem Berliner Marketingphilosophen, lässt sich der Leitgedanke der alten Wirtschaft «Zeit ist Geld» heute nach zwei Seiten hin auslegen: «Die Gewinner der neuen Ökonomie opfern Geld, um Zeit zu sparen; die Verlierer dagegen investieren Zeit, um Geld zu sparen.» Konkret: Während die einen stundenlang im Internet nach dem ultimativen Airline-Discount suchen, buchen die andern den erstbesten Businessflug. Oder lassen ihn buchen.
Statt «Zeit ist Geld» heissts künftig also «Zeit oder Geld». So ungleich diese Grundressourcen auch sind: Letztlich scheint so wenigstens jede soziale Schicht ihren klassenspezifischen Luxus zu behalten – im Sinne dessen, woran es einem stets mangelt. Bei gestressten Managern (neudeutsch: Flexisten) ist das bekanntlich früher oder später die Gesundheit. Was den Bestsellerautor Reinhard K. Sprenger in seinem Vortrag zum Bonmot inspirierte: «Zuerst rennen wir mit unserer Gesundheit dem Geld und dann mit unserem Geld der Gesundheit nach.»
Im Übrigen plädierte der Bohlen des Beratungsbusiness’ für mehr schöpferische Ineffizienz, sprich: Eigenzeit während der Arbeitszeit. Als Beispiel für den Erfolg dieses paradoxen Konzepts führte Sprenger seinen Ex-Arbeitgeber 3M an. Dessen damals revolutionärer «Post it»-Kleber sei das Resultat solcher «Freizeit im Dienste des Unternehmens», weshalb der Konzern eine Anhebung der Eigenzeitquote von derzeit 25 auf 40 Prozent der Präsenzzeit erwäge.
Über die Anwendbarkeit solcher Freiräume auf Kreativbereiche wie Agenturen oder Redaktionen lässt sich streiten. Der nützlichste von Sprengers Ratschlägen galt entsprechend auch dem Gastgewerbe. «Morgen gibts Freibier»: Mit diesem Thekenschild werbe seine Stammkneipe schon seit Jahren – und sei (dennoch? deshalb?) täglich voll besetzt.
Dynamic Pricing im KommenNachmittags kam die rund 500-köpfige, auf Praxisorientierung getrimmte Zuhörerschaft aus Marketing und Medien aber doch noch auf ihre Kosten. David Bosshart, Direktor des Trendtag-Sponsors GDI, garnierte seine Betrachtungen zur Ökonomisierung der Zeit mit einigen Exempeln für die Bewirtschaftung dieser vermeintlich banalen Ressource. Mittels «Dynamic Pricing» und «Yield Management», so der Trendslang, wird demnach heute schon erfolgreich Zeit verrechnet.
Im Stadtzentrum von London etwa beim «Traffic Flow Management», das die Mautgebühr für die Strassenbenützung dem Verkehrsaufkommen anpasst. Ebenso einleuchtend ist die Strategie von Coca-Cola, deren Produkte in US-Automaten an heissen Tagen mehr kosten als an kalten. Und dass amerikanische Restaurantketten ihre Preispolitik nach der jeweiligen Auslastung und Tageszeit gestalten (Stichwort «Early Bird»-Tarif), ist für Bosshart fast schon selbstverständlich.
Wenig aufregend scheint auf den ersten Blick auch die ziemlich akademisch klingende Idee eines «Marketings der Katechontik» (griechisch für Anachronismus), die Norbert Bolz dem Berichterstatter am Rande des Trendtags unterbreitete. Gemeint ist damit im Wesentlichen die Entdeckung der Langsamkeit für respektive durch die Werbung. Bolz illustriert dieses Prinzip am Beispiel von Montblanc International. Der Schreibgerätehersteller kommuniziert mit seiner gesamten Corporate Identity konsequent «Ich schreibe mit dem Füller = Ich nehme mir Zeit (für dich) = Ich bin kultiviert». Durchaus denkbar, dass diese Gleichung auch für andere Kulturgüter wie deutsche Qualitätszeitungen, französische Spitzenweine oder englische Luxuskarossen aufgeht.
Ich nehme mir Zeit: Die Mont-Blanc-Botschaft eilt dem Trend um einen dünnen Federstrich davon.

Oliver Classen

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