Der TV-Kritiker

Kommentar Mit Neil Postman ist ein Prophet der populären Kulturkritikgestorben, dem es vor allem um die Durchschlagskraft seiner Fundamentalkritik ging, meint Samuel Helbling.

Kommentar Mit Neil Postman ist ein Prophet der populären Kulturkritikgestorben, dem es vor allem um die Durchschlagskraft seiner Fundamentalkritik ging, meint Samuel Helbling.
Wer seinen Namen nicht kennt, hat zumindest schon die Titel seiner einschlägigen Werke gehört: «Wir amüsieren uns zu Tode» oder «Das Verschwinden der Kindheit». Medienwirksam wie kein Zweiter hat der kürzlich verstorbene amerikanische Kulturkritiker Neil Postman den Untergang des Abendlandes und der USA an die Wand gemalt. Nicht mehr durch totalitäre Ideologien, sondern durch totales TV-Entertainment würden die Menschen heute weich gekocht und entmündigt. So lautete in den Achtzigerjahren das Verdikt seiner grimmig-kulturpessimistischen Anklageschriften gegen unsere TV-dominierte Kultur. O-Ton Postman: «Fernsehen wurde nicht für Idioten erschaffen – es erzeugt sie.» Der Medienprofessor und Bestsellerautor warnte unablässig vor der Trivialisierung, Boulevardisierung und Infantilisierung der Gesellschaft durch die schöne neue Medienwelt. Problematisch am kommerziellen Fernsehen sei, dass es jedes Thema als Unterhaltung präsentiere. Dadurch gefährde es die Urteilsbildung der Bürger und damit die Meinungsbildung in den Demokratien.Postmans fernsehkritische Analysen wirken heute seltsam antiquiert, auch wenn seine Urteile von linken und konservativen Kulturpessimisten dankbar aufgenommen und immer noch gerne kolportiert werden. Eine nüchterne Einschätzung der Vor- und Nachteile der visuellen Kommunikation war nicht sein Ding. Konsequenterweise verweigerte er sich PC und
E-Mail und schrieb seine Streitschriften stets mit der Feder. Dass mediale Unterhaltung durchaus auch informativ und argumentativ sein kann, dass populäre TV-Sendungen nicht nur der Ablenkung dienen, wollte der Medienapokalyptiker nicht wahrhaben. Doch TV-Inhalte haben nicht nur eine Bedeutung und damit auch nicht nur eine Wirkung; sie sind nicht immer steuerbar und können durchaus emanzipatorisch oder gar subversiv sein, indem sie für bestimmte Gruppen der Gesellschaft sinn- und identitätsstiftend wirken. Populäre TV-Sendungen funktionieren eben nicht immer nach den Absichten ihrer Produzenten.
Hinter Postmans fundamentalistischer Medien- und Fernsehkritik steht im Grunde die altbekannte Manipulationstheorie. Sie sieht das Publikum nur als Opfer ausgeklügelter Medienstrategien. Wer so argumentiert, ignoriert, dass die Massenmedien zur Wirklichkeit gehören und dass wir auch durchschauen können, wie sie funktionieren. Wer sich in der Mediengeschichte auskennt, weiss, dass sich die Medien von guten Ratschlägen umso weniger beeindrucken liessen, je mehr ihnen solche erteilt wurden. Schliesslich entscheidet auch der Zuschauer, was er sehen will. Was ihm nicht passt, wird gnadenlos weggezappt. Im Konkurrenzkampf um Aufmerksamkeit entscheiden Quoten und Reichweiten über Sein oder Nichtsein von Sendeformaten. Es ist niemand gezwungen, sich vor der Glotze zu Tode zu langweilen.
Das Publikum lässt sich nicht so einfach erziehen, manipulieren oder aufklären. Es weiss, dass ohne seine aktive Beteiligung mit der Telefontaste kein TV-Grossereignis wie beispielsweise «MusicStar» oder «Deutschland sucht den Superstar» stattfinden kann. Es manipuliert das Medium, um seine Wünsche durchzusetzen und seinen Spass zu haben. Es weiss, dass das Medium Fernsehen plebiszitär geworden ist. Wer sich dem Zuschauerwillen nicht fügt, wird mit Liebesentzug bestraft, wer ihn erfüllt, mit schönen Quoten belohnt.
> Samuel Helbling, Chefredaktor

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