Ende der Kulturreservate
Aufgefallen Als letzte Journalistenspezies trifft der Rotstift nun auch die Edelfedern. Die Redimensionierung vieler in Selbstgefälligkeit erstarrter Feuilletons ist überfällig und zudem eine Chance zum Neubeginn.
Kolumne Als letzte Journalistenspezies trifft der Rotstift nun auch die Edelfedern. Die Redimensionierung vieler in Selbstgefälligkeit erstarrter Feuilletons ist überfällig und zudem eine Chance zum Neubeginn.Einige aufgeregte Feuilletonisten, die dieser Tage über einen neuen «Strukturwandel der Öffentlichkeit» klagen, möchten uns glauben machen, dass ein zentraler Ort der intellektuellen Auseinandersetzung in Gefahr sei. Wenn die kulturellen Beiblätter der Qualitätszeitungen statt sechs bis acht Seiten täglich nur noch den halben Umfang bieten, stehe die Selbstverständigung der Republik auf dem Spiel, lautet ihr Alarmruf.Gehts nicht auch eine Nummer kleiner? Bei allem Verständnis für den Versuch der Kollegen, die krisenbedingte Bedrohung des eigenen Arbeitsplatzes in den Rang einer gesamtgesellschaftlichen Herausforderung hochzuschreiben, sollte man das kulturkritisch abgetönte Gejammere doch nicht ernst nehmen. Denn die Krise des Feuilletons begann nicht erst, als Stellen- und Seitenabbau auch in den Schutzzonen der Zeitungskultur durchgesetzt wurden. Lange bevor es zum Opfer der Kostenkalkulatoren wurde, hat sich das Feuilleton gerade in der deutschen Qualitätspresse selbst zu Grunde gerichtet.
In souveräner Unkenntnis des Geschäftsmodells hielt man die Expansion des Umfangs über jedes vernünftige Mass hinaus für einen Zugewinn an reflexiver Kompetenz, während in Wirklichkeit doch nur der einst boomende Anzeigenmarkt redaktionelles Beiwerk erforderte. Der neu gewonnene Raum wurde gefüllt mit jenen elitären Distinktionsmerkmalen, welche die führenden Feuilletons an manchen Tagen unlesbar gemacht hatten. In oft peinlicher Selbstüberschätzung stilisieren sich Autoren dort zu Generalisten, die gern von den hinteren Seiten ihres Blattes schrill dem Leitartikel oder dem Wirtschaftsteil widersprechen. Nicht der Widerspruch ist unangemessen, sondern die Ahnungslosigkeit, mit der man hier die «J’accuse»-Pose bemüht. Meinung zu allem war und ist angesagt, nicht sachkundige Analyse. Was zählt, ist die effektsichere Geste, die für ein paar Tage lang die «Diskurshoheit» sichert. Geboren wurde so das «Debattenfeuilleton», das Ansehen und Bedeutung des intellektuellen Streits mehr beschädigt hat, als das Spiesser-Ressentiments es je erreicht hätten.
Denn um ein paar Tage lang die Themen des öffentlichen Gesprächs zu setzen, war man(n) bereit, das zu verraten, wofür der Feuilletonismus eigentlich steht. Den Gipfel der Verluderung markierte ein Frankfurter Blatt, das in dieser lärmigen Aufmerksamkeitskonkurrenz selbst vor der Denunziation eines Schriftstellers nicht zurück-schreckte: Die Unfähigkeit zu lesen paarte sich da auf erschreckende Weise mit dem Willen, bis zur publizistischen Hinrichtung eines Autors zu gehen. Diese bis heute von den Urhebern trotzig gerechtfertigte Infamie hat das neue Feuilleton nachhaltig entzaubert: Es war nichts anderes als der dreiste Versuch, auch das kulturelle Leben den Prinzipien des Boulevardjournalismus zu unterwerfen. Aus der Werbung erfährt man heute mehr über den Zustand der Gesellschaft als aus abgehobenen Feuilletons. Wer an verlässlicher Kulturberichterstattung interessiert ist, hat sich deshalb längst angewidert von den Krawallfeuilletons abgewandt. Und selbst Dienstleistungen wie Literaturkritik werden kaum mehr angenommen. Ein paar Sätze mit subjektiven Geschmacksurteilen reichen, wenn sie im Fernsehen von einer glaubwürdigen Figur gesprochen werden. Und da sollen wir uns sorgen, wenn die immer noch seitenlangen Reste anmassender Belanglosig-keiten zusammengestutzt werden? Wünschen wir sie vollends zum Teufel, damit neu darüber nachgedacht werden kann, was Zeitung mit Kultur zu schaffen hat.
> Heribert Seifert schreibt
regelmässig für die NZZ über die
deutsche Medienlandschaft.
In souveräner Unkenntnis des Geschäftsmodells hielt man die Expansion des Umfangs über jedes vernünftige Mass hinaus für einen Zugewinn an reflexiver Kompetenz, während in Wirklichkeit doch nur der einst boomende Anzeigenmarkt redaktionelles Beiwerk erforderte. Der neu gewonnene Raum wurde gefüllt mit jenen elitären Distinktionsmerkmalen, welche die führenden Feuilletons an manchen Tagen unlesbar gemacht hatten. In oft peinlicher Selbstüberschätzung stilisieren sich Autoren dort zu Generalisten, die gern von den hinteren Seiten ihres Blattes schrill dem Leitartikel oder dem Wirtschaftsteil widersprechen. Nicht der Widerspruch ist unangemessen, sondern die Ahnungslosigkeit, mit der man hier die «J’accuse»-Pose bemüht. Meinung zu allem war und ist angesagt, nicht sachkundige Analyse. Was zählt, ist die effektsichere Geste, die für ein paar Tage lang die «Diskurshoheit» sichert. Geboren wurde so das «Debattenfeuilleton», das Ansehen und Bedeutung des intellektuellen Streits mehr beschädigt hat, als das Spiesser-Ressentiments es je erreicht hätten.
Denn um ein paar Tage lang die Themen des öffentlichen Gesprächs zu setzen, war man(n) bereit, das zu verraten, wofür der Feuilletonismus eigentlich steht. Den Gipfel der Verluderung markierte ein Frankfurter Blatt, das in dieser lärmigen Aufmerksamkeitskonkurrenz selbst vor der Denunziation eines Schriftstellers nicht zurück-schreckte: Die Unfähigkeit zu lesen paarte sich da auf erschreckende Weise mit dem Willen, bis zur publizistischen Hinrichtung eines Autors zu gehen. Diese bis heute von den Urhebern trotzig gerechtfertigte Infamie hat das neue Feuilleton nachhaltig entzaubert: Es war nichts anderes als der dreiste Versuch, auch das kulturelle Leben den Prinzipien des Boulevardjournalismus zu unterwerfen. Aus der Werbung erfährt man heute mehr über den Zustand der Gesellschaft als aus abgehobenen Feuilletons. Wer an verlässlicher Kulturberichterstattung interessiert ist, hat sich deshalb längst angewidert von den Krawallfeuilletons abgewandt. Und selbst Dienstleistungen wie Literaturkritik werden kaum mehr angenommen. Ein paar Sätze mit subjektiven Geschmacksurteilen reichen, wenn sie im Fernsehen von einer glaubwürdigen Figur gesprochen werden. Und da sollen wir uns sorgen, wenn die immer noch seitenlangen Reste anmassender Belanglosig-keiten zusammengestutzt werden? Wünschen wir sie vollends zum Teufel, damit neu darüber nachgedacht werden kann, was Zeitung mit Kultur zu schaffen hat.
> Heribert Seifert schreibt
regelmässig für die NZZ über die
deutsche Medienlandschaft.
