Lernen vom Buhmann
Aufgefallen Anders als Moritz Leuenberger will und braucht Christoph Blocher keine Bea Tschanz. Statt auf PR-Berater setzt er einzig auf seinen Instinkt für Themen. Grösster Trumpf des Volkstribuns ist jedoch seine Authentizität.
Kolumne Anders als Moritz Leuenberger will und braucht Christoph Blocher keine Bea Tschanz. Statt auf PR-Berater setzt er einzig auf seinen Instinkt für Themen. Grösster Trumpf des Volkstribuns ist jedoch seine Authentizität.Ist das noch die Schweiz? Das Land vibriert ja förmlich – wegen der Politik! Auf der Szene: drei Getriebene und ein durchtriebener Treiber. Und der jagt die ganze Meute lachend durchs Dorf, genau in die Richtung, die ihm passt. Wer je einen Kurs in AgendaSetting brauchen sollte: Der ideale Dozent wäre Christoph Blocher. Oder etwa doch nicht? Wahrscheinlich könnte er nämlich nicht mal erklären, warum er alles richtig macht und wie die anderen Parteigewaltigen regelmässig in seine Kommunikationsfalle tappen. Der Mann ist einfach ungeheuer instinktsicher. Man mag ihn und seine Inhalte mögen oder nicht: Lernen lässt sich alleweil von ihm.Stattdessen jedoch beschimpfen sie ihn. Kein anderer Politiker ist in den letzten Jahren von den Medien so heftig angefeindet worden. Ausser Unzucht mit Kindern haben sie Blocher alles vorgeworfen: Lohn-Dumping, Waffenhandel, Börsenspekulation, Neonazi-Verstrickungen… Alles Luftheuler, zum Teil sogar Verleumdungen, schlimmer als die Borer-Geschichte. Und wie hat er reagiert? Hat er Gerichte und Anwälte bemüht? Hat er wenigstens Berater beigezogen? Nichts dergleichen. Sein Tribunal ist die Öffentlichkeit, und PR-Leute hält er sowieso verächtlich für «Fassadenreiniger».
Lernen kann man zum Beispiel, dass Politik nichts anderes ist als Öffentlichkeitsarbeit an und – vor allem – für sich. Dass ein Politiker, der Spin doctors, Einflüsterer, Händchenhalter und Leichenschminker braucht, nichts taugt, weil das Spüren und (Be-)Setzen von Themen eigentlich sein genuiner Job wäre, dies lässt ein Kaliber wie Blocher seine Konkurrenz nur beiläufig, aber umso deutlicher spüren.
Der bestgehasste Politiker der Schweiz indes zeigt sich zugänglicher denn je. Neuerdings spricht er sogar mit Ringier-Blättern, die ihn seit Jahren per Stallorder bekämpfen. Denn er weiss: Je williger er sie bedient, desto billiger besorgen sie sein Geschäft. Blocher ist Unternehmer; vom Gegenwind, der ihm ins Gesicht bläst, nutzt er sozusagen den Umkehrschub als Eigenenergie.
Man mag ihn mögen oder nicht, aber er zeigt, dass ein authentischer Typ bei der Mehrheit des Publikums unabhängig vom Medieneinfluss gut ankommt. Auch andere Politiker profitieren von diesem Effekt: Vor 30 Jahren war es James Schwarzenbach, heute sind es Persönlichkeiten wie Kaspar Villiger, Peter Bodenmann, Ernst Mühlemann und manchmal Franz Steinegger. Dafür braucht ein Moritz Leuenberger jetzt Bea Tschanz, damit ihm endlich jemand sagt, was auf seinem Zürcher Heimmarkt in Sachen Fluglärm so läuft.
Politiker bedienten sich immer schon der Medien. Im 19. Jahrhundert, als die meisten unserer Zeitungen gegründet wurden, dienten sie als Plattformen und Lautsprecher für da-hinter stehende Parteien. Seitdem ist einiges passiert mit dieser Schweiz: Bildung, Massentourismus, Verstädterung, Autoritätskrise, Frauenemanzipation, Konsumexplosion, Informatisierung, Beschleunigung bis zur globalen Gleichzeitigkeit. Heutige Bürgerinnen und Bürger brauchen die Medien nicht mehr als Kanzeln oder als Katheder, eher als Suchmaschinen, als Bühnen, allenfalls als Zeitspiegel. Kluge Politiker merken das. Die anderen versuchen derweil, die nicht mehr so leicht steuerbaren Medien mit Verfassungsartikel, der Zuckerbrot-und-Peitsche-Strategie des RTVG, mit einer tückischen Presseförderung und zugleich mit der Keule jakobinischer Werbeverbote gefügig zu machen.
Das alles wird vermutlich scheitern. Denn mit dem Medienbild des 19. Jahrhunderts ist im 21. nicht mehr viel auszurichten. Blocher weiss das. Die anderen müssen es noch lernen. Ob von ihm oder trotz ihm, spielt eigentlich keine Rolle.
PS: Würde er die politischen Geschäfte so gut führen wie er seit zwei Wochen die Öffentlichkeit manövriert, wäre er ein exzellenter Bundesrat!
Karl Lüönd über den sicheren Medieninstinkt Christoph BlochersHat Helvetia fest im Griff und ist ein durchtriebener Treiber: Noch-nicht-Bundesrat Christoph Blocher.
> Karl Lüönd ist Publizist, Buchautor und Leiter des Medieninstituts desVerbands Schweizer Presse.
Lernen kann man zum Beispiel, dass Politik nichts anderes ist als Öffentlichkeitsarbeit an und – vor allem – für sich. Dass ein Politiker, der Spin doctors, Einflüsterer, Händchenhalter und Leichenschminker braucht, nichts taugt, weil das Spüren und (Be-)Setzen von Themen eigentlich sein genuiner Job wäre, dies lässt ein Kaliber wie Blocher seine Konkurrenz nur beiläufig, aber umso deutlicher spüren.
Der bestgehasste Politiker der Schweiz indes zeigt sich zugänglicher denn je. Neuerdings spricht er sogar mit Ringier-Blättern, die ihn seit Jahren per Stallorder bekämpfen. Denn er weiss: Je williger er sie bedient, desto billiger besorgen sie sein Geschäft. Blocher ist Unternehmer; vom Gegenwind, der ihm ins Gesicht bläst, nutzt er sozusagen den Umkehrschub als Eigenenergie.
Man mag ihn mögen oder nicht, aber er zeigt, dass ein authentischer Typ bei der Mehrheit des Publikums unabhängig vom Medieneinfluss gut ankommt. Auch andere Politiker profitieren von diesem Effekt: Vor 30 Jahren war es James Schwarzenbach, heute sind es Persönlichkeiten wie Kaspar Villiger, Peter Bodenmann, Ernst Mühlemann und manchmal Franz Steinegger. Dafür braucht ein Moritz Leuenberger jetzt Bea Tschanz, damit ihm endlich jemand sagt, was auf seinem Zürcher Heimmarkt in Sachen Fluglärm so läuft.
Politiker bedienten sich immer schon der Medien. Im 19. Jahrhundert, als die meisten unserer Zeitungen gegründet wurden, dienten sie als Plattformen und Lautsprecher für da-hinter stehende Parteien. Seitdem ist einiges passiert mit dieser Schweiz: Bildung, Massentourismus, Verstädterung, Autoritätskrise, Frauenemanzipation, Konsumexplosion, Informatisierung, Beschleunigung bis zur globalen Gleichzeitigkeit. Heutige Bürgerinnen und Bürger brauchen die Medien nicht mehr als Kanzeln oder als Katheder, eher als Suchmaschinen, als Bühnen, allenfalls als Zeitspiegel. Kluge Politiker merken das. Die anderen versuchen derweil, die nicht mehr so leicht steuerbaren Medien mit Verfassungsartikel, der Zuckerbrot-und-Peitsche-Strategie des RTVG, mit einer tückischen Presseförderung und zugleich mit der Keule jakobinischer Werbeverbote gefügig zu machen.
Das alles wird vermutlich scheitern. Denn mit dem Medienbild des 19. Jahrhunderts ist im 21. nicht mehr viel auszurichten. Blocher weiss das. Die anderen müssen es noch lernen. Ob von ihm oder trotz ihm, spielt eigentlich keine Rolle.
PS: Würde er die politischen Geschäfte so gut führen wie er seit zwei Wochen die Öffentlichkeit manövriert, wäre er ein exzellenter Bundesrat!
Karl Lüönd über den sicheren Medieninstinkt Christoph BlochersHat Helvetia fest im Griff und ist ein durchtriebener Treiber: Noch-nicht-Bundesrat Christoph Blocher.
> Karl Lüönd ist Publizist, Buchautor und Leiter des Medieninstituts desVerbands Schweizer Presse.
