Qualitäter und andere Blender
Aufgefallen Zur journalistischen Qualitätssicherung brauchts keine verlegerischen Feigenblätter (wie Ombudsstellen), sondern eine redaktionelle Debattenkultur.
Kolumne Zur journalistischen Qualitätssicherung brauchts keine verlegerischen Feigenblätter (wie Ombudsstellen), sondern eine redaktionelle Debattenkultur.Sie sind zu einem Podium über Qualitätsjournalismus eingeladen worden, Mbwana? Und Sie fragen sich, was Sie dort sagen sollen?Mit Sicherheit nicht Folgendes: Das Präfix «Qualitäts-» ist ein sicheres Indiz, dass eine schon etwas angegammelte Ware verkauft werden soll. «Superqualität!»: Diesen Slogan findet man nur in Trödelgeschäften. Wirklich Praktisches, Schönes, Zweifelsfreies braucht diesen Zusatz nicht. Es gibt keinen Qualitäts-Rolls-Royce.
Um die Qualität steht es ähnlich wie um die Ethik, von der Bankier Hans J. Bär schrieb: «Wenn nicht alle Zeichen trügen, hat der Terminus Ethik fabelhafte Aussichten auf eine Präfix-Karriere, wie wir sie nur vom Bio-
Label kennen: Es wird zum Gütesiegel für unbedenklichen Verzehr.»
In der Tat wird unter der Flagge «Qualität im Journalismus» (sozusagen als Tante-Emma-Laden im Schatten des Ethikkonzerns) ebenfalls ein kleines, aber florierendes Gewerbe aufgezogen. Dessen Teilhaber sind Publizistikprofessoren, Presseräte, Ombudsmänner, Medienausbildungszentren, Podiumsveranstalter und Vereine wie www.quajou.ch.
Bei fast allen Qualitätsjournalismusdebatten fällt ein leicht pastoraler Ton auf. Das ist kein Zufall, denn das Kerngeschäft ist uralt: grauhaarige Prediger, bekehrte Sünder, finstere Prophezeiungen, gelegentliche Selbstgeisselungen und viele fromme Worte. Wir befinden uns in der uralten Branche des Ablasshandels. Und hier gilt: Grosse Sünder sind grosszügige Spender. Das zeigte sich zuletzt am Verlegerkongress, wo zahlreiche Damen und Herren begeistert die Busspredigten von Ex-Kollegen und Bundesräten beklatschten. (Kurz nachdem sie fast den Gesamtarbeitsvertrag gekippt hatten: mit dem schönen Gedanken, dass schlecht bezahlte Journalisten kreativer arbeiten.)
Das Ärgerliche am Schweizer Journalismus – die lauwarme Luft, das Geschrei, die Gleichförmigkeit – hat auch handfeste Gründe: Inseraterückgang, Geldmangel und als Folge überall Angst. Alles versucht, auf der sicheren Seite zu sein, Trends nicht zu verpassen und die ebenfalls kopierende Konkurrenz zu kopieren. (Nur als Beispiel: Die NZZ-Sonntagszeitungskopie.)
Das Pseudo-Heilmittel heisst Opportunismus: mehr Provinz (in der Kaninchenzüchterreportage liest du, Kaninchenzüchter, deinen Namen), mehr Serviceservilität (deine Zeitung optimiert dir Ehe und Steuererklärung) und last but not least die Boutique-Idee: Köpfe, Köpfe, Köpfe schreiben Kolumnen, Kolumnen, Kolumnen. In der Hoffnung, dass Witz, Wärme und Intelligenz aus fotografierten Schädeln kommen wie Senf aus der Tube.
Und fürs Fussvolk und das Gewissen gibts Qualitätssicherungsprogramme, Weiterbildungen und Ombudsmänner. Doch lässt sich Qualität kaufen wie eine Gesichtscreme? Natürlich! Nur wirken wird sie genauso wenig. Mit Qualität steht es wie mit Stil und Persönlichkeit: Sie ist kein Accessoire, sondern das Resultat eines Prozesses, einer Haltung.
Genau hier aber liegt das Problem: Welche Redaktion hat schon ein Ziel, einen Standpunkt, eine Debattenkultur? Die Qualität einer Zeitung ist das Produkt journalistischer Wachheit, Neugier und Überzeugung – also von etwas, was sich nicht trainieren, sondern nur leben lässt. Und eine Frage von Tradition (welche etwa eine fast führungslose NZZ auf Kurs hält) und verlegerischem Willen (warum sonst wäre der Blick bei allem Unfug das wachste, intelligenteste Medium des Landes?).
Kurzum: Auch der in Zeitungspapier eingewickelte Fisch stinkt vom Kopf her. Wer auf Podien und in Leitartikeln über Qualität statt in seinen Redaktionen über Ideen, Ziele, Haltungen debattiert, schminkt Leichen.
PS: All das heisst natürlich nicht, dass Sie gegen Honorar nicht auf dem Podium auftreten sollen, Mbwana!
> Constantin Seibt ist Redaktor für Politik und Wirtschaft bei der Wochenzeitung (WOZ).
Um die Qualität steht es ähnlich wie um die Ethik, von der Bankier Hans J. Bär schrieb: «Wenn nicht alle Zeichen trügen, hat der Terminus Ethik fabelhafte Aussichten auf eine Präfix-Karriere, wie wir sie nur vom Bio-
Label kennen: Es wird zum Gütesiegel für unbedenklichen Verzehr.»
In der Tat wird unter der Flagge «Qualität im Journalismus» (sozusagen als Tante-Emma-Laden im Schatten des Ethikkonzerns) ebenfalls ein kleines, aber florierendes Gewerbe aufgezogen. Dessen Teilhaber sind Publizistikprofessoren, Presseräte, Ombudsmänner, Medienausbildungszentren, Podiumsveranstalter und Vereine wie www.quajou.ch.
Bei fast allen Qualitätsjournalismusdebatten fällt ein leicht pastoraler Ton auf. Das ist kein Zufall, denn das Kerngeschäft ist uralt: grauhaarige Prediger, bekehrte Sünder, finstere Prophezeiungen, gelegentliche Selbstgeisselungen und viele fromme Worte. Wir befinden uns in der uralten Branche des Ablasshandels. Und hier gilt: Grosse Sünder sind grosszügige Spender. Das zeigte sich zuletzt am Verlegerkongress, wo zahlreiche Damen und Herren begeistert die Busspredigten von Ex-Kollegen und Bundesräten beklatschten. (Kurz nachdem sie fast den Gesamtarbeitsvertrag gekippt hatten: mit dem schönen Gedanken, dass schlecht bezahlte Journalisten kreativer arbeiten.)
Das Ärgerliche am Schweizer Journalismus – die lauwarme Luft, das Geschrei, die Gleichförmigkeit – hat auch handfeste Gründe: Inseraterückgang, Geldmangel und als Folge überall Angst. Alles versucht, auf der sicheren Seite zu sein, Trends nicht zu verpassen und die ebenfalls kopierende Konkurrenz zu kopieren. (Nur als Beispiel: Die NZZ-Sonntagszeitungskopie.)
Das Pseudo-Heilmittel heisst Opportunismus: mehr Provinz (in der Kaninchenzüchterreportage liest du, Kaninchenzüchter, deinen Namen), mehr Serviceservilität (deine Zeitung optimiert dir Ehe und Steuererklärung) und last but not least die Boutique-Idee: Köpfe, Köpfe, Köpfe schreiben Kolumnen, Kolumnen, Kolumnen. In der Hoffnung, dass Witz, Wärme und Intelligenz aus fotografierten Schädeln kommen wie Senf aus der Tube.
Und fürs Fussvolk und das Gewissen gibts Qualitätssicherungsprogramme, Weiterbildungen und Ombudsmänner. Doch lässt sich Qualität kaufen wie eine Gesichtscreme? Natürlich! Nur wirken wird sie genauso wenig. Mit Qualität steht es wie mit Stil und Persönlichkeit: Sie ist kein Accessoire, sondern das Resultat eines Prozesses, einer Haltung.
Genau hier aber liegt das Problem: Welche Redaktion hat schon ein Ziel, einen Standpunkt, eine Debattenkultur? Die Qualität einer Zeitung ist das Produkt journalistischer Wachheit, Neugier und Überzeugung – also von etwas, was sich nicht trainieren, sondern nur leben lässt. Und eine Frage von Tradition (welche etwa eine fast führungslose NZZ auf Kurs hält) und verlegerischem Willen (warum sonst wäre der Blick bei allem Unfug das wachste, intelligenteste Medium des Landes?).
Kurzum: Auch der in Zeitungspapier eingewickelte Fisch stinkt vom Kopf her. Wer auf Podien und in Leitartikeln über Qualität statt in seinen Redaktionen über Ideen, Ziele, Haltungen debattiert, schminkt Leichen.
PS: All das heisst natürlich nicht, dass Sie gegen Honorar nicht auf dem Podium auftreten sollen, Mbwana!
> Constantin Seibt ist Redaktor für Politik und Wirtschaft bei der Wochenzeitung (WOZ).
