«Mach was Schönes»
Formgebung Was leistet Design in Zeiten der Reiz-überflutung? Was ist ein Logo noch wert? Andreas Panzeri sprach mit Design-Experte Michael Erlhoff.
Formgebung Was leistet Design in Zeiten der Reiz-überflutung? Was ist ein Logo noch wert? Andreas Panzeri sprach mit Design-Experte Michael Erlhoff.WW Michelangelo war ein grosser Künstler. Er hat aber auch Waffen designt. Vom Designkünstler Philippe Starck haben wir kürzlich eine Bierdose für Kronenbourg vorgestellt. Ist das jetzt, wie wenn ein Literat sich zu einem Werbeclaim hergeben würde?Michael Erlhoff Das Thema ist Design im Alltag. Auf der einen Seite brauchen wir Objektwelten, die auch etwas bewegen und die uns ein bisschen provozieren. Die Intelligenz im Design muss aber auch noch andere Wege gehen. Es gilt zu überlegen: Wie kann ich Prozesse gestalten? Wie kann ich Produktreduktionen entwickeln? Das ist ein innerer Widerspruch innerhalb des Designs. Traditionell hat man vom Designer immer gefordert, er solle mal was Schönes machen. Wir sind aber eigentlich längst im Stadium einer Überproduktion. Wir müssten längst wissen: Wenn da tausend Dinge stehen, dann wende ich mich ab, denn es ist so mühsam, aus den tausend noch einmal etwas auszusuchen.
Das Wort Design ist überall präsent. Bald wird sich wohl auch noch der Buchhalter Finanz-Designer betiteln wollen. Ist der Ausdruck Design nicht langsam überstrapaziert?
Wir müssen davon ausgehen, dass im angelsächsischen Sprachraum immer alles Entwerfen und Konzipieren Design genannt wurde. Forschungsdesign zum Beispiel in der Naturwissenschaft. Das ist ein ganz normaler Ausdruck. Wir sind ein bisschen geschlagen damit, dass wir das, was einmal Formgestaltung war, sehr ungenau formulieren. Ich bin gar nicht so deprimiert darüber. Als Symptom dafür, dass – wie auch immer missverstanden – die Design-Diskussion existiert. Vor zwanzig Jahren war das nicht da, da kannte keiner das Wort Design. Seien wir mal froh, dass es inzwischen bekannt geworden ist. Jetzt müssen wir es als Plattform nehmen und ein vernünftiges Verständnis dafür aufbringen.
Raymond Loewy hat so konkrete Symbole wie die Shell-Muschel oder den doppelten roten Punkt für Lucky Strike designt. Heute scheint alles diffuser. Sind die grossen Formen oder Symbole verbraucht oder gar nicht mehr gefragt?
Das ist richtig. Es sind schon lange nicht mehr so markante Zeichen auf den Markt gekommen. Die Marke zeichnet sich heute eben nicht mehr nur durch ein Symbol aus. Inzwischen ist es möglich, dass aus Marken plötzlich zwei Marken werden, zum Beispiel bei einem Modelabel. Das geht immer weiter. Wir haben ein sehr viel gesicherteres Verhältnis zur Marke, das nicht mehr in einem Symbol darstellbar ist. Es ist alles viel komplexer geworden.
Auf grafisches Design hat das Web in letzter Zeit sehr viel Einfluss gehabt. Wo sehen Sie kommende Tendenzen, zum Beispiel Bilder und Formen aus Japan?
Mit dem Expo-Logo bei der Weltausstellung in Hannover ist deutlich geworden: Wie kriege ich auch flexible Strukturen in eine Form? Solche bewegliche Strukturen haben wir vom Web gelernt. Ich bin nicht mehr so stark darauf fixiert, dass wir ein einziges klares Logo haben. Man arbeitet viel mehr mit Ableitungen, bei denen man dennoch das Gefühl hat, dass es sich um die gleiche Sache handelt. Was kommende Einflüsse aus Japan betreffen, kann man da wenig voraussagen. Ich bin erschüttert über das Niveau des grafischen Designs zum Beispiel japanischer Zeitschriften. Ich würde höchstens sagen, dass von der Welt dieser Manga und anderen merkwürdigen figurativen Auflösungen vielleicht etwas hängen bleibt. Diese Prozesse des Austauschs laufen aber sehr langsam ab.
Starcks lästerhafter AuftrittDesigner Philippe Starck ist in Berlin mit dem Lucky Strike Designer Award 2004 ausgezeichnet worden.
Die Raymond Loewy Foundation International verleiht seit 1991 alljährlich den Lucky Strike Designer Award, mit dem internationale Designer für ihr Lebenswerk geehrt werden. Donna
Karan, Karl Lagerfeld, der Kameramann Michael Ballhaus, der Grafik-Designer Kurt Weidemann oder die Agentur Phoenix Product Design gehören zu den bisherigen Gewinnern.
Am letzten Donnerstag ist in Berlin nun Philippe Starck in die illustre Runde aufgenommen worden. Der Franzose gilt als «Designer der Mitbringsel» mit Alltagsgegenständen wie Zitrus-presse, Wasserkessel, Messer, Fernseher und Stühlen.
In Berlin zeigte sich Starck erwartungsgemäss als Enfant terrible. Vereinbarte Interviews liess er kurzfristig platzen. Dazu lästerte er in seiner Dankesrede mit launigen Worten gegen Design und Schein. Der grösste Designer sei für ihn der Schöpfer der Kalaschnikow. Er schimpfte die Preisstifter heuchlerisch, wenn sie mit Zigaretten eine Krankheit verbreiten und sich dann mit einer Stiftung wieder reinwaschen wollen. Das Preisgeld von 50000 Euro hat Starck aber trotzdem angenommen. «Sorry, it’s not against your father», entschuldigte er sich dann beim vorzeitigen Weghuschen noch bei der Tochter von Raymond Loewy.
Loewy als Namensgeber der Stiftung hatte Design als entscheidenden Marketingfaktor erkannt und neben dem doppelseitigen roten Punkt für Lucky Strike (1941) auch die Shell-Muschel, das Logo von BP oder Autos wie Studebaker entworfen.
Neben den grossen Stars zeichnet die Loewy Foundation in über zehn Ländern auch den gestalterischen Nachwuchs aus. In der Schweiz wird der mit 30000 Franken dotierte Preis am 24. November an der Hochschule für Gestaltung in Zürich vergeben. 95 Absolventen von Design-Schulen haben sich darum beworben.
Design-Ikone für die Küche: Starcks Zitruspresse.
Preisträger und Provokateur: Philippe Starck.
> Michael Erlhoff ist Präsident der Raymond Loewy Foundation, Jury-Mitglied beim Lucky Strike Design Award und Professor für Design-Theorie in Köln.
Das Wort Design ist überall präsent. Bald wird sich wohl auch noch der Buchhalter Finanz-Designer betiteln wollen. Ist der Ausdruck Design nicht langsam überstrapaziert?
Wir müssen davon ausgehen, dass im angelsächsischen Sprachraum immer alles Entwerfen und Konzipieren Design genannt wurde. Forschungsdesign zum Beispiel in der Naturwissenschaft. Das ist ein ganz normaler Ausdruck. Wir sind ein bisschen geschlagen damit, dass wir das, was einmal Formgestaltung war, sehr ungenau formulieren. Ich bin gar nicht so deprimiert darüber. Als Symptom dafür, dass – wie auch immer missverstanden – die Design-Diskussion existiert. Vor zwanzig Jahren war das nicht da, da kannte keiner das Wort Design. Seien wir mal froh, dass es inzwischen bekannt geworden ist. Jetzt müssen wir es als Plattform nehmen und ein vernünftiges Verständnis dafür aufbringen.
Raymond Loewy hat so konkrete Symbole wie die Shell-Muschel oder den doppelten roten Punkt für Lucky Strike designt. Heute scheint alles diffuser. Sind die grossen Formen oder Symbole verbraucht oder gar nicht mehr gefragt?
Das ist richtig. Es sind schon lange nicht mehr so markante Zeichen auf den Markt gekommen. Die Marke zeichnet sich heute eben nicht mehr nur durch ein Symbol aus. Inzwischen ist es möglich, dass aus Marken plötzlich zwei Marken werden, zum Beispiel bei einem Modelabel. Das geht immer weiter. Wir haben ein sehr viel gesicherteres Verhältnis zur Marke, das nicht mehr in einem Symbol darstellbar ist. Es ist alles viel komplexer geworden.
Auf grafisches Design hat das Web in letzter Zeit sehr viel Einfluss gehabt. Wo sehen Sie kommende Tendenzen, zum Beispiel Bilder und Formen aus Japan?
Mit dem Expo-Logo bei der Weltausstellung in Hannover ist deutlich geworden: Wie kriege ich auch flexible Strukturen in eine Form? Solche bewegliche Strukturen haben wir vom Web gelernt. Ich bin nicht mehr so stark darauf fixiert, dass wir ein einziges klares Logo haben. Man arbeitet viel mehr mit Ableitungen, bei denen man dennoch das Gefühl hat, dass es sich um die gleiche Sache handelt. Was kommende Einflüsse aus Japan betreffen, kann man da wenig voraussagen. Ich bin erschüttert über das Niveau des grafischen Designs zum Beispiel japanischer Zeitschriften. Ich würde höchstens sagen, dass von der Welt dieser Manga und anderen merkwürdigen figurativen Auflösungen vielleicht etwas hängen bleibt. Diese Prozesse des Austauschs laufen aber sehr langsam ab.
Starcks lästerhafter AuftrittDesigner Philippe Starck ist in Berlin mit dem Lucky Strike Designer Award 2004 ausgezeichnet worden.
Die Raymond Loewy Foundation International verleiht seit 1991 alljährlich den Lucky Strike Designer Award, mit dem internationale Designer für ihr Lebenswerk geehrt werden. Donna
Karan, Karl Lagerfeld, der Kameramann Michael Ballhaus, der Grafik-Designer Kurt Weidemann oder die Agentur Phoenix Product Design gehören zu den bisherigen Gewinnern.
Am letzten Donnerstag ist in Berlin nun Philippe Starck in die illustre Runde aufgenommen worden. Der Franzose gilt als «Designer der Mitbringsel» mit Alltagsgegenständen wie Zitrus-presse, Wasserkessel, Messer, Fernseher und Stühlen.
In Berlin zeigte sich Starck erwartungsgemäss als Enfant terrible. Vereinbarte Interviews liess er kurzfristig platzen. Dazu lästerte er in seiner Dankesrede mit launigen Worten gegen Design und Schein. Der grösste Designer sei für ihn der Schöpfer der Kalaschnikow. Er schimpfte die Preisstifter heuchlerisch, wenn sie mit Zigaretten eine Krankheit verbreiten und sich dann mit einer Stiftung wieder reinwaschen wollen. Das Preisgeld von 50000 Euro hat Starck aber trotzdem angenommen. «Sorry, it’s not against your father», entschuldigte er sich dann beim vorzeitigen Weghuschen noch bei der Tochter von Raymond Loewy.
Loewy als Namensgeber der Stiftung hatte Design als entscheidenden Marketingfaktor erkannt und neben dem doppelseitigen roten Punkt für Lucky Strike (1941) auch die Shell-Muschel, das Logo von BP oder Autos wie Studebaker entworfen.
Neben den grossen Stars zeichnet die Loewy Foundation in über zehn Ländern auch den gestalterischen Nachwuchs aus. In der Schweiz wird der mit 30000 Franken dotierte Preis am 24. November an der Hochschule für Gestaltung in Zürich vergeben. 95 Absolventen von Design-Schulen haben sich darum beworben.
Design-Ikone für die Küche: Starcks Zitruspresse.
Preisträger und Provokateur: Philippe Starck.
> Michael Erlhoff ist Präsident der Raymond Loewy Foundation, Jury-Mitglied beim Lucky Strike Design Award und Professor für Design-Theorie in Köln.
